Bundesfamilienministerin Karin Prien (CDU) stand unter einem schwarzen Regenschirm im Ehrenhof des Bendlerblocks, als sie von ihrem Großvater erzählte. Vor ihrer Rede am Gedenktag des Widerstands gegen die Nationalsozialisten hatte sie sich kurz verneigt vor der Plakette, die an die Hinrichtung von Claus Schenk Graf von Stauffenberg und seiner Mitstreiter Ludwig Beck, Friedrich Olbricht, Albrecht Ritter Mertz von Quirnheim und Werner von Haeften erinnert. Ihre rechte Hand lag auf ihrem Herzen. Es bewege sie, an diesem Ort sprechen zu dürfen, sagte Prien. Sie stünde hier als Familienministerin – aber auch als Nachfahrin von Opfern der Shoah.Vor 82 Jahren wäre beinahe ein Anschlagsversuch auf Adolf Hitler gelungen, der Plan von Stauffenberg und seinen Mitverschwörern scheiterte nur knapp. Bei einer Besprechung im sogenannten Führerhauptquartier Wolfsschanze in Ostpreußen versuchte Stauffenberg Hitler durch einen Sprengstoffanschlag mit zwei Bomben zu töten. Es sollte die erste Stufe des Umsturzplans „Operation Walküre“ sein.Jeder Mensch trägt Verantwortung für sein eigenes Handeln.Karin Prien, BundesfamilienministerinDoch es ging viel schief: Stauffenberg hatte keine Zeit, beide Bomben mit einem Zeitzünder zu präparieren und deponierte nur eine der Sprengstoffladungen in seiner Aktentasche. Er stellte diese unter einem massiven Holztisch ab. Die Besprechung fand in einer Baracke statt, die Fenster waren wegen der Hitze weit geöffnet. Sowohl die Eichenholzplatte des Tisches als auch die geöffneten Fenster schwächten die Wirkung der Bombe ab. Hitler überlebte. Stauffenberg schaffte es zwar zurück nach Berlin, doch er wurde noch in derselben Nacht im Bendlerblock, damals Sitz des Allgemeinen Heeresamtes und Keimzelle der Widerstandsgruppe um Stauffenberg, hingerichtet.An diesem Montag sagte Prien im Hof des Bendlerblocks, für ihre Familie seien Widerstandskämpfer „überlebenswichtig“ gewesen. Und eine „wichtige Voraussetzung“, um nach dem Krieg wieder Vertrauen in Deutschland zu fassen. Prien erzählte von ihrem Großvater Hans Kraus, einem Juden, der den Holocaust „mit sehr viel Glück“ und der Hilfe von „stillen Heldinnen und Helden“ überlebte. Seine Grundhaltung sei gewesen, dass es eine Kollektivschuld der Deutschen nicht gegeben habe. „Jeder Mensch trägt Verantwortung für sein eigenes Handeln. Der Einzelne macht den Unterschied“, sagte Prien.NSDAP-Mitgliederkartei:Wer war in der Nazi-Partei?Zwischen 1925 und 1945 traten mehr als zehn Millionen Menschen der NSDAP bei – viele aus Überzeugung, manche, weil der Druck zu groß wurde. Hier finden Sie heraus, ob Ihre Verwandten dazuzählten.Für Prien war besonders wichtig zu erwähnen, dass der Widerstand gegen den Nationalsozialismus viele unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen miteinander verband. Der Gedenktag soll nicht nur an den Mut von Stauffenberg und seinen immerhin rund 200 Mitstreitern erinnern, sondern die Erinnerung an alle bewahren, die während der Nazi-Herrschaft gegen deren Ideologie kämpften. Auch, wenn sie es leise taten und eine Minderheit waren.Prien erzählte von Hilde Coppi, einer Widerstandskämpferin der Roten Kapelle, ein loses Netzwerk kleinerer Widerstandsgruppen. Coppi beteiligte sich an Protestaktionen und informierte Angehörige deutscher Kriegsgefangener in Russland, wenn Lebenszeichen im Moskauer Rundfunk ausgestrahlt wurden. 1942 brachte sie im Berliner Frauengefängnis Barnimstraße ihren Sohn Hans Coppi zur Welt. Ihr Handeln sei „vielleicht nicht hoch spektakulär“ gewesen, sagte Prien, aber es habe eben „den Unterschied“ gemacht. Coppi wurde 1943 hingerichtet. Für Widerstand brauche es laut Prien nicht nur Empathie. Sondern auch Gemeinschaft.Der Kranz der AfD löst Unmut ausDamit leitete Prien ins heute über. Demokratien verschwänden nicht plötzlich. „Sie werden langsam ausgehöhlt – wenn Gleichgültigkeit wächst. Wenn immer weniger Menschen bereit sind, Verantwortung zu übernehmen“. Besonders in „ländlichen und strukturschwachen Regionen“ brauche es Orte, an denen Menschen sich begegnen könnten, auch wenn sie unterschiedlicher Meinung seien. Allerdings: Gerade erst hat das Ministerium von Karin Prien beschlossen, dass das Bundesförderprogramm „Demokratie leben“ um rund 36 Millionen gekürzt und die Förderschwerpunkte neu ausgerichtet werden sollen.Tobias Korenke (Mitte), Großneffe von Dietrich Bonhoeffer, versucht den Kranz der AfD gewaltsam zu entfernen. Sebastian Christoph Gollnow/dpaWie groß die Sorge vor dem Erstarken insbesondere der AfD ist, zeigte ein Gastbeitrag in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung von Nachfahren der Widerstandskämpfer und dem Leiter der Stiftung 20. Juli 1944, Robert von Steinau-Steinrück, vor wenigen Tagen. „Mit ihrer populistischen Rhetorik, die unseren politischen Problemen nicht gerecht wird, aber überwunden geglaubten NS-Gedankengut und SED-Denken aufleben lässt, vergiften sie das politische Klima“, schrieben die Autoren.Ein weiterer Autor war Tobias Korenke, Großneffe von Dietrich Bonhoeffer. Bei der Gedenkveranstaltung im Bendlerblock versuchte er am Dienstag den Kranz der AfD-Bundestagsfraktion zu entfernen, das zeigten Fotos eines Fotografen der Deutschen Presse-Agentur. „Viele Nachkommen und dazu gehöre ich auch, empfinden eine wirklich große Wut, wenn wir sehen, dass die AfD hier Kränze ablegt“, sagte er anschließend der dpa. Er wolle das nicht akzeptieren.