PfadnavigationHomeICONISTEssen & TrinkenTrend DaydrinkingNachmittags feiern, als gäbe es keinen Abend mehrVon Uwe PützVeröffentlicht am 30.06.2025Lesedauer: 6 Minuten„Daria“ in der Bar Nonno in Berlin – das ist ein bittersüßer Dessertdrink aus Cynar, Limoncello, Italicus, Amaretto, Karamell und Bitter LemonQuelle: bar.nonno.berlin/InstagramDie Aperitif-Kultur erobert Deutschland: Immer mehr Bars öffnen ihre Türen schon am Nachmittag – und Drinks vor Sonnenuntergang werden zum neuen Lieblingsritual. Wo trinkt man jetzt – und was? Die angesagtesten Daydrinking-Bars und Aperitifs im Überblick.Humphrey Bogart war bekannt dafür, dass er auch gern einmal tiefer ins Glas schaute. Oft vermisste er abends die passende Gesellschaft, was er einmal augenzwinkernd moniert haben soll: „Das Problem mit der Welt ist, dass jeder ein paar Drinks hinterherhinkt.“ Was hätte der Schauspieler wohl gesagt angesichts der trinkfreudigen Runden, die neuerdings überall den Nachmittag mit einem Cocktail in der Hand vergolden? Erst vor Kurzem flatterte eine Einladung zum „Daydrinking“ in den Briefkasten. „Kommt vorbei – um 14 Uhr geht’s los!“ Warum bis zum Abend warten, wenn schon am Nachmittag der Spaß beginnen kann? Ob in Hamburg, Köln oder Berlin: Wer am Samstag durch die Straßen beliebter Viertel schlendert, kommt öfter an Gruppen von Menschen vorbei, die sich ausgelassen zuprosten. Im Hamburger Stadtteil Winterhude wartet man dabei gar nicht erst bis zum Wochenende. „Hier ist es fast jeden Nachmittag voll“, sagt Gianfranco Gurrieri, während er in der Bar „Panineria d’artista“ tablettweise Gläser mit Aperol- und Campari-Spritz auf die Terrasse wuchtet.„Tatsächlich konsumiert die Gen-Z weniger Alkohol, dafür schon früher am Tag“Woher aber kommt die neue Lust, bereits zu früher Stunde zu bechern? Brummt uns nicht noch der Schädel von all den wohlmeinenden Ratschlägen der Sober-Jünger, die dem Alkohol abgeschworen haben und uns beredt an ihrer Selbstheilung teilhaben lassen? Und dann das: Überall Menschen, die nachmittags feiern, als gäbe es keinen Abend mehr?Dabei gesellen sich zwei Trends zueinander wie der Prosecco zum Bitterlikör: die Sehnsucht nach dem italienischen Lebensgefühl, wie sie in den neuen Aperitif-Bars Enchanté in Hamburg oder der Bar Nonno in Berlin zelebriert wird, und die Freude gerade der jungen Generation daran, den Genuss von Alkohol nicht erst auf den Abend zu verschieben. Worauf also warten? Das Leben ist schon schwierig genug. Die Zukunft kann warten, und bevor demnächst wieder die Wehrpflicht ruft, ruft man lieber noch mal den Kellner. Einmal Orange für alle.Auch wenn Zeitschriften wie die US-Ausgabe von „Harper’s Bazaar“ dem Mix aus Aperol, Sekt und Soda Jahr für Jahr das Ende voraussagen – die Straße bleibt anderer Meinung. Wenn Paul Bremer an einem Sommertag durch Köln-Ehrenfeld geht, sieht er überall orangerote Flüssigkeiten in bauchigen Gläsern schimmern.Der Psychologe erforscht im Auftrag des Rheingold-Instituts für Marktforschung die Trinkgewohnheiten der Deutschen und hat beobachtet, wie sich die Gepflogenheiten auch bei der Generation der 18- bis 25-Jährigen italienisch einfärben. Dabei sei es nicht so, dass sich die sogenannte Generation Z schon am frühen Abend die Kante gebe. „Der Eindruck täuscht, tatsächlich konsumiert sie weniger Alkohol, dafür schon früher“, sagt Bremer. „Gebote wie ‚Kein Bier vor Vier‘ zählen nicht, man folgt seinen eigenen Regeln und trinkt dann, wenn man Lust dazu hat.“Lesen Sie auchEin Spritz mit Aperol, Schaumwein, Wasser und viel Eis komme auf einen Alkoholgehalt von acht bis neun Prozent und entspreche damit dem Bedürfnis nach „Mindful Drinking“ ohne Kontrollverlust. „„Den jungen Leuten ist es wichtig, dass sie offen und flexibel bleiben; alles Schwere soll vermieden werden, deshalb greift man eher zu Drinks, die eine gewisse Leichtigkeit und auch ein soziales Erlebnis versprechen.