In Russland fährt jetzt die Benzin-Polizei herum. Seit Tagen sucht sie Hausbesitzer auf, macht Razzien bei Garagen-Genossenschaften, voller Zuversicht, dabei versteckte Benzinvorräte zu entdecken. Und die Polizisten werden tatsächlich fündig. Im Gebiet von Pskow, im Nordwesten Russlands, ist Gouverneur Michail Wedernikow sogar selbst dabei und hat ein Foto gemacht von der sichergestellten Beute, irgendwo in einem Hinterhof. Ein verschlossenes Garagentor ist zu sehen, eine offene Holztür, davor stehen zwei große blaue Benzinkanister im Gras, die jemand gebunkert hatte. Der Gouverneur sprach von „schweren Verstößen“ und einer Strafe von bis zu 15 000 Rubel, knapp 170 Euro. Privat gehortetes Benzin, das will man sich in Russland nicht mehr leisten. Denn die Treibstoffkrise ist zuletzt immer schlimmer geworden. So groß wie seit den Neunzigerjahren nicht mehr.Ein anderer russischer Gouverneur, Georgij Filimonow aus dem Gebiet Wologda, 400 Kilometer nordöstlich von Moskau, warnte vor zwei Wochen auf seinem Telegram-Kanal die Bewohner eindringlich, nur ja kein Benzin auf Vorrat zu kaufen. Eine Stunde später postete er dort ein zweites Mal, diesmal von unterwegs: „Vor 15 Minuten bin ich mit dem Auto liegen geblieben. Kein Sprit mehr im Tank. Wir sitzen eben alle im selben Boot.“ Der Gouverneur musste seinen Dienstwagen stehen lassen und ließ sich mit einem Auto der Verkehrspolizei weiterfahren.Männer schreien sich an, streiten an der ZapfsäuleNach mehr als vier Jahren ist es der Ukraine so deutlich wie noch nie gelungen, praktisch die gesamte russische Bevölkerung die Folgen von Putins Großfeldzug spüren zu lassen. In den vergangenen Wochen und Monaten hat sie bei Gegenangriffen mit Drohnen immer wieder Öldepots und Raffinerien getroffen. Russland kann bei Weitem nicht mehr die Menge an Treibstoff herstellen, die eigentlich benötigt wird.Seit vielen Wochen gibt es in Russland lange, zum Teil kilometerlange Warteschlangen an den Tankstellen. Polizei und russische Nationalgardisten patrouillieren, bisher in mehr als zehn Regionen. Sie will Überverkäufe an Spekulanten verhindern. In den sozialen Medien wird die gereizte Stimmung für alle sichtbar: Männer schreien sich an, prügeln sich an der offenen Fahrertür, diskutieren an der Zapfsäule.In einigen Regionen gibt es allerdings keine Tankstellen mehr, an denen sich Menschen überhaupt streiten könnten. Nach einem Bericht von Reuters ist im Gebiet Kirow auf der annektierten Krim, in Tambow und Brjansk oder im sibirischen Jakutien nur etwa jede zweite Tankstelle geöffnet, mit strengen Beschränkungen. Und die Lage in der Provinz könnte sich noch verschärfen.Vor einer Woche hat die russische Regierung damit begonnen, die Hauptstadt Moskau bei der Versorgung mit Treibstoff zu bevorzugen. In dem Ballungsgebiet leben besonders viele Menschen, dort werden mehr Waren als anderswo umgesetzt, angeliefert, ausgefahren. Der Bedarf ist groß. Im Juni haben ukrainische Drohnen zweimal kurz hintereinander die Raffinerie in Kapotja getroffen, die Moskau wesentlich mitversorgt. Sie ist wegen der Schäden mindestens bis zum Ende des Jahres stillgelegt.Beliebt ist eine neue Internetseite: „GdjeBens – Wo gibt es Benzin?“ Dort können Autofahrer angeben, wo es gerade welche Benzinmarken zu kaufen gibt, wie viele Liter und wie lang die Schlange ist. Nach einem Bericht der unabhängigen russischen Zeitung Nowaja Gaseta, die ins Exil gedrängt wurde, ist in der Not in Russland Treibstoff der Schadstoffklasse Euro-3 erlaubt worden, sogar Euro-2 werde erwogen. Russland hatte sich schon vor Jahrzehnten für seinen eigenen Markt der europäischen Regelung angepasst. Euro-2 wurde in Russland 2006 eingeführt, seit 2013 aber ist es verboten, weil längst bessere Standards galten. Seit 2016 wird Euro-5 verwendet.Russische Experten warnen nun davor, in die alten Zeiten von Euro-2 zurückzukehren. Das würden die Autos dauerhaft nicht aushalten, vor allem würde es bei Menschen wegen der giftigen Abgase vermutlich einen Anstieg der Krebsraten und Herzinfarkte bedeuten. Die Zeitung zitierte den Experten Sachar Marschanow, der sagte, dass die Brände an den Raffinerien weniger katastrophal für Gesundheit und Umwelt seien als der Umstieg auf schlechten Treibstoff.In manchen Gegenden werden wieder Pferde eingespanntBereits die gesamte russische Wirtschaft spüre die Folgen der ukrainischen Gegenangriffe auf die Ölindustrie, schreibt die Exilzeitung Meduza. Der Benzinmangel, die gestiegenen Treibstoffpreise, all dies verteuere und verzögere den Transport von Waren. Landwirte fragen sich, wie sie ihre Traktoren betanken sollen, wie Futtervorräte für den Winter einfahren? Die kremlloyale Zeitung Moskowskij Komsomolez berichtete unter Berufung auf den Telegramkanal Mash sogar, dass in einigen ländlichen russischen Gegenden plötzlich die Nachfrage nach Pferden stark gestiegen sei, als Ersatz für Pferdestärken.Betroffen sind auch russische Fluggesellschaften. Einige von ihnen können sich offenbar den Kerosinmangel oder die gestiegenen Preise kaum mehr leisten. Die Linie „Asimut“ habe gewarnt, schreibt die Nowaja Gaseta, dass es „den ökonomischen Sinn verliert“, wenn alle Flüge wie geplant ausgeführt würden. An einigen Flughäfen im Nordkaukasus sowie in Nischni Nowgorod und Astrachan am Kaspischen Meer würden nicht alle Flugzeuge mehr aufgetankt werden.Die russische Regierung hat auf den Notstand reagiert. Mit Ausfuhrverboten von Diesel und Kerosin etwa, das nur noch für den heimischen Markt produziert werden darf. Und mit dem Einkauf von Treibstoff aus dem Ausland, denn darauf ist das Energieland Russland nun angewiesen. Vor allem Belarus und Kasachstan helfen aus, Kasachstan soll im Juli und August 50 000 Tonnen Benzin liefern, auch Indien ist offenbar im Gespräch. Der stellvertretende russische Ministerpräsident Alexander Nowak sagte am Dienstag, dass sich der Benzinmarkt auch wegen dieser Importe gerade „teilweise stabilisiert“. In der ukrainischen Führung dagegen wird vermutlich darüber nachgedacht, wie sie genau das verhindert.
Russland geht das Benzin aus – und die Not betrifft die gesamte Bevölkerung
Die Ukraine hat mit Gegenangriffen auf die Ölindustrie in Russland eine schwere Benzinkrise ausgelöst. Die Bevölkerung spürt die Folgen so stark wie nie.






