Schindler im Stress: Konkurrent Kone drängt mit aller Macht nach oben – und gewinnt einen Grossauftrag der SBBMit einer spektakulären Übernahme will Kone den Aufzugsriesen Schindler am Weltmarkt distanzieren. Auch in der Schweiz holt der finnische Konzern auf.22.07.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenBitte nicht überladen: ein neuer Kone-Lift in der Zürcher Siedlung «Tiergarten».Karin Hofer / NZZNiemand wartet gern, das wissen die Hersteller von Aufzügen. Dennoch hat Schindler offenbar keine Wahl. Der Konzern aus Ebikon wollte im Juni einen Kapitalmarkttag abhalten. Doch kurz vorher verschob Schindler den Anlass für die Investoren auf November. Die Firma muss über die Bücher: «Im November werden wir zeigen, was wir vorhaben – und was in unseren Händen liegt», erläuterte der Chef Paolo Compagna am Dienstag anlässlich der Präsentation der Halbjahreszahlen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Compagnas etwas fatalistischer Ton hat einen Grund: Die Branche steht vor einem Umbruch. Das Geschäft mit Aufzügen und Rolltreppen wird von vier ähnlich grossen Unternehmen dominiert. Neben Schindler sind es Kone aus Finnland, TK Elevator aus Deutschland sowie Otis, der Marktführer aus den USA.«Blutbad» oder Wettbewerbsvorteil?Bald sind es wahrscheinlich nur noch drei Firmen. Kone hat Ende April angekündigt, TK Elevator (TKE) zu kaufen. Mit diesem Zusammenschluss entstünde ein neuer Branchenprimus mit grossem Abstand zur Konkurrenz. Er hätte einen Marktanteil von geschätzt rund 30 Prozent und einen Umsatz von pro forma 20,5 Milliarden Euro, basierend auf Zahlen des vergangenen Jahres. Schindler, der derzeit knapp zweitgrösste Anbieter, würde distanziert.Der Firmenchef Compagna hatte die Übernahme im Frühling in einer ersten Reaktion als «Blutbad» bezeichnet. Damit seien die erheblichen Unsicherheiten und möglichen Beeinträchtigungen für Kunden und Mitarbeiter von Kone und TKE gemeint gewesen, erklärt Schindler auf Anfrage.Das zielt auf die potenziellen Einschnitte und Entlassungen durch die Fusion. Kone und TKE versprechen den Anlegern hohe Synergien. Aber die Firmen ergänzen sich auch: Kone ist stark in China und Europa vertreten, TKE in den USA. Und Grössenvorteile sind ein wichtiger Wettbewerbsvorteil im Aufzugsgeschäft.Dennoch sind Investoren skeptisch. Seit Mitte April hat der Kone-Aktienkurs 15 Prozent verloren. Viele Analysten halten den TKE-Kauf für zu teuer. Die Übernahme hätte einen Wert von 29,4 Milliarden Euro. Die Finnen wollen sie fast zur Hälfte durch eine Kapitalerhöhung finanzieren. Das verwässert den Aktienbestand.Schindler will die Kartellbehörden einschaltenSchindler-Titel haben sich an der Börse weit besser geschlagen – auch wenn die Partizipationsscheine am Dienstag um 5 Prozent auf 255 Franken nachgaben. Ein möglicher Grund: Der Umsatz lag im ersten Halbjahr mit 5,3 Milliarden Franken etwas unter den Erwartungen. Allerdings wurde Schindler nochmals profitabler und steigerte die Marge. Das Unternehmen hatte sich in den vergangenen Jahren verschlankt und auf Effizienz getrimmt.Um den Gewinn geht es auch TKE: Die ehemalige Aufzugssparte des deutschen Industriekonzerns ThyssenKrupp wird seit 2020 von zwei Private-Equity-Investoren kontrolliert. Sie befürworten den Verkauf an Kone, weil sie dann mit markantem Gewinn aussteigen könnten.Widerstand ist an anderer Stelle zu erwarten: Die grosse Frage lautet, unter welchen Bedingungen die Wettbewerbsbehörden der Übernahme zustimmen. Wegen der Marktmacht des neuen Konzerns dürften sie in einigen Regionen den Verkauf von Unternehmensteilen fordern. Das würde für Schindler und Otis die Tür öffnen, ihrerseits zuzukaufen. Und wenn Kone und TKE mit sich selbst beschäftigt sind, könnten die Konkurrenten ihnen auch Kunden abjagen.Wahrscheinlich werden die Kartellbedenken die Fusion von Kone und TKE bis Mitte 2027 oder länger hinauszögern. Auch Schindler will den Zusammenschluss anfechten. Man verfolge Kones Anmeldeverfahren