Bei der Aufarbeitung des Anschlags vom 22. Juli 2016 am Olympia-Einkaufszentrum (OEZ) hat die Münchner Polizei die Betreuung der Angehörigen als einen wesentlichen Punkt erkannt, den sie hätte besser machen können. Etliche Angehörige der neun Todesopfer klagen bis heute, dass sie sich nicht angemessen behandelt fühlten. Aus dieser Erfahrung hat die Polizei Lehren gezogen. „Es ist tatsächlich so, dass der Bereich Betreuung in der Wertigkeit sowohl von der Personalausstattung als auch von den Aspekten der psychosozialen Grundversorgung ganz anders aufgestellt ist“, sagt Marcus da Gloria Martins, damals Pressesprecher der Münchner Polizei.„Wir haben mittlerweile im Zentralen Psychologischen Dienst neue Strukturen und neue Rollen geschaffen, die sich explizit darum kümmern“, erklärt da Gloria Martins: „Wir haben auch mit dem Kriseninterventionsteam und den Rettungsdiensten neue Abläufe besprochen, so dass man bestimmte Erfahrungen, die aus heutiger Perspektive für die Familien traumatisierungsverstärkend gewirkt haben könnten, heute besser machen würde.“Sich sensibler um Angehörige von Opfern zu kümmern, war freilich nur ein Befund aus dem Anschlag. Das Polizeipräsidium München schnürte insgesamt 14 sogenannte „Arbeitspakete“, um Abläufe zu überprüfen und Vorgehensweisen zu hinterfragen. Die Ergebnisse wurden für die gesamte bayerische Polizei umgesetzt. Die Maßnahmen bei der Messerattacke an einem Schongauer Gymnasium Anfang Juli beruhten beispielsweise auf Erkenntnissen aus dem OEZ-Einsatz. Die 14 Arbeitspakete im Einzelnen:1. Einsatz-Konzeption. 2016 gab es zwei Konzeptionen für Ereignisse mit vielen Verletzten, die unterschiedliche Maßnahmen nach sich zogen: Die „große Schadenslage“, die für Einsätze gedacht war wie beispielsweise bei einem Zugunglück. „Amok“ wurde ausgerufen, wenn von einem Anschlag mit einem oder mehreren Tätern auszugehen war. Beides hat man zusammengefasst zu einer Konzeption – für „lebensbedrohliche Einsatzlagen“. Die Absicht: Sofort ins Handeln zu kommen, auch wenn die Art des Geschehens zunächst noch unklar ist, und spezifische Maßnahmen erst später einzuleiten, wenn mehr Klarheit herrscht.2. Kräftemanagement. Beim OEZ-Anschlag kamen auch Polizeieinheiten von außerhalb Münchens zu Hilfe, GSG9-Beamte der Bundespolizei zum Beispiel oder die Spezialeinheit Cobra aus Österreich. Solche Hilfskräfte trafen sich früher an Sammelstellen innerhalb der Stadt, wurden dort registriert und auf Einsatzorte verteilt. Weil diese Koordinierung lange dauerte, werden diese Einheiten nun bereits außerhalb der Stadt in kleinen Gruppen gebündelt und von dort zu ihrem Einsatzort dirigiert.3. Interne Kommunikation. Dabei wurde geprüft, wie sich der Informationsfluss unter den Einsatzkräften optimieren lässt, auch um schnell mit Feuerwehr und Rettungsdiensten kommunizieren zu können. Das führte unter anderem zur Anschaffung neuer Dienst-Smartphones und zur Einrichtung eines internen Messengerdienstes.4. Technische Verbesserung des Funkverkehrs. Ein- und Ausbau der für den Digitalfunk nötigen Einrichtungen wurden forciert, die Netzabdeckung wurde erweitert, um jeder Streife auf den Straßen und allen Mitarbeitenden auch in den letzten Winkeln von Gebäuden einen klaren Empfang zu gewährleisten.Unklare Lage am 22. Juli 2016: Polizisten in Spezialausrüstung sichern das Gelände am Münchner Stachus. Andreas Gebert5. Neue Einsatzmittel. Bayerns Polizisten erhielten nicht nur neue Smartphones – sie wurden auch mit neuen Dienstwaffen und neuer Schutzausrüstung ausgestattet. Pistolen und Mitteldistanzwaffen mit mehr und durchschlagskräftigerer Munition sowie verstärkte Schutzwesten waren die Konsequenz aus den damaligen Terroranschlägen in ganz Europa. Auf OEZ-Erfahrungen zurückzuführen sind neue Signalwesten mit „Polizei“-Aufschrift, die für eine bessere Erkennbarkeit von Zivilbeamten im Einsatz sorgen sollen. Manche waren