“In der Wahl der Getränke suchen die Jungen keinen Distinktionsvorteil gegenüber den Eltern. Der Spritz, ob mit Aperol, Campari, Limoncello oder Sarti, vereint alle in dem Wunsch, nur leicht berauscht in den Abend zu gleiten. Wobei die Wahl der Getränke nicht allein vom Geschmack bestimmt werde, ist Konsumforscher Bremer überzeugt. „Es geht um Bilder, die mit den Getränken verbunden sind.“So habe man untersucht, warum Peroni aus Italien in Deutschland Kultstatus erlangen konnte. Die Flasche wurde zwar mit dem eher schalen Claim „Live every Day“ beworben, doch der Werbespot transportiert Bilder von Sommer, Meer, stilvoll gekleideten Menschen und einem Hauch von Dolce Vita. So wie das Bier steht auch der Aperol Spritz für sommerliche Frische, sagt Bremer: „Es ist diese orangefarbene Spaßigkeit, mit der man viele Italienbilder verbindet.“Werden die Deutschen immer mehr zu Italienern? Wer sich an einem Samstag am Poelchaukamp in Hamburg umsieht, wähnt sich für einen Moment ganz tief im Süden. In der wohl italienischsten Meile Deutschlands, nahe der Außenalster, wecken auf knapp hundert Metern sechs Gastro-Lokale Lust auf das Nachbarland. „Wir leben hier ein Stück Italien“, sagt Gianfranco Gurrieri von der Bar „Panineria d‘artista“. Und das im hohen Norden, dem man eine gewisse Unterkühltheit nachsagt, während man in München schon vor vielen Jahren die Kultur aus Mailand und Turin importiert hat.Lesen Sie auchIn Italien sind Aperitifs wie Campari, Aperol oder Wermut weitverbreitet. Vor allem in den Regionen Piemont und Venetien pflegt man traditionell den sogenannten „Aperitivo Milano“, zu dem gratis Snacks wie Oliven, Salami, Parmesankäse oder Focaccia gereicht werden. Denn in Anspielung an den Namen Aperitif (von aperire – öffnen) wecken die Drinks mit Bitterlikören den Appetit; manchen dienen die kleinen Köstlichkeiten sogar als Abendessen.Der laue Abend bricht herein, überall sitzen Gäste an Tischen oder auf provisorisch aufgestellten Stühlen, es wird geredet, getrunken, gelacht – für Vincenzo Valente, der seine Bar „L’aperitivo“ nahe dem Viktualienmarkt seit 20 Jahren führt, macht genau das den Charakter eines Aperitifs aus. Nicht After-Work, kein Business-Getue, sagt er. „Die Gäste kommen spontan zusammen, um den Alltag hinter sich zu lassen, so entwickeln sich Bekanntschaften und Freundschaften.“Der Münchner Kulturforscher und Autor Peter Peter beschäftigt sich seit Jahren mit den Einflüssen der italienischen Kultur und beobachtet mit Genugtuung, wie sich die deutschen Gebräuche Richtung Nachbarland verschieben. „Wer heute ausgeht, verzichtet abends eher auf Alkohol und gönnt sich am Nachmittag gepflegt einen Spritz. Da schwingt viel Sehnsucht nach italienischem Lifestyle mit, man möchte das Leben unkompliziert genießen.“Darauf hat sich auch das „Enchanté“ in Hamburg spezialisiert. Seit ein paar Monaten brummt der Laden auf St. Pauli. „Am Anfang haben die Gäste etwas verduzt geschaut, als sie zum Drink Bruschetta oder ein Schälchen Gnocchi hingestellt bekamen“, erinnert sich Inhaber Juri Reib, „inzwischen wissen sie es zu schätzen.“ Seine Karte lockt mit mehr als 20 verschiedenen Aperitifs, vom korsischen und griechischen Likörwein bis hin zu besonderen Kreationen wie dem Sassari Spritz mit Limoncello, Lorbeerblatt und Crémant. Die Deutschen, so hat Reib beobachtet, sehnen sich zwar nach dem italienischen Lebensgefühl, „doch hier ist man noch immer streng durchgetaktet. Erst geht’s zum Trinken, dann pünktlich zum Essen.“ Dabei sei das Schöne am Aperitif ja gerade, sich zu entspannen und treiben zu lassen.Ist es fünf, sechs oder schon sieben Uhr? Egal, solange das Glas noch halbvoll ist. Der Aperitif ist das Getränk des Übergangs und trägt ein großes Versprechen in sich: Der Abend ist noch jung.
Daydrinking: Tagsüber feiern, als gäbe es keinen Abend mehr - WELT
Die Aperitif-Kultur erobert Deutschland: Immer mehr Bars öffnen ihre Türen schon am Nachmittag – und Drinks vor Sonnenuntergang werden zum neuen Lieblingsritual. Wo trinkt man jetzt – und was? Die angesagtesten Daydrinking-Bars und Aperitifs im Überblick.