bei den Wettbewerbsbehörden aufmerksam und sei darauf vorbereitet, in den betroffenen Märkten Beschwerden einzureichen, teilt der Konzern auf Anfrage mit.Das Geld liegt bei alten AufzügenIn diesen Märkten geht es für die grossen Lifthersteller längst um mehr, als neue Aufzüge zu verkaufen. Mindestens ebenso wichtig sind die besonders rentable Modernisierung und Wartung bestehender Anlagen. Zusammen werden es Kone und TKE auf einen Wartungsbestand von rund 3,2 Millionen Einheiten bringen, schreibt die Zürcher Kantonalbank. Schindler hat nur 2 Millionen Einheiten im Portfolio.Der neue Marktführer würde fast zwei Drittel seines Umsatzes mit Wartung und Modernisierung bestreiten. Dieses Geschäft ist unabhängiger vom Bauzyklus als die Installation neuer Anlagen. Wie wichtig das sein kann, erlebt Kone in China: Die Finnen sind dort stark im Neugeschäft exponiert, leiden aber seit Jahren überproportional unter der Flaute am chinesischen Immobilienmarkt.Die Kunst liegt darin, den Wartungsbestand als Basis für den Verkauf von Modernisierungen zu nutzen, wie die Bank Baader erläutert. Modernisierung ist das weltweit am schnellsten wachsende Segment der Branche. Viele Gebäude mit Liften sind in die Jahre gekommen, auch in den Industrieländern.Die SBB geben Kone den Vorzug vor SchindlerUm dieses Potenzial auszuschöpfen, ist es für die Hersteller wichtig, viele Anlagen zu warten, die sie nicht selbst installiert haben. Dabei bedrängen die Finnen den Konkurrenten Schindler selbst im Heimatmarkt Schweiz, wo er dominiert.Ende Februar hat Kone einen Grossauftrag der SBB gewonnen, welche die Wartung ihrer fast 1300 Aufzüge und Rolltreppen neu ausgeschrieben hatte. Den Auftrag im Gesamtwert von jährlich 4,9 Millionen Franken teilen sich 6 Firmen – aber der Löwenanteil im Wert von 2,3 Millionen Franken ging an Kone. Schindler muss sich mit 1,2 Millionen Franken begnügen.Damit betreut Kone nun zehn Jahre lang den Service für 700 statt zuvor 200 Anlagen in den Bahnhöfen und anderen SBB-Gebäuden. Von diesen Anlagen sind zwei Drittel nicht von Kone produziert. «Die Fremdwartung ist für Kone ein Wachstumsfeld. Darum ist die SBB-Vergabe ein grosser und wichtiger Auftrag», sagt Alexander Vitt, der Kone-Geschäftsführer für Deutschland, Österreich und die Schweiz.Neben dem Preis spielt die Qualität der Wartung eine Rolle: Bei modernen Anlagen ist dank Sensoren eine Diagnose aus der Ferne möglich. Nur selten sei ein stehender Aufzug kaputt, erläutert Vitt.Die meisten Störungen in Bahnhofsliften drehen sich um die Türen, zum Beispiel nach einer Blockade durch Gepäck. Oder um falsche Bedienung, etwa wenn Kinder wild auf die Knöpfe drücken. Laut Vitt könne ein Lift aus der Ferne oft binnen 30 Sekunden wieder in Betrieb genommen werden.Ärger mit Kone-Rolltreppen in DeutschlandDoch manchmal ist wirklich etwas defekt. So wie im Februar in Berlin am Hauptbahnhof und am Bahnhof Südkreuz. Dort blieben viele Rolltreppen stehen oder fuhren plötzlich rückwärts. Mehr als 50 Anlagen wurden vorsorglich stillgelegt. Es handelte sich allesamt um Rolltreppen, die Kone hergestellt und eingebaut hatte.Für die krisengeplagte Deutsche Bahn (DB) war es ein weiteres Image-Debakel – und auch keine Werbung für die Finnen. Doch Kone sieht keine eigene Schuld, denn wie die SBB hatte auch die DB den Service für die Anlagen fremdvergeben.In Berlin hätten die Drittunternehmen Arbeiten an den Rolltreppen ausgeführt, die zu einem erhöhten Verschleiss beigetragen haben könnten, sagt der Kone-Manager Vitt. Für eine abschliessende Bewertung sei es noch zu früh. Aber: «Die Auswahl der Wartungs- und Reparaturdienstleister liegt in der Verantwortung des Betreibers», sagt Vitt mit Blick auf die DB.So ist das eben mit Aufzügen und Rolltreppen: Der Fahrgast sieht nur die Plakette des Herstellers – an guten wie an schlechten Tagen. Das Ringen im Innern der Branche bleibt ihm oft verborgen.Passend zum Artikel
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