Im Grunde ist es ein alter Hut. Zumindest in Italien. Was unter dem Begriff „Day Drinking“ gerade in deutschen Großstädten angesagt ist, kennen unsere südlichen Nachbarn schon lange, ihre Aperitivo-Kultur hat Tradition. Sich schon bei Sonnenschein beschwipsen, mit feinen Cocktails oder einem Glas Wein, ein paar Snacks dabei genießen, herumstehen, plaudern, das gehört nicht nur in Italien, sondern eigentlich überall im südlichen Europa zur Alltagskultur. Erfunden und zur Perfektion gebracht aber haben die Italiener das „dolce vita“, das süße und gute Leben.Ein im Verlag Gräfe und Unzer erschienenes Buch widmet sich dieser Aperitivo-Kultur nun ganz detailliert. Der Band mit dem Titel „Aperitivo“ ist vieles in einem: ein Kochbuch, eine Sammlung von Cocktailrezepten, ein Fotobuch und auch ein Reiseführer. Die Autorin Tanja Dusy und der Fotograf Klaus Maria Einwanger haben dafür Italiens Norden bereist. In Mailand, Turin, Venedig und Padua haben sie sich auf die Suche nach außergewöhnlichen Bars und Cafés gemacht, nach typischen und unbekannten Drinks und nach den Rezepten für die Häppchen, die in den Bars während der „magischen“ Aperitivo-Stunden aufgetischt werden.Der Cocktail „Summer Vibes“ wird im „Caffè Florian“ in Venedig serviert.Klaus Maria EinwangerLegendäre Orte wie das berühmte „Caffè Florian“ am Markusplatz in Venedig genauso wie unprätentiöse Stadtteiltreffpunkte wie „Un Posto a Milano“ in Mailand haben sie für ihr Buch fotografiert und beschrieben. Die Gerichte und die Cocktails wurden direkt in den Kneipen oder Cafés abgelichtet – auf das Kunstlicht eines Fotostudios hat Einwanger ganz bewusst verzichtet. Das verschafft seinen Bildern Authentizität, mit Perfektion inszeniert sind sie dennoch. Wer die Ästhetik von Magazinen wie „Monocle“, „The Escapist“ oder „Kinfolk“ liebt, wird auch mit dem „Aperitivo“-Buch glücklich.Unter den Snack-Rezepten finden sich viele Klassiker: die Mondeghili genannten Fleischbällchen, aber auch Carpaccio, Focaccia und frittierte Nudelbällchen. Sardinen werden mit Rosinen, Pinienkernen und Zwiebeln aufgetischt, Stockfisch auf Polenta. In den venezianischen Weinbars isst man meistens Cicchetti: kleine Häppchen, die auf einer Scheibe Weißbrot serviert werden, ähnlich wie die spanischen Tapas. Was zunächst oft nach einer unkomplizierten Kleinigkeit klingt, stellt sich, wenn man die Rezepte genauer studiert, oft aufwendiger dar als gedacht. Denn in die beiläufig zum Drink servierten Snacks wird gleichermaßen viel Arbeit gesteckt, auf den Feinschliff kommt es auch bei ihnen an.Gräfe und Unzer VerlagViel erfährt der Leser auch über die italienische Barkultur. Tanja Dusy erzählt beispielsweise, wie der Mailänder Gaspare Campari im 19. Jahrhundert seinen bekannten Bitter erfand – und mit welchem Trick er ihn so knallig rot färbte, wie wir ihn heute noch kennen. Oder von Antonio Benedetto Carpano, der um 1780 den Wermut, den ersten Aperitif, kreierte, der zum Verkaufsschlager wurde. Und Dusy zeigt auch, welche unzähligen Alternativen es zum obligatorischen Aperol Spritz mittlerweile gibt. Viele Abende könnte man damit verbringen, sich an Sanca Spritz, Veneziano Spritz, Sarti Rosa Spritz und Venturo Spritz auszuprobieren. Oder, noch besser, man macht sich mit dem Buch im Gepäck selbst auf den Weg in die vier norditalienischen Metropolen, die darin beschrieben werden. Im Anhang werden alle Adressen der von Dusy und Einwanger besuchten Bars genannt. Mit dieser Liste kann man dem süßen Leben einfach hinterherreisen.Tanja Dusy und Klaus Maria Eiunwanger: „Aperitivo“. Verlag Gräfe und Unzer, München 2026, 240 Seiten, 38 Euro.