vor zehn Jahren für Täter gehalten worden, was zu Notrufen geführt hatte.6. Führungsstab. Die Abläufe in der Einsatzleitung wurden auf den Prüfstand gestellt, ebenso die Ausstattung. In München wurde unter anderem dafür gesorgt, dass bei einer „lebensbedrohlichen Lage“ in der Einsatzzentrale ganz schnell bis zu 30 zusätzliche Plätze für die Bearbeitung von Notrufen eingerichtet werden können.7. Öffentlicher Personennahverkehr (ÖPNV): Wegen der unübersichtlichen Lage am Tatabend legten Polizei und Münchner Verkehrsgesellschaft den ÖPNV in der Stadt lahm; erst nach einigen Stunden fuhren Busse und Bahnen wieder. Inzwischen haben Polizei und Verkehrsbetriebe Lösungen erarbeitet, um Streckennetze nicht mehr komplett still legen zu müssen. Zudem gibt es Absprachen, die in Bussen und Bahnen installierten Bildschirme im Ernstfall für die Information der Bevölkerung zu nutzen.8. Betreuung von Betroffenen. Es gab 2016 zwar Konzepte, allerdings hatte man einige Aspekte unterschätzt – vor allem, dass der Betreuungsbedarf von traumatisierten Angehörigen weit über die ersten Tage nach der Tat hinausgeht. Zudem zeigte sich, dass in solchen Fällen nicht bloß christliche Seelsorger benötigt werden, sondern auch muslimische oder solche aus anderen Religionsgemeinschaften.9. Die Auskunfts- und Vermisstenstelle GAST. Für größere Unglücksfälle oder Katastrophen hat die Polizei ein Call-Center eingerichtet als zentrale Anlaufstelle für Angehörige; bei diesem „Gemeinsamen Auskunfts- und Suchstellentelefon“ (kurz GAST) können sie Auskünfte über betroffene oder vermisste Personen erhalten. Am 22. Juli 2016 waren dort offensichtlich auch ungesicherte Informationen herausgegeben worden, bevor alle Todesopfer zweifelsfrei identifiziert waren. Dieser sensible Prozess wird nun strenger gehandhabt – selbst wenn es länger dauert, bis alles abgeklärt ist. Angehörige von Todesopfern werden grundsätzlich persönlich verständigt.10. Allgemeine Öffentlichkeitsarbeit. Nach dem Einsatz am OEZ wurden die Informationskanäle weiterentwickelt. Neben etablierten Medien und neueren Kommunikationsplattformen werden auch Smartphone-Anwendungen wie Nina und Katwarn für die Verbreitung von Nachrichten und Warnung vor Gefahren genutzt.11. Taktische Medizin. Weil Mitarbeitende von Rettungsdiensten angehalten sind, aus Eigenschutz unmittelbare Gefahrenzonen zu meiden, werden Polizisten nun regelmäßig geschult, die Erstversorgung, Stabilisierung und notfalls Rettung von Schwerverletzten zu übernehmen. Das geht weit über übliche Erste-Hilfe-Kurse hinaus und beinhaltet auch die Fähigkeit, starke Blutungen zu stoppen.12. Ermittlungsarbeit. Es wurden auch Abläufe überprüft, wenn sich Zuständigkeiten ändern. Seinerzeit hatte das Bayerische Landeskriminalamt (BLKA) die Ermittlungen sehr schnell vom Polizeipräsidium München übernommen. Die Konzeption für solche Übergaben wurde weiterentwickelt unter dem Aspekt, Reibungs- und Informationsverlust zu minimieren.13. Schutzräume für die Bevölkerung. Im OEZ, aber auch in der Innenstadt hatten am Abend des 22. Juli 2016 verängstige Menschen Schutz in Geschäften gesucht; viele flüchteten auch direkt ins Polizeipräsidium oder in andere Dienststellen von Sicherheitsbehörden. Wegen des gestoppten Nahverkehrs kamen sie ja nicht mehr nach Hause. Daraus folgte die Überlegung, wo und wie Schutzsuchende künftig unterzubringen seien. Entsprechende Vorkehrungen hält die Polizei für den Ernstfall unter Verschluss, um potenzielle Attentäter nicht anzulocken.14. Verpflegung von Einsatzkräften. Vor zehn Jahren waren in München rund 2300 Polizisten im Einsatz, viele waren kurzfristig in die Stadt gebracht worden. Bei absehbaren Großeinsätzen wie der jährlichen Sicherheitskonferenz lässt sich die Versorgung vorher organisieren. Nach dem OEZ-Anschlag wurden Pläne hinterlegt, wie bei Ad-Hoc-Einsätzen Essen und Getränke beschafft und verteilt werden.