Sein Aufenthaltsort ist fortan geheim. Mitten in der Nacht mussten Bürgermeister Christophe Rivenq, seine Frau und seine Kinder von Spezialkräften des RAID, einer Sondereinheit der französischen Polizei, aus ihrem Haus gerettet werden. Innenminister Laurent Nuñez ordnete den Einsatz in der südfranzösischen Stadt Alès zu Wochenbeginn an, da der Verdacht bestand, die Rauschgiftbande DZ Mafia könne eine Autobombe vor dem Wohnhaus des Bürgermeisters zünden lassen.Zuvor war der rechtsbürgerliche Kommunalpolitiker bedroht worden und hatte zwei Pistolenkugeln per Post geschickt bekommen. In dem Drohbrief wurden die Polizeirazzien gegen Dealer angeprangert, die Rivenq angetrieben hatte. Der Absender unterzeichnete mit DZ Mafia – der Name eines berüchtigten Drogenkartells aus Marseille. DZ ist das Länderkürzel für Algerien. Die Drogenbosse der DZ Mafia kommen alle aus Algerien oder sind Doppelbürger. Etliche von ihnen sitzen hinter Gittern, aber das Geschäft geht weiter.Rivenq, 60 Jahre alt, wurde erst im März dieses Jahres in das Rathaus von Alès gewählt, einem ehemaligen Bergbaustädtchen in den südlichen Cevennen mit gut 46.000 Einwohnern. Der Republikaner (LR) hatte aber schon ein Jahr früher als Interimsbürgermeister den Kampf gegen den sich ausbreitenden Rauschgifthandel aufgenommen und eng mit den Polizeikräften zusammengearbeitet. Damit kam er der Marseiller Rauschgiftbande in die Quere, die ihren Einflussbereich auf mittlere Städte wie Nîmes und eben Alès zu erweitern versucht.Rivenq warnt vor „Scheitern des Rechtsstaats“„Ich werde nicht aufgeben“, sagte Rivenq kämpferisch nach der nächtlichen Rettungsaktion. Dem Radiosender RTL sagte er, dass die Lage besonders für seine Frau und seine Kinder schwer zu ertragen sei. Er werde sich nicht von den Drohungen der Rauschgiftkriminellen einschüchtern lassen. „Man darf nicht nachgeben, hier wie überall, sonst bedeutet es das Scheitern des Rechtsstaats“, sagte er. Er hoffe, dass er mit seiner Familie schnell wieder nach Hause zurückkehren und auf Personenschützer verzichten könne.Doch die DZ Mafia hat weite Verästelungen, die bis nach Deutschland reichen. Gegen den deutschen Youtuber „Lucky L 030“, einen anonym auftretenden, dunkelblonden Mann mit Drei-Tage-Bart, läuft ein Strafverfahren wegen Beihilfe zu einer kriminellen Vereinigung und Anstiftung zum Rauschgiftkonsum. Lucky hat sich, wie er sagt, auf „die realsten Ghetto-Dokus“ spezialisiert und verherrlicht in den Clips im Ruhrpott-Slang eine Parallelwelt von vermummten jungen Männern, die mit Schusswaffen hantieren und mit frisierten Fahrzeugen über Landstraßen rasen.Im März drehte der Deutsche im Stadtteil Cévennes von Alès. Das Video zeigt Drogendealer mit Sturmhauben, Schusswaffen und mit Rauschgift gefüllten Tütchen, wie sie auf offener Straße ihr Geschäft betreiben. Das Video mit der Überschrift „Mit den Banden in Südfrankreich“ ist laut Angaben der französischen Polizei direkt von den Narcos in Auftrag gegeben worden und wurde fast 700.000 Mal abgerufen. Schon zuvor warb „Lucky“ mit einer Spritztour durch die von Drogenbanden beherrschten Viertel von Nîmes.Die Rede ist von mexikanischen VerhältnissenInnenminister Nuñez sagte, mit dem versuchten Autobombenanschlag auf den Bürgermeister sei „eine Grenze überschritten worden“. Er fügte hinzu: „Die Narcos greifen die Republik an.“ Auch Rivenq äußerte, er sei vom Ausmaß der Gewalt überrascht. Im Kommunalwahlkampf hatte er noch gesagt: „Alès ist nicht Chicago.“Doch inzwischen spricht man auch in Paris über „mexikanische Verhältnisse“ in Alès. Seit Sommer 2025 hat die DZ Mafia in der Cevennen-Stadt Fuß gefasst. Anfang Juni wurde ein 18 Jahre alter Mann in der Nähe eines Drogenumschlagplatzes erschossen. Mitte Januar wurde in dem Viertel ein 54-Jähriger getötet. Einige Tage zuvor waren vier Jugendliche aus Seine-Saint-Denis Ziel einer Maschinengewehrsalve in Alès geworden. Im Oktober 2025 kam ein 22-Jähriger bei einer Abrechnung unter Drogenhändlern ums Leben.Am Donnerstag wurde in den sozialen Netzwerken ein Video mit sechs schwarz vermummten Männern vor einem Tuch mit der Aufschrift DZ Mafia veröffentlicht.Am Rand ist die algerische Nationalflagge zu erkennen. Einer der Vermummten behauptet, die DZ Mafia habe mit der „feigen Tat“ gegen den Bürgermeister nichts zu tun. Die Staatsanwaltschaft teilte mit, sie werde die Videoaufzeichnung überprüfen.