Dem Westen bleibt kaum noch Zeit, Russland zu Verhandlungen zu zwingenDie Ukraine riegelt die russisch besetzten Gebiete Schritt für Schritt ab. Doch ein operativer Durchbruch ist nicht in Sicht. Drei Szenarien, wie sich die Lage in den nächsten Monaten entwickeln könnte.21.07.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenEin Mitarbeiter des ukrainischen Geheimdienstes SBU steuert eine Unterwasserdrohne des Typs «Sea Baby».Global Images UkraineEin brennender Bus, Wracks von Lieferwagen und Autos, Flammen aus einer Wohnung: Das russische Aussenministerium verbreitet offensiv Fotos von Treffern ukrainischer Drohnen, versehen mit dem Hashtag #KiewRegimeCrimes – die Verbrechen des Regimes in Kiew. Der Krieg hat Russland erreicht. Ignorieren und Verschweigen geht nicht mehr, also betreibt Moskau eine zynische Täter-Opfer-Umkehr.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Doch die auch die eigenen Toten kümmern den Kreml kaum. Der Oberbefehlshaber der ukrainischen Armee, Generaloberst Olexander Sirski, schrieb Mitte Juli in seinem Telegram-Kanal, Russland verliere pro neu besetzten Quadratkilometer über 400 Soldaten – vor allem im Donbass, wo die russische Armee mit aller Kraft versucht, die Stadt Kostjantiniwka einzunehmen.Die ukrainischen Verluste sind laut einem Bericht des Center for Strategic and International Studies (CSIS) deutlich geringer. Unter anderem dank der Schutzwirkung der Befestigungsanlagen entspricht die Zahl der gefallenen ukrainischen Soldaten zwar nur einem Achtel der russischen Verluste, aber die Rekrutierung fällt Kiew zunehmend schwer. Die Gesellschaft leidet unter der Abnutzung, die ihr Russland aufzwingtOperatives Konzept: abriegeln und den Zugang verwehrenDie Konsequenz des Armeechefs Sirski, wie er bei einem Treffen mit einem amerikanischen General festhielt: «Wir müssen die strategische Initiative ergreifen, daher ist unsere Verteidigung aktiv.» Das heisst in den Codes der Militärsprache: Die ukrainische Armee ist wieder in die Offensive gegangen und versucht so, aus der Abnützung auszubrechen.Doch ein klassischer, mechanisierter Gegenangriff mit dem Ziel, möglichst rasch vorzustossen, ist weiterhin keine Option. Die ständig sirrenden Drohnen verunmöglichen es beiden Kriegsparteien, sich mit herkömmlichen Kampfpanzern zu bewegen. Die Todeszone weitet sich aus. Zudem haben sowohl die Ukrainer als auch die Russen das Gelände an der Front derart verstärkt, dass jeder Versuch, den Durchbruch zu schaffen, scheitern würde.Die ukrainische Armee hat deshalb ein operatives Konzept entwickelt, das sich auf die Tiefe des Raums konzentriert statt auf Feuer und Bewegung entlang der Front. Konkret geht es darum, die russischen Truppen in den besetzten Gebieten zu isolieren. Dafür haben die ukrainischen Drohnenpiloten zuerst die Zugänge zur Krim und jetzt auch jene zum Asowschen Meer abgeriegelt.Diese Idee hat einen Ansatz, der militärisch mit A2/AD abgekürzt wird: Anti-Access und Area-Denial. Der Gegner wird mit Feuer auf Distanz gehalten und an seiner Kraftentfaltung gehindert. A2/AD wird üblicherweise dissuasiv angewendet: Einem potenziellen Angreifer wird davon abgeraten, überhaupt einen Einmarsch in einen Raum zu wagen, weil der Eintrittspreis zu hoch wäre.In der ukrainischen Variante wird A2/AD nun offensiv interpretiert. Die Ukraine strebt an, dass die angreifenden Truppen im Donbass ermatten, die Versorgung in den besetzten Gebieten zusammenbricht und die Besetzung praktisch unmöglich wird. Als Nebeneffekt wird Russland weiter vom Weltmarkt abgeschottet. Seit das Asowsche Meer gesperrt ist, fällt eine weitere Route der russischen Schattenflotte aus.Putin hat die Hoffnung auf einen Diktatfrieden aufgegebenGleichzeitig hat Kiew auch seine Bodentruppen neu aufgestellt und Korps gebildet. Diese grossen Verbände sind in der Lage, in ihrem Raum alle militärischen Effekte aus einer Hand einzusetzen. Vorher agierten