Straßennamen, die Menschen mit NS-Verstrickung würdigen, gibt es zahlreiche. Der Fall Allersberg aber ist schon ein besonderer: Dort hatte die Marktgemeinde 2021 – 76 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs – beschlossen, eine Straße im Neubaugebiet nach einem schillernden Mitglied der Ortsgesellschaft zu benennen. Gestatten, Wilhelm Burkhardt: eingetreten in die SA im Mai 1934. Mitglied folglich der paramilitärischen Kampforganisation der Nazis.Fünf Jahre hat die Gemeinde diskutiert. Und wer am Montag, kurz vor Beginn einer weiteren Gemeinderatssitzung zum Thema, mit Allersbergern gesprochen hat, bekam zu hören: Sicher sei man nicht, ob sich das jetzt wirklich ändere. Oder ob noch weitere Jahre ins Land ziehen mit dem SA-Mann auf dem Straßenschild. Die Skeptiker indes sahen sich eines Besseren belehrt. Eine Stunde vor Mitternacht hat der Gemeinderat beschlossen: Fünf Jahre „Wilhelm Burkhardt“ sind dann doch mal genug. Bei Gelegenheit wird die Straße umbenannt, das Schild abmontiert.SZ Bayern auf Whatsapp:Nachrichten aus der Bayern-Redaktion – jetzt auf Whatsapp abonnierenVon Aschaffenburg bis Berchtesgaden: Das Bayern-Team der SZ ist im gesamten Freistaat für Sie unterwegs. Hier entlang, wenn Sie Geschichten, News und Hintergründe direkt aufs Handy bekommen möchten.Hintergrund ist ein Werkstattbericht der Historiker Roxanne Narz und Markus Urban vom Verein „Geschichte für alle“. Sie sind von der Gemeinde beauftragt worden, den Fall aufzuarbeiten und legten in der Sitzung dar, dass der Mann – nach dem Krieg für kurze Zeit Bürgermeister – nicht nur in die SA eingetreten ist. Sondern nach nur zwei Monaten auch zum Scharführer befördert wurde, ihm also andere SA-Männer unterstanden. Überdies war er Mitglied der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV), der größten Wohlfahrtsorganisation im Deutschen Reich, und der Deutschen Arbeitsfront (DAF), der Einheitsorganisation für Arbeitgeber und Arbeitnehmer.Warum Burkhardt erster Nachkriegsbürgermeister von Allersberg wurde? Womöglich, vermuten die beiden Historiker, sei er den US-Amerikanern als Kandidat als naheliegend erschienen: „Nicht nur, weil unbelastetes, qualifiziertes Personal nur sehr begrenzt zur Verfügung stand, sondern auch, weil er im NS-Staat keine politischen Ämter bekleidet hatte und als Unternehmer kaufmännische und organisatorische Fähigkeiten besaß.“ Zudem war Burkhardt noch 1934 wieder aus der SA ausgeschieden.In ihrem Bericht stellen die Historiker dar, wie die SA nach Januar 1933 zu einer mehrmonatigen Phase des offenen Terrors übergegangen war. Wie sie in Nürnberg, wo Burkhardt eingetreten ist, die Innenräume der sozialdemokratischen Zeitung Fränkische Tagespost verwüstet, Verhaftungen vorgenommen und Folterkeller eingerichtet hatten, unter anderem auf der Kaiserburg. Und wie sie mit Misshandlungen und Scheinhinrichtungen „Geständnisse“ erzwangen. Am 20. Juli 1933 ließen SA-Männer etwa 300 jüdische Nürnbergerinnen und Nürnberger verhaften, brachten sie zu einem Sportplatz und demütigten und misshandelten sie dort öffentlich.NSDAP-Mitgliederkartei:Am braunen Hügel von Bayreuth„Unser seliger Adolf“ ging Winifred Wagner, Festspielleiterin in der NS-Zeit, noch 1975 über die Lippen. Für die Nazis war Bayreuth ein Sonderfall.In diese Organisation also ist Burkhardt, wie er später selbst angegeben hat, eingetreten. Ob er selbst an Gewaltexzessen beteiligt war, ist nicht belegt. Der Charakter der SA als Terrororganisation aber, notieren Narz und Urban, sei in der Nürnberger Stadtgesellschaft hinlänglich bekannt gewesen: „Der Folter von Gefangenen wohnten teilweise Dutzende SA-Männer bei. Die Schreie der Misshandelten waren mitunter in der Stadt zu hören.“Burkhardt hatte sich der SA in der Zeit ihrer größten Machtfülle angeschlossen. Als sich der Wind drehte, wenige Wochen nach dem „Röhm-Putsch“, schied er bereits wieder aus. Dass dies nicht zuletzt opportunistische Gründe hatte – ist zumindest nicht auszuschließen. Noch vor seinem Eintritt in die SA hatte Burkhardt zudem damit begonnen, Werbeanzeigen im Stürmer zu schalten, in insgesamt zehn Ausgaben warb er für sein Geschäft in der Nürnberger Altstadt. Er finanzierte also das – für jeden erkennbare – antisemitische Hetzblatt schlechthin mit.16 Gemeinderatsmitglieder haben am Ende für eine Umbenennung gestimmt, vier dagegen. Auch der Bürgermeister von Allersberg, Daniel Horndasch, votierte fürs Umbenennen. Man habe in den fünf Jahren „einen Haufen Prügel einstecken müssen“, sagt er. Nun wenigstens bitte er um Fairness. Bei der Entscheidung für eine Straße nach Wilhelm Burkhardt habe nur ein „Sonderausschuss“ getagt, „es war Corona, Notstand“.NSDAP-Mitgliederkartei:Wer war in der Nazi-Partei?Zwischen 1925 und 1945 traten mehr als zehn Millionen Menschen der NSDAP bei – viele aus Überzeugung, manche, weil der Druck zu groß wurde. Hier finden Sie heraus, ob Ihre Verwandten dazuzählten.Trotzdem habe man in der einschlägigen Lokalgeschichtsschreibung nachgeschaut, ob etwas gegen Burkhardt vorliege. Nur zu finden sei nichts gewesen. Und tatsächlich habe es dann zwar bereits 2023 eine Bachelorarbeit eines Geschichtsstudenten gegeben, der zum Schluss kam, bei dem ehemaligen Ortsbürgermeister handele es sich „keineswegs um eine Person, welche es würdig ist, geehrt zu werden.“ Nur habe man eben entschieden, auf die Expertise einer Institution zu warten. Was jetzt geschehen sei.Was er sich nun wünsche? „Dass endlich Ruhe einkehrt“, sagt der parteilose Bürgermeister. Jetzt sei erst mal Kirchweih in Allersberg, danach ist Sommerpause, im September werde man voraussichtlich entscheiden, wie die Straße künftig heißt. „Veilchenweg oder irgend so ein Mist“, sagt Horndasch, der für klare Aussprache bekannt ist. „Jedenfalls etwas Unverfängliches.“Die Fraktionschefin der örtlichen Grünen, Tanja Josche, ist „sehr froh“, dass die Straße im Neubaugebiet demnächst nicht mehr nach einem SA-Mann benannt ist. Findet aber auch: „Das hätte man früher haben können.“
Allersberg: Gemeinde benennt Straße um, die den Namen eines SA-Manns trägt
In Allersberg wird eine Straße nach Wilhelm Burkhardt umbenannt, nachdem seine Vergangenheit als SA-Mitglied bekannt wurde.







