«Spektakulärer Misserfolg»: Peter Magyars Wunschkandidatin für das Staatspräsidium erteilt ihm eine AbsageUngarns Regierungschef wollte mit der Schachlegende Judit Polgar eine der populärsten Ungarinnen zum Staatsoberhaupt machen. Ihre öffentliche Ablehnung offenbart ungewohnte handwerkliche Fehler des geschickten Strategen.21.07.2026, 16.33 Uhr4 LeseminutenPeter Magyar stolpert bei der Suche nach einem neuen Staatsoberhaupt. Robert Hegedus / EPAUngarns Regierungschef Peter Magyar hat erstmals seit seinem überwältigenden Wahlsieg vor gut drei Monaten eine öffentlichkeitswirksame Schlappe erlitten. Nur Stunden vor dem mit einer Verfassungsänderung erzwungenen Ende der Amtszeit von Staatspräsident Tamas Sulyok kündigte er auf den sozialen Netzwerken die Schachlegende Judit Polgar als Wunschkandidatin für dessen Nachfolge an.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Sie stehe für Talent, Fleiss und Integrität und ohne jede politische Verbindung könne sie alle Ungarn vertreten, schrieb Magyar. Es wäre ihm eine «grosse Ehre», würde Polgar die Nomination annehmen. Am Montag unterstützte die Tisza-Fraktion im Parlament diese einstimmig. Nach einem Treffen mit dem Ministerpräsidenten sagte die 49-Jährige indes ab. Sie fühle sich nicht stark genug, das gespaltene Land zu einen, erklärte sie.Als einzige Frau in den Top Ten der Schach-WeltranglisteAuf den ersten Blick erschien Magyars Vorgehen buchstäblich wie ein geschickter Schachzug: 16 bekannte Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Kultur und Sport hatten Polgar in einem offenen Brief für das Amt vorgeschlagen. Sie ist ein wahrer Superstar des Schachs und gilt als grösste Sportlerin, die Ungarn je hatte. Bereits im Alter von 15 Jahren wurde sie Grossmeisterin, womit sie den Rekord des legendären Bobby Fisher brach. Bis zum Ende ihrer aktiven Karriere führte sie 26 Jahre lang die Weltrangliste der Frauen an, während sie als einzige Spielerin auch in die Top Ten der Gesamtweltrangliste vorrückte (Platz 8).Schon als Teenager entschied sie sich, nur noch an offenen Turnieren für beide Geschlechter teilzunehmen – und spielte fortan hauptsächlich gegen Männer. 2002 schlug sie Garri Kasparow, den vielleicht besten Schachspieler der Geschichte und die damalige Weltnummer 1. Er hatte zuvor erklärt, Frauen sollten besser Kinder bekommen als Schach spielen, und nannte Polgar verächtlich eine «Zirkuspuppe».Erst kürzlich erschien die Dokumentation «Die Königin des Schachs» über Judit Polgar auf Netflix.Netflix via ImagoUngarns Nationalstolz beruht massgeblich auf der intellektuellen Brillanz mit 16 Nobelpreisträgern und auf sportlichen Erfolgen wie denjenigen der fussballerischen «Wunderelf» in den fünfziger Jahren. Wie kaum eine andere Persönlichkeit verkörpert Polgar beides. Sie zählt deshalb zu den angesehensten Ungarn, obwohl sie ihre aktive Karriere vor mehr als zehn Jahren beendete. Politisch hatte sie sich zudem nie geäussert. 2015 unter der Regierung von Viktor Orban wurde ihr der Sankt-Stephans-Orden verliehen, die höchste ungarische Auszeichnung. Als Person ist Polgar deshalb kaum angreifbar.Dennoch rief ihre Nominierung Skepsis hervor. Zum einen waren bisher alle Staatspräsidenten seit der Wende Juristen. Rechtskenntnisse könnten von besonderer Bedeutung sein in den kommenden Monaten, weil die Entfernung Tamas Sulyoks aus dem Amt höchst umstritten war.Magyar hatte den früheren Präsidenten gleich nach seiner Wahl Mitte April als «Marionette Orbans» bezeichnet, die ihre Legitimität verloren habe und zurücktreten müsse. Nachdem Sulyok dieser Aufforderung nicht nachgekommen war, enthob Magyars Partei Tisza ihn letzte Woche mit einem simplen Satz in einer weitreichenden Verfassungsänderung des Amtes. Die Voraussetzungen für eine reguläre Absetzung lagen nicht vor. Aus diesem Grund erklärt die nunmehrige Oppositionspartei Fidesz, unabhängig von der Person seien alle Entscheidungen eines künftigen Staatsoberhaupts ungültig.Diese Debatten dürften Polgar zur Absage bewogen haben, was auch Magyar andeutete. Nach einem gemeinsamen Gespräch nannte er «aktuelle Umstände» als Grund, weshalb sie nicht kandidiere. Der Regierungschef hatte Polgar bereits vor einigen Tagen getroffen. Sie habe die Anfrage ernsthaft erwogen, erklärte er. Offenkundig ist Magyar aber vorgeprescht. Er räumte «Kommunikationsfehler» ein, die möglicherweise zu Polgars Entscheidung beigetragen hätten. Sie seien aus seiner Begeisterung entstanden.Die Opposition bezeichnet Magyars Vorgehen als FarceDennoch erstaunt, dass der geschickte Stratege die Nachfolge Sulyoks nicht besser vorbereitet hat – immerhin sprach er über Wochen von dessen bevorstehender Absetzung. Aus der Opposition wurde Magyars Vorgehen als «Farce» und «spektakulärer Misserfolg» bezeichnet.Laut der Tisza-Fraktion wartet man nun ab, welche weiteren Vorschläge aus der Bevölkerung eingehen, und wird dann prüfen, wer unterstützt wird. Sie hielt fest, dass es wie Polgar eine parteilich ungebundene Person sein müsse, die fähig sei, alle Ungarn zu repräsentieren. Interimistisch übt die Parlamentspräsidentin Agnes Forsthoffer das Amt aus. Magyar betonte, seine Partei sei die erste, die die Bürger am Auswahlverfahren beteilige. Das erklärt zumindest teilweise, warum man nicht besser auf die Vakanz vorbereitet war. Der Ministerpräsident will den Anschein vermeiden, dass wie unter Orban ein Vertrauter an der Staatsspitze installiert wird.Die Wahl erfolgt allerdings im Parlament mit der Zweidrittelmehrheit der Tisza – insofern entscheidet sehr wohl Magyar, wer das Amt bekleiden wird. Er hatte jedoch immer wieder mit einer Volkswahl geliebäugelt. Diese könnte mit der neuen Verfassung eingeführt werden, mit der die Regierung mittelfristig Orbans Grundgesetz von 2011 ersetzen will.Passend zum Artikel