Meine Mutter sagt bis heute Lewis statt Levi’s. Seit Jahren diskutieren wir darüber, warum Menschen mehrere tausend Euro für eine Handtasche ausgeben oder weshalb ein bestimmter Sessel als Designklassiker gilt. Dabei geht es gar nicht darum, wer recht hat.

In den frühen 1960er-Jahren in der DDR geboren, wuchs meine Mutter in einer Welt auf, in der das gute Porzellan nur zu besonderen Anlässen aus dem Schrank geholt wurde und eine Handtasche vor allem etwas war, das viele Jahre halten sollte. Die Marken und Designobjekte, die heute in Museen und Feuilletons oft als stilprägend präsentiert werden, spielten in ihrer Welt keine Rolle. Gerade deshalb stellt sich die Frage, wie sie zu dem werden konnten, was heute in Deutschland oft als „guter Geschmack“ gilt.

Natürlich lässt sich darüber streiten, was überhaupt guter Geschmack ist. Gemeint ist in diesem Fall nicht, dass bestimmte Möbel oder Marken objektiv besser wären als andere. Es geht vielmehr um die Frage, warum bestimmte Dinge im öffentlichen Verständnis als stilvoll gelten – und wie diese Vorstellungen entstehen.

Denn auch das, was Menschen als schön empfinden, hat eine Geschichte. Niemand kommt mit einem natürlichen Gespür dafür zur Welt, einen Eames Chair als elegant oder ein Seidentuch von Hermès als luxuriös wahrzunehmen. Die Kultursoziologin Stefanie Ernst von der Universität Münster erklärt, dass ästhetisches Urteilsvermögen „ebenso individuell wie sozial geprägt“ ist. „Menschen bilden ihren Geschmack immer innerhalb ihres Herkunftsmilieus aus.“