Die Debatte über Danger Dans Lied «Keine Angst» zeigt: Politische Gewalt ist im linken Mainstream salonfähigDas ZDF hat den Auftritt des Rappers zurecht gestoppt. Umso erstaunlicher ist, wie viele gute Gründe dafür finden, weshalb seine Anleitung zur Selbstjustiz politisch korrekt sei. Das ist gefährlich.22.07.2026, 04.30 Uhr3 LeseminutenDer Rapper Danger Dan hat mit seinem Lied «Keine Angst» eine Debatte über politische Gewalt losgetreten.Pedro Becerra / RedfernsSie lesen einen Auszug aus dem Newsletter «Der andere Blick am Morgen», heute von Anna Schiller, Redaktorin NZZ Deutschland. Abonnieren Sie den Newsletter kostenlos. Nicht in Deutschland wohnhaft? Hier profitieren.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Sicherheitsbehörden unterwandert, der Rechtsstaat am Ende, der letzte Ausweg Selbstjustiz: Solche Verschwörungserzählungen assoziierte man lange vor allem mit dem rechten politischen Rand. Die Debatte über das Lied «Keine Angst» des linken Rappers Danger Dan zeigt jedoch, dass ein solches Denken inzwischen in weiten Teilen der Bevölkerung salonfähig geworden ist.In dem Lied rappt Danger Dan darüber, dass auf die Polizei im Umgang mit Rechtsextremen kein Verlass sei – und man die Dinge deswegen selbst in die Hand nehmen müsse: «Die seh’n gefährlich aus, aber wir legen sie lang.» Das ZDF, wo er das Lied in der Satiresendung «Die Anstalt» präsentieren wollte, zog zu Recht wegen inhaltlicher Bedenken die Reissleine. Umso überraschender ist, wie viele gute Gründe nun in der Diskussion über die Absage gefunden werden, weshalb die in dem Lied enthaltene Anleitung zur Selbstjustiz politisch korrekt sei.Die «TAZ» verweist darauf, dass es sich bei dem Lied um einen «performativ-künstlerischen Akt» handle, es also gar nicht als Handlungsanweisung zu verstehen sei. Den darin enthaltenen Gruss an verurteilte Linksterroristen müsse man «als einen etwas koketten künstlerischen Appell an eine allgemeine Solidarität verstehen». Fraglich, ob man so etwas auch über ein Lied schreiben würde, in dem der Sänger die rechtsextremen NSU-Terroristen Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe lieb grüsst.Gewalt wird verharmlost, wenn sie die Richtigen trifftIn der Folge der «Anstalt» am Dienstag, in der Danger Dan hätte auftreten sollen, nahm man den Künstler hingegen schon beim Wort. Der Kabarettist Claus von Wagner meinte, der Satz «Wir wollen keine Selbstjustiz» sage sich in München zwar ganz selbstverständlich. In manchen Gegenden Ostdeutschlands aber nicht mehr. Dort herrsche ein Klima der Angst und Einschüchterung durch Rechtsextreme. Sein Kollege Max Uthoff ging noch weiter. Die spannende Frage, fand er, sei: «Was passiert, wenn der Staat sein Gewaltmonopol nicht durchsetzt und Menschen ungeschützt sind vor Nazis? Wer springt da ein?»Das muss man sich einmal klarmachen: Deutsche Kabarettisten finden es völlig normal, an einem Dienstagabend mal zu erörtern, wann Selbstjustiz gerechtfertigt ist. Nicht in einer Eckkneipe in Leipzig-Connewitz, einem Rückzugsort der autonomen Szene, oder bei einer Neonazi-Kameradschaft, sondern im öffentlichrechtlichen Rundfunk.Die Debatte ist ein weiteres, wenn auch besonders erschreckendes Beispiel dafür, wie politische Gewalt in Deutschland inzwischen verharmlost wird, wenn sie nur die vermeintlich Richtigen trifft. Im Kampf gegen rechts scheinen alle Mittel erlaubt.Wer Gewalt gutheisst, überschreitet eine GrenzeDie Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt solidarisierte sich mit der linksextremen Person Maja T. und besuchte diese in der Haft. Die FDP-Politikerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann fand nach dem versuchten Attentat auf Donald Trump, dieser müsse sich nicht wundern, wenn auf seine verbalen Exzesse Taten folgten. Viele Medien suggerierten, der Aktivist Charlie Kirk habe zum vergifteten Klima in den USA, das schliesslich zu seinem Mord führte, selbst beigetragen.Die jüngste Diskussion ist aber insofern bedenklicher, als sie verdeutlicht, dass längst nicht mehr nur die Ränder das staatliche Gewaltmonopol offen infrage stellen. Diese Haltung ist im linken Mainstream des öffentlichrechtlichen Rundfunks und der Pop-Kultur angekommen.Um es klar zu sagen: Natürlich gibt es gewaltbereite Rechtsextremisten, und jedes ihrer Opfer ist eines zu viel. Zur Wahrheit gehört ebenso, dass es rechtsextreme Polizisten gibt. Daraus aber abzuleiten, der Staat könne sein Gewaltmonopol nicht mehr durchsetzen, ist eine gefährliche Verzerrung der Realität.Wer auch nur insinuiert, dass politische Gewalt irgendwie gerechtfertigt sein könnte, muss sich im Klaren sein, dass er damit eine Grenze überschreitet. Wenn die deutsche Geschichte eines lehrt, dann dies: Wenn die Ränder beginnen, ihre Politik nicht mit Worten, sondern mit Gewalt durchzusetzen, ist die Demokratie existenziell in Gefahr. Wer sich also Demokrat nennt, der muss Gewalt als legitimes Mittel des politischen Prozesses aus seinem Denken verbannen.Passend zum Artikel