Es gibt Momente, in denen die Lage für die CDU in der Bernburger Fußgängerzone beinahe aussichtslos wirkt. „Mit der Partei habe ich nichts am Hut!“, bellt eine ältere Frau im Vorbeigehen, als ihr Stefan Ruland höflich einen Kugelschreiber, einen Flyer und Gummibärchen hinhält. Kurze Zeit später versucht der CDU-Landtagsabgeordnete, seine Wahlkampf-Geschenke an einen Mann mit Walross-Schnauzer und gestreiftem Shirt loszuwerden, wobei sich folgender Kurzdialog entspinnt:Mann: „Verschwinde!“Ruland: „Wohin?“Mann: „Am besten in die Ukraine.“Ruland: „Ein schönes Wochenende Ihnen trotzdem.“Mann: „Ihnen nicht!“Der CDU-Politiker ist damit noch glimpflich weggekommen. Einem jungen Helfer am Wahlkampfstand hatte der Mann gesagt, dass man „so was“ wie ihn erschießen solle.Ruland beobachtet, wie der Mann am anderen Ende des Marktplatzes mit zwei anderen Männern ins Gespräch kommt. Der CDU-Politiker kennt die Herren. Sie hätten sich vor einiger Zeit über zu viel Autolärm in ihrer Straße beschwert. Ruland, der auch im Bernburger Stadtrat sitzt, sorgte dafür, dass an der Stelle ein radargesteuerter Geschwindigkeitswarner aufgestellt wurde. Die Lärmbelastung habe seitdem spürbar nachgelassen. „Sie können machen, was sie wollen, die Probleme der Leute lösen – und das ist dann der Dank dafür.“ Ruland schüttelt kurz den Kopf, um dann sogleich der nächsten Passantin sein Set aus Kugelschreiber, Flyer und Gummibärchen anzubieten.„So haben wir wenigstens die Chance, im Gespräch zu bleiben“Dreimal in der Woche stellt sich Ruland gegenwärtig in eine Fußgängerzone. Dienstags und freitags in Bernburg, mittwochs in Nienburg, immer zugleich mit dem Wochenmarkt, wenn viele Leute auf der Straße sind. Ruland stellt sich auch in die Fußgängerzone, wenn keine Landtagswahl ansteht. Seltener zwar, aber gleichwohl regelmäßig. „Ich wurde schon gefragt, warum ich mir das antue und ob ich auf Schmerzen stehe. Aber so haben wir wenigstens die Chance, im Gespräch zu bleiben.“Der Bernburger Landtagsabgeordnete bildet damit allerdings eine Ausnahme. Wenn man sich in der sachsen-anhaltischen CDU umhört, stößt man häufig auf die Klage, dass die Partei nach mehr als zwanzig Jahren an der Macht träge und bequem geworden sei. Dem Vernehmen nach gilt das in besonderer Ausprägung für den einen oder anderen Platzhirsch, der ausgestattet mit einem schönen Listenplatz der nächsten Legislaturperiode entgegengondelt.Ruland verfügt mittlerweile auch über einen aussichtsreichen Listenplatz, parteiintern auch „goldenes Ticket“ genannt. Doch Ruland zeigt den erkennbaren Willen, das Direktmandat im Wahlkreis Bernburg zu verteidigen, obwohl die AfD in den landesweiten Umfragen gegenwärtig rund 15 Prozentpunkte vor der CDU liegt. Der 45 Jahre alte Haushaltspolitiker sei einer der Fleißigen, heißt es in Magdeburg über ihn.Bis zu seinem Einzug in den Landtag vor fünf Jahren hat Ruland bei der örtlichen Sparkasse im Vertrieb gearbeitet. Vermögensberatung, viele Hausbesuche. Das prägt. Rückschläge wegstecken, immer freundlich bleiben, Schritt für Schritt Vertrauen aufbauen. Einige Kniffe gibt es auch. Ruland fragt zum Beispiel nie, ob er jemandem einen Flyer mitgeben dürfe. „Das ist schlecht, weil es eine geschlossene Frage ist, die man einfach mit ‚Nein‘ beantworten kann“, sagt Ruland. „Dann ist das Gespräch erst mal zu Ende.“ Ruland lädt die Leute stattdessen in sein Büro einige Meter weiter ein, wo er täglich ab 7.30 Uhr sitzt, sofern er nicht in der Landeshauptstadt Magdeburg oder auf Terminen ist. „Wenn Sie etwas zu meckern haben, kommen Sie einfach zu mir“, sagt Ruland. „Und wenn Sie nichts zu meckern haben, dann erzählen Sie das bitte auch Ihrem Nachbarn.“Glaubt noch an 30 Prozent plus X: Stefan Ruland in seinem WahlkreisbüroDaniel Pilar„Aber seine Erststimme, die bekomme ich“Und da kommt er auch schon, Rulands eigener Nachbar. Einen Flyer lehnt er lachend ab, die Rasta-Frisur lässt auf eine eher linke Gesinnung schließen. „Aber seine Erststimme, die bekomme ich“, flüstert Ruland.Überhaupt, die Erststimme. Der Inhaberin eines Modegeschäfts, die sich sehr verärgert über die Politik in Deutschland äußert, legt Ruland ans Herz, mit der Zweitstimme FDP zu wählen und mit der Erststimme ihn. Ruland investiert einige Minuten in dieses Gespräch, um den aufgelaufenen Frust in andere Bahnen zu lenken. „Es geht darum, eine Abstrafwahl zu verhindern“, sagt Ruland hinterher. Zudem könnte ein geschicktes Splitting der Stimmen bei dieser Landtagswahl noch wichtig werden. Wenn kleine Parteien wie FDP oder Grüne wieder in den Landtag gelangen, verringern sich die Aussichten der AfD auf eine Alleinregierung drastisch.Doch auch der Begleiter der Geschäftsfrau ist unzufrieden. „Der deutsche Staat läuft mit der Gießkanne durch die Welt“, schimpft er. „Jetzt gibt es schon wieder drei Milliarden für die Ukraine, und hier geht alles kaputt. Warum guckt der Staat nicht zuerst auf die Deutschen?“ Statt mit einem längeren Vortrag zur Geopolitik antwortet Ruland mit einem einzigen Satz: „Ich persönlich möchte keine deutsch-russische Gemeinschaftsgrenze.“ Da nickt der Mann, auch er möchte Wladimir Putin offenbar nicht zum Nachbarn haben.So geht es häufiger bei den vielen Dutzend kleinen Begegnungen, die Ruland in seinen knapp drei Stunden in der Fußgängerzone hat. Politische Einstellungen, die auf den allerersten Blick recht festgefahren wirken, lassen sich im Gespräch zwischen den „ofenfrischen Ossibrötchen“ der Bäckerei und den Pferdewürsten des Metzgers auflockern.Bundestrend wirkt wie ein Mühlstein für CDU und SPDUm die landespolitischen Themen drehen sich solche Gespräche nur selten. Manchmal werde er direkt als Kommunalpolitiker angesprochen, erzählt Ruland. Weit häufiger bekommt er den Frust über die Regierung in Berlin ab. Viele Landespolitiker aus CDU und SPD klagen über den schlechten Bundestrend, der ihnen im Wahlkampf wie ein Mühlstein um den Hals hänge. „Sippenhaft“, nennt Ruland das. Auf gemeinsame Auftritte mit Bundespolitikern verzichtet er im Wahlkampf.Auch die frisch beschlossenen Reformen der schwarz-roten Koalition sind bei den Wahlkämpfern in Sachsen-Anhalt unbeliebt. Reformen seien zweifelsohne nötig, sagt Ruland. Es sei auch gut, dass die Bundesregierung ihre Handlungsfähigkeit unter Beweis stelle. „Aber ich hätte mir ein anderes Timing gewünscht.“ Zwei Monate vor den anstehenden Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern seien die Reformen eher Nachteil als Vorteil im Wahlkampf.Unterwegs: Stefan Ruland ist dreimal die Woche auf Marktplätzen präsent – nicht nur im Wahlkampf.Daniel Pilar„Alles scheiße“-Stimmung trotz Pool im GartenWer allerdings annimmt, dass sich viele Passanten in der Bernburger Fußgängerzone über die aktuell geplanten Änderungen bei der Rente, der Krankschreibung oder den Minijobs echauffieren, liegt falsch. Es sei eher eine „Alles ist scheiße“- Stimmung, sagt Ruland. „Wenn ich dann frage: Haben Sie dazu auch eine eigene Geschichte? Was davon betrifft Sie persönlich? Dann stellt sich häufig heraus: Haus abbezahlt, Pool im Garten, eigener Pkw.“Dieser generalisierte Frust könnte bei der anstehenden Landtagswahl in Sachsen-Anhalt eine Eigendynamik entwickeln: Einmal so richtig den Mittelfinger in Richtung Establishment ausstrecken, lautet das Motto.Stefan Ruland plant deshalb, seine Wahlplakate vorsorglich selbst vollzuschmieren. „Sprüht ruhig drüber, die Botschaft bleibt“, lautet ein Spruch. Oder: „Schon beschmiert. Spart Euch die Farbe.“In der Fußgängerzone bezeichnet eine Passantin die Stimmung in ihrem Umfeld als „schlimm“. „Die wählen alle AfD, und keiner weiß, warum“, sagt sie. „Aber letztes Mal hat es sich auch gegeben.“ Worauf die Frau damit anspielt: Vor der Landtagswahl 2021 hatten Umfrageinstitute wie Insa die AfD viel stärker gesehen, als sie schlussendlich war. Auf einen solchen Effekt hoffen die Parteien der Mitte auch dieses Mal.In der Fußgängerzone der 30.000-Einwohner-Stadt Bernburg fällt auf, dass Ruland zwar hin und wieder Unmut abbekommt, weitaus häufiger aber auf Bürgerinnen und Bürger trifft, die bereitwillig seine Flyer entgegennehmen und höflich grüßen.Gegen Mittag packt Ruland seinen kleinen Stand in der Fußgängerzone in einen Bollerwagen und bringt ihn in sein nahe gelegenes Büro. „Heute hat es mir wieder Spaß gemacht“, sagt er. „Die Stimmung ist besser als die Umfragen, das macht mir Mut.“ Der CDU-Politiker glaubt unverdrossen, dass seine Partei am 6. September „30 Prozent plus X“ erreichen kann. Ist das bloß der Berufsoptimismus eines Vertriebsprofis? Am frühen Morgen, bevor in der Bernburger Fußgängerzone die Marktstände öffneten, kam eine neue Insa-Umfrage. Die CDU liegt demnach bei 23 Prozent, so schlecht wie seit 25 Jahren nicht.