Ein Alkoholverbot soll deutsche Bahnhöfe sicherer machen. Kritiker sagen: Es ist kaum durchsetzbarAb Herbst ist Alkohol an allen deutschen Bahnhöfen tabu. Die Bahnchefin Palla verspricht mehr Sicherheit, doch Politik und Gewerkschaften reagieren verhalten. Kann ein Verbot die Bahnhöfe wirklich sicherer machen – oder schafft es sogar neue Konflikte?22.07.2026, 12.17 Uhr3 LeseminutenPolizisten am Nürnberger Hauptbahnhof: Deutsche Bahnhöfe sollen nach Plänen der Bahn sicherer werden.Ardan Fuessmann / ImagoDie Chefin der Deutschen Bahn zeigt sich nach einer erneuten Gewalttat gegen einen Mitarbeiter der Deutschen Bahn entschlossen: «Es reicht. Genug ist genug», sagte Evelyn Palla der «Bild»-Zeitung. «Wir greifen jetzt noch härter durch. Wir wollen mehr Ordnung und Sicherheit auf unseren Bahnhöfen und in unseren Zügen.»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Anlass für den Vorstoss war ein Vorfall in Baden-Württemberg am vergangenen Freitag, bei dem erneut ein Mitarbeiter der Deutschen Bahn Opfer von Gewalt wurde. Ein Zugbegleiter stürzte nach dem Angriff durch einen alkoholisierten Gewalttäter aus einem fahrenden Zug und wurde lebensgefährlich verletzt.Nach den Plänen der Bahn soll es künftig an allen 5400 deutschen Bahnhöfen untersagt sein, Alkohol zu konsumieren. Der Konzern beruft sich dabei auf sein Hausrecht – das Verbot gilt für Bahnsteige und in Bahnhofshallen. Die Regelung soll schrittweise eingeführt werden und ab dem 15. Oktober bundesweit gelten.Innenminister Dobrindt hat FragenDer Plan stösst auf ein überwiegend positives, aber doch verhaltenes Echo. Zu viele Fragen zur Umsetzung sind noch offen – nicht zuletzt die Frage, wer am Ende für die notwendigen Massnahmen bezahlen soll.So sagte auch der christlichsoziale Bundesinnenminister Alexander Dobrindt am Dienstag, er könne nachvollziehen, dass ein Alkoholverbot das Aggressionspotenzial an Bahnhöfen senken solle. Er halte aber die Durchsetzung für problematisch. Von der Bahnchefin Palla wolle er wissen, auf welche Erkenntnisse oder Studien sich die Idee stütze.Eine Sprecherin der Deutschen Bahn verweist hierzu auf Anfrage der NZZ auf einen Forschungsbericht des Deutschen Zentrums für Schienenverkehrsforschung. Dieser zeige klar, «dass Alkohol bei Konflikt- und Gewaltsituationen häufig eine Rolle spielt».Tatsächlich belegt die Studie, dass Alkoholkonsum Gewaltbereitschaft bei Fahrgästen und Konflikte fördert. Allerdings bewirkten Verbote in manchen Konstellationen sogar noch mehr Konflikte: nämlich bei den Versuchen von Bahnmitarbeitern, bestehende Alkoholverbote durchzusetzen.Eine andere Schlussfolgerung der Forscher stützt wiederum den Ansatz der Deutschen Bahn: Ein möglichst klares und einheitliches Alkoholverbot sei effektiver als ein punktuelles. «Jede Unklarheit eröffnet Raum für Diskussionen», heisst es in dem Papier.So räumt die Bahnsprecherin denn auch ein, dass letztlich ein ganzes «Massnahmenbündel» erforderlich sei. Notwendig seien «eine höhere Anzahl an Sicherheitskräften der DB Sicherheit, Präsenz der Bundespolizei und auch technische Massnahmen».Matthias Gastel, bahnpolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion der Grünen, begrüsst Pallas Initiative. Bahnpersonal und Reisende hätten «Respekt verdient». Gastel schränkt aber ebenfalls ein: «Das Alkoholverbot ist ein Baustein dafür, die Sicherheit zu verbessern. Noch wichtiger ist aber die verstärkte Präsenz der Bundespolizei. Bahnhöfe und Züge sollten bei der Einsatzplanung der Bundespolizei wieder höhere Priorität geniessen.»Isabel Cademartori, verkehrspolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion, lenkt den Blick hingegen schon auf den nächsten Schritt. «Perspektivisch sollte auch über ein Alkoholverbot in Zügen nachgedacht werden», sagt sie.Was kann die Bundespolizei überhaupt leisten?Gerade am gewünschten Einsatz der für die Bahnhöfe und den Zugverkehr zuständigen Bundespolizei entzündet sich jedoch Kritik. So sagt Manuel Ostermann, Vorsitzender der DPolG-Bundespolizeigewerkschaft, gegenüber der NZZ, dass er die Intention der Deutschen Bahn nachvollziehen könne. Wer aber ein bundesweites Alkoholverbot ausspreche, müsse dieses auch selbst durchsetzen können. Andernfalls erziele man den gegenteiligen Effekt.Der Bundespolizei würden selbst 3500 Planstellen fehlen. «Wer die Kapelle bestellt, muss sie auch bezahlen», meint der Gewerkschafter. Gefragt seien eigentlich massive Investitionen der Deutschen Bahn, so Ostermann, etwa in «verkehrspsychologische Beleuchtungskonzepte, saubere Infrastruktur, Videotechnik und den Sicherheitsservice».In diese Richtung weist auch die vom Konzern ins Feld geführte Studie. Sie stellt fest, dass schon verstärkte Schulungen in Deeskalationsmethoden, der Einsatz von Notruf-Apps oder Rückzugsräume für das Bahnpersonal helfen würden.Passend zum Artikel
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Ab Herbst ist Alkohol an allen deutschen Bahnhöfen tabu. Kann ein Verbot die Bahnhöfe wirklich sicherer machen – oder schafft es sogar neue Konflikte?