die Brigaden auf der taktischen Stufe weitgehend selbständig, jetzt gibt es eine operative Klammer. Diese neue «ordre de bataille» ermöglicht einen effizienteren Einsatz der begrenzten Ressourcen.Die Ukraine hat sich so in die Position gebracht, gegen Russland durchzuhalten und gleichzeitig operativ die Initiative zu ergreifen. Das strategische Ziel dahinter dürfte sein, Russland zu echten Verhandlungen zu zwingen. Je schlechter die Lage in den besetzten Gebieten und in Russland ist, desto besser.Der russische Präsident Wladimir Putin scheint dagegen in der Ukraine vorerst nur das Zwischenziel Donbass anzustreben, um später die strategische Absicht einer neuen europäischen Sicherheitsordnung doch noch durchzusetzen. An die Chance, Kiew mithilfe des amerikanischen Präsidenten Donald Trump einen Diktatfrieden aufzuzwingen, glaubt der Kreml offensichtlich nicht mehr, mindestens laut seinen propagandistischen Sprachrohren.Margarita Simonian, die Chefredaktorin des Medienportals RT, das die Welt mit Kreml-Narrativen bedient, mahnte bereits im April, Russland solle sich nicht auf Trump verlassen – und forderte: «Dieser ‹Peacedeal› ist leider eine wörtliche Übersetzung ins Russische. Das ist Augenwischerei. Damit muss Schluss sein.»Unter diesen Prämissen sind drei Optionen denkbar, wie die Kriegsparteien aus dem blockierten Krieg ausbrechen könnten:Verhandeln: Diesen Weg geht vor allem Kiew, ist aber darauf angewiesen, dass die USA und Europa den gleichen Kurs verfolgen. Es geht darum, dass die Verhandlungen im Rahmen des internationalen Rechts erfolgen. Damit würde zwischen Angreifer und Verteidiger unterschieden. In der Konsequenz stellte nicht Russland die Bedingungen, sondern die Ukraine. So wären auch Zugeständnisse denkbar. Die Europäer haben in den vergangenen Monaten mögliche Gespräche mit Moskau angedeutet. Putin reagierte darauf mit dem Vorschlag, seinen Freund Gerhard Schröder einzusetzen, den ehemaligen deutschen Bundeskanzler. Ein ernsthaftes Angebot sieht anders aus.Eskalieren: Diese Option wird gegenwärtig von den Scharfmachern in Russland diskutiert, um Putin unter Druck zu setzen. Der Präsident wird in den einschlägigen Kanälen als moderat und besonnen beschrieben; er wolle einen dritten Weltkrieg unbedingt verhindern. Aber Russland müsse den Krieg nun mit seiner vollen militärischen Kraft führen, so die Forderung der radikalen Putin-Kritiker. Der Extremfall wäre der Einsatz einer taktischen Atomwaffe – oder ein Angriff auf eine Infrastruktur in einem Nato-Land, die der militärischen Unterstützung der Ukraine dient, etwa in Rumänien. Möglich ist auch eine Generalmobilmachung mit dem Ziel, die Ukraine mit voller Wucht anzugreifen.Abwarten: Der Ukraine-Krieg dauert nun schon länger als der Erste Weltkrieg. Doch das Kalkül des Kremls, den ukrainischen Wehrwillen abzunutzen, ging bisher nicht auf. Die Ukraine hält durch. Nun ist es Kiew gelungen, mit Drohnenangriffen die russische Energieversorgung zu beeinträchtigen. Der Krieg ist damit auch für die Bevölkerung in Moskau oder in St. Petersburg spürbar. Putin kann deshalb kaum mehr einfach auf Zeit spielen, obschon er auf einen Machtwechsel in den grossen europäischen Ländern und damit auf eine Erosion des Widerstands spekuliert. Der Kreml-Sprecher Dmitri Peskow sagte in einem «Weltwoche»-Interview, Russland hoffe auf «eine neue Generation» von Politikern in Europa. Gemeint sind Marine Le Pen in Frankreich oder die populistischen Parteien in Deutschland, die in Teilen die russische Weltsicht teilen.Die Ukraine scheint seit dem Frühling strategisch aktiver zu sein als der Kreml und nutzt insbesondere auch die geopolitische Verwirrung, die nach dem israelisch-amerikanischen Angriff auf Iran Ende Februar entstanden ist. Präsident Wolodimir Selenski gewann über seine Drohnen-Deals Verbündete am Persischen Golf, insbesondere mit den Vereinigten Arabischen Emiraten, über deren Finanzplätze