Wer oberflächlich auf die Szene für nachhaltige Finanzen blickt, könnte glauben, das einstige Trendthema sei unwichtig geworden. Doch aus der Szene selbst verdichten sich die Signale, dass selbst die veränderte geopolitische Lage und die ablehnende Haltung der US-amerikanischen Regierung nicht für einen Einbruch sorgen. „Unternehmen, die in Amerika aktiv sind, haben ihre Kommunikation zu dem Thema heruntergefahren“, sagt Julia Haake, Leiterin des ESG-Ratings der französischen Ratingagentur Ethifinance: „Aber es ist ein wirtschaftliches Thema: Es reduziert die Kosten, wenn man Energie spart.“Überall auf der Welt bereiteten sich Unternehmen auf eine Zukunft vor, in der sie weniger abhängig von fossilen Energieträgern sind. Und sogar das „Zwillingsthema“ des Klimawandels, der Verlust an Biodiversität, werde ökonomisch relevanter, sagt sie: „In Branchen, die von der Artenvielfalt abhängig sind wie Tourismus, Pharma und die Lebensmittelindustrie, ist es längst ein wirtschaftliches Thema.“ Am Finanzmarkt sei das Thema lange Zeit von Kapitaleignern vorangetrieben worden, stellvertretend für diese spielten nun aber Vermögensverwalter eine zunehmende Rolle.Ethifinance nimmt dabei eine interessante Rolle ein, indem die Agentur die Entwicklung von Geschäftsmodellen hinsichtlich ökologischer, sozialer und Unternehmensführungsaspekte (ESG) bewertet. Für die Akzeptanz solcher Ratings war es ein Hindernis, dass die Beurteilungen verschiedener Ratingagenturen je nach Methodik stark voneinander abweichen. „Wissenschaftliche Untersuchungen haben abweichende Noten verglichen“, sagt Haake: „Die Ansätze sind sehr unterschiedlich je nach Gewichtung von Sozialem, Umwelt oder auch der Zahl der Indikatoren.“ Die Deutsche, die in Paris sitzt, hat drei Jahre im Sustainable-Finance-Beirat der Bundesregierung mitgewirkt.Wechsel zur ESMA-Aufsicht soll mehr Transparenz bringenAngesichts dieser kritischen Bewertungen aus der Wissenschaft bewertet sie die seit Anfang Juli geltenden EU-weiten Regeln für ESG-Ratingagenturen als Fortschritt. Seither sind diese der europäischen Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde ESMA unterstellt. Das definiert aus Haakes Sicht die Spielregeln des ESG-Marktes gänzlich neu. Es werde zu mehr Transparenz und einer höheren Ratingqualität führen und so das Vertrauen von Investoren stärken. Künftig werden die angewendeten Methodiken kontrollier- und vergleichbar. Bewertete Unternehmen müssen benachrichtigt werden, bevor ein Bericht veröffentlicht wird. Als unabhängige und regulierte Institution will Ethifinance eine glaubwürdige europäische