Pünktlich wie der Osterhase: Jedes Jahr kommt «Jedermann» nach Salzburg – und mit ihm das grosse PublikumErst wird geprasst, dann kommt angesichts des Todes die Reue. Zum dritten Mal sorgen der Regisseur Robert Carsen und Philipp Hochmair dafür, dass viel Publikum an die Salzburger Festspiele strömt.Bernd Noack22.07.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenPhilipp Hochmair als Jedermann und Roxane Duran als Buhlschaft auf einer Tour durch Höhen und Tiefen des kapitalistischen Systems.Barbara Gindl / APA / KeystoneSeit 1920 geht die Veranstaltung fast durchgehend jedes Jahr über die Bühne – nur die Nazis sorgten für eine knapp tausendjährige Pause. Sommer für Sommer lockt sie bis zu 40 000 Besucher an. Die 2500 Sitzplätze auf der Tribüne vor dem Salzburger Dom sind zuverlässig gefüllt, die Hälfte der Zuschauer trägt teure Tracht, die andere schaut besorgt in den Himmel, ob sich nicht ein typischer Salzburger Niesel- oder Schnürlregen abseilen könnte.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Vorne auf der Bühne wird geprasst, zynisch über Armut und Absturz in Knittelversen gespasst, bis der Humor vorbei ist, weil der Tod ruft. Auf einmal sind alle Menschen gleich, die Bedürftigen und die Betuchten. Und sterblich sind sie ohnehin. Gott läutert sie, und sie gehen ein in Himmelreich und Ewigkeit, die man sich paradiesisch vorstellen soll.Das Sterben eines reichen MannesNatürlich ist die Rede von «Jedermann», jenem Spiel vom Sterben des reichen Mannes, mit dem am Wochenende traditionell die Salzburger Festspiele eröffnet wurden. Das Werk aus der gespreizten Feder von Hugo von Hofmannsthal, das seine erste Aufführung unter Max Reinhardt erlebte und die Erfolgsgeschichte der sommerlichen Grossveranstaltung mit Oper, Theater und Konzert einläutete, ist ein Selbstläufer. Und steht ein wenig ausserhalb des dicken Programms an der Salzach.Auch wen Theater nur am Rande interessieren sollte, tut sich dieses barocke Weihespiel naturgemäss an. Es ist ein atmosphärisch unvergleichliches Spektakel unter freiem Himmel vor dem Monumentalbau von Santino Solari, bei dem in der Regel eine hochkarätige Schauspielergilde und das Wetter mitspielen.Zum dritten Mal ist nun die Inszenierung des kanadischen Regisseurs Robert Carsen zu sehen, eine zeitlose Tour durch die Höhen und Tiefen des kapitalistischen Systems, das sich als trügerisch und menschenfeindlich herausstellt. Gegen die tägliche Langeweile wird angetanzt und durchgefeiert. Das Leben kann so flockig sein, wenn man alle Unbill vergisst. Es sei denn, das Glöcklein bimmelt aus den Tiefen des Doms heraus, und eine grässlich fordernde Stimme ruft laut über die Stadt: «Jeeedermann!» Da hält sich Philipp Hochmair, der die Rolle auch zum dritten Mal spielt, dann schmerzverzerrt die Ohren zu, windet sich in Krämpfen und ist sich sicher, dass es so nicht weitergehen kann.In der Tat ist ihm der Tod auf den Fersen, das Lebensbüchlein des Mannes im Glitzerkostüm ist voll – mit wenig schmeichelhaften Eintragungen. Noch windet er sich, doch seltsam schnell zieht ihn die Läuterung herab auf den Boden der Tatsachen. Da kann auch die neue, etwas kieksige Buhlschaft Roxane Duran nicht mehr helfen.Auf dem Weg der ReueCarsen liebt die Fallhöhen: Aus den wüsten, perfekt choreografierten Partys entwickelt sich das Niemandsland für den Abschied von der schnöden Welt. Hochmair stolpert im fahlen Licht nackt über die riesige Bühne, schlüpft dann in graue Arbeitsklamotten, um endlich im weissen Anzug den Reue-Weg zu seinem Herrn anzutreten und in die Gruft zu sinken.Das alles hat eine untadelige Perfektion, bannt den lauernden Kitsch der Vorlage, die devote Verneigung vor sakraler Klischeeanhäufung geschickt und lebt überhaupt vom Titelhelden, dem die Rolle (auch durch seine reloadeten Solo-Bearbeitungen) längst eine zweite Haut geworden ist. Das Bonmot von der Umbenennung des Titels in «Jedermair» macht die Runde in Salzburg. Wenn das alles in den nächsten Jahren so souverän weitergeht, wird es kaum zum «Jedermann-Kollapso» kommen, wie einst Helmut Qualtinger spottete: «Jedes Joahr is da Jedermann do! Egal, wos auf der Wölt passiert.» – Also komm, «Mister Jedermann, gemma bissel stearbn!» Aber net arg.Passend zum Artikel
Zum dritten Mal zieht Robert Carsens «Jedermann» das Publikum nach Salzburg
Erst wird geprasst, dann kommt angesichts des Todes die Reue. Zum dritten Mal sorgen der Regisseur Robert Carsen und Philipp Hochmair dafür, dass viel Publikum an die Salzburger Festspiele strömt.






