Es ist erst ein paar Tage her, da gab sich Christophe Rivenq noch kämpferisch, obschon man ihm mit dem Tod gedroht hatte. „Wir dürfen uns von den Narcos nicht einschüchtern lassen“, sagte der Bürgermeister von Alès, einer mittelgroßen Stadt im Süden Frankreichs, 46 000 Einwohner. Sonst hätten sie schon gewonnen. „Meine Entschlossenheit ist größer als je zuvor“, sagte er dem Nachrichtensender BFM TV. Seine Stimme war fest, trotzig fast.Die meisten Franzosen sahen Rivenq, 60 Jahre alt, bei der Gelegenheit zum ersten Mal. Er ist noch nicht lange im Amt. Früher war er erster Stellvertreter des langjährigen Bürgermeisters – eine Karriere als Lokalpolitiker, zweite Reihe. Alès, am Fuß der Cevennen gelegen, ist Provinz. Nun aber rückte diese Provinz plötzlich in die öffentliche Wahrnehmung der ganzen Republik.Angehörige des Raid, einer Spezialeinheit der französischen Polizei, haben Rivenq in der Nacht von Montag auf Dienstag in einer eiligen Nachtoperation aus seinem Wohnhaus „exfiltriert“ – diesen Begriff aus dem militärischen Jargon verwendeten die Medien für die Aktion. Die Polizisten schleusten den Bürgermeister und seine Frau aus dem Schlafzimmer und brachten sie in Sicherheit, an einen geheim gehaltenen Ort.Offenbar hatten die Ermittler einen Hinweis auf eine mögliche Bombe in einem Auto erhalten, das in Rivenqs Straße geparkt war. Und da man den Drogenbanden, die dem Bürgermeister nach dem Leben trachten, weil er sich ihnen in den Weg stellt, alles zutraut, schritt die Polizei sofort ein.Die Buchstaben „DZ“ stehen für das Länderkürzel von AlgerienGemeint sind die Narcos der DZ Mafia, eines noch jungen und noch kaum strukturierten Kartells aus Marseille, gegründet vor wenigen Jahren. DZ ist das Länderkürzel Algeriens, es steht kurz für „Djazair“ oder „Dzayer“, den arabischen Namen des Landes. Alle Bosse der DZ Mafia kommen aus Algerien oder sind Doppelbürger. Die meisten sitzen im Gefängnis.Aber das hinderte die DZ Mafia bisher nicht daran, ihre Aktivitäten auszubauen und immer stärker zu expandieren – in viele Städte im Süden Frankreichs, nach Nîmes, Avignon, Aix-en-Provence und darüber hinaus. Sie verdrängt dabei kleine Gangs, die vor ihr da waren und den Drogenhandel beherrschten. Und zwar mit brutaler Methode: Bei Widerstand bringt sie die Dealer um. Als Killer rekrutiert die DZ Mafia auch mal für ein paar Tausend Euro sehr junge Männer, manche sind noch minderjährig.Im Sommer 2025 begann der Verdrängungskampf auch in Alès, etwa zwei Autofahrstunden von Marseille entfernt.Von Rivenq, einem Mitglied der konservativen Partei Les Républicains, heißt es, er habe sich um eine massive Gegenwehr des Staates bemüht. So geriet er ins Visier der Narcos. Mitte Juli lag dann ein Umschlag im Briefkasten der Rivenqs, darin zwei Pistolenkugeln. Auf der Hausmauer hatte sich die Mafia gleich auch dazu bekannt: „DZNG“ stand da gemalt, das steht für „DZ Nouvelle Génération“, neue Generation. Daneben: „CVN“, kurz für Cévennes – so heißt das Viertel von Alès, in dem der Drogenkrieg gerade geführt wird.Die Polizei hat dem Bürgermeister zunächst angeboten, ihn ständig zu bewachen, mit Leibwächtern. Aber das hat Rivenq nicht gewollt. Er war nur bereit, einen Alarmknopf mit sich herumzutragen, den er zur Not hätte drücken können. Er wolle sich schließlich frei bewegen können in seiner Stadt, sagte er im Fernsehen, zur Arbeit fahre er mit dem Rad. „Die Einschüchterung ist ja nur der Beweis dafür, dass unser Handeln gegen die Narcos und ihren Handel ein Erfolg ist.“Nach seiner „Exfiltration“ wollte Rivenq zunächst nicht reden. Das übernahm Frankreichs Innenminister Laurent Nuñez. „Die Narcos“, sagte der, „greifen die Republik an.“ Und für einmal raffte sich die dauerpolarisierte französische Politik auf zu einer einhelligen Solidaritätsbekundung für den Bürgermeister aus Alès und lobte dessen Mut im Kampf gegen das organisierte Verbrechen.
Alès in Südfrankreich: Polizei rettet Bürgermeister vor der Drogenmafia
Christophe Rivenq, der Bürgermeister von Alès, stemmt sich gegen die Expansion der DZ Mafia und wird massiv bedroht. Die Polizei holte ihn nachts aus seinem Haus, wegen einer angeblichen Autobombe.