die russische Wirtschaft bisher die westlichen Sanktionen umging.Die Nato betont das internationale RechtAnfang April besuchte Selenski den syrischen Machthaber Sharaa in Damaskus – in Begleitung des türkischen Aussenministers Hakan Fidan. Aus diesem Treffen entwickelte sich ein trilaterales Format. Syrien und die Türkei leisten einen wesentlichen Beitrag zu dem Vorhaben, Russland aus dem östlichen Mittelmeer zu verdrängen. Ankara sperrt schon seit 2022 den Bosporus für russische Kriegsschiffe, nun will auch Damaskus die militärische Präsenz Moskaus im Land beenden.So gelingt es der Ukraine, das A2/AD-Konzept auf die Diplomatie zu übertragen und Russland auch aus entfernteren Räumen zu verdrängen. Die Sicherheit Europas und des Nahen Ostens seien miteinander verlinkt, schreibt das ukrainische Aussenministerium über die vertiefte Kooperation mit Syrien, das vor dem Regimewechsel mit Russland und vorher mit der Sowjetunion verbündet war.Diese geopolitische Verschiebung begrenzt die russischen Ambitionen zur Weltmacht – und festigt die Rolle der Ukraine als militärischer Partner: einerseits für die Türkei, die ihre Beziehungen zu Kiew in den letzten Monaten vertieft hat, andererseits für den Westen. Unterdessen scheint sogar Trump von den ukrainischen Erfolgen auf dem Gefechtsfeld beeindruckt zu sein.Nicht zuletzt deshalb unterschrieb der amerikanische Präsident Anfang Juli die Schlusserklärung des Nato-Gipfels, die seinen bisherigen Annäherungsversuchen gegenüber Putin diametral widerspricht: «Die Bündnispartner stehen geschlossen hinter der Ukraine und unterstützen sie unerschütterlich bei der Verteidigung ihrer Freiheit, Souveränität und territorialen Integrität.» Ein Diktatfrieden, der das internationale Recht und damit die Uno-Charta ignoriert, ist damit unwahrscheinlicher geworden.Ein europäischer Frieden durch StärkeDie Ukraine hat mit der «aktiven Verteidigung» eine neue Dynamik ausgelöst. Noch scheint der Kreml aber abzuwarten und auf die Erosion der europäischen Entschlossenheit zu spekulieren. Entsprechend nutzt er die ukrainischen Angriffe auch, um sich als Opfer einer westlichen Aggression darzustellen.Mit dieser Argumentation könnte Russland eine Eskalation begründen. Um ein solches Szenario zu verhindern und Moskau zu echten Verhandlungen zu bewegen, bleibt den europäischen Verbündeten Kiews allerdings nicht viel Zeit. Im September finden in Deutschland drei Landtagswahlen statt, welche die Position von Bundeskanzler Friedrich Merz schwächen dürften. Zudem könnte ein weiterer Kriegswinter die Resilienz der Ukraine auch innenpolitisch überstrapazieren. Die Absetzung von Verteidigungsminister Michailo Fedorow offenbarten Rissen zwischen im ukrainischen Abwehrgefüge.Putin selbst scheinen die Risiken einer Eskalation durchaus bewusst zu sein. Ein entfesselter Krieg wäre schwieriger zu kontrollieren und widerspräche seinem Kalkül, den Westen weiter zu spalten. Im Gegenteil könnten sich die kremlfreundlichen Parteien in Europa hinter die eigenen Regierungen und die Ukraine stellen. Deshalb wäre der Fall von Kostjantiniwka für Putin eine willkommene Erfolgsmeldung von der Front, um den radikalen Ideen seiner Kritiker etwas entgegenzusetzen.Putins Dilemma und die ukrainischen Erfolge mit der Abriegelung Russlands haben ein Fenster für echte Verhandlungen geschaffen.Deshalb muss Europa diesen Sommer nutzen, um den nötigen Druck auf Russland aufzubauen – und gleichzeitig Gesprächsbereitschaft signalisieren. In diese Richtung geht die Ankündigung der europäischen Koalition der Willigen, in den Nachbarländern gemeinsame Militärübungen mit der Ukraine durchzuführen. Die Manöver werden explizit als Vorbereitung «auf die Unterstützung der Ukraine im Falle eines Waffenstillstands» deklariert.Vielleicht gelingt es Europa tatsächlich, einen «Frieden durch Stärke» zu erreichen.Passend zum Artikel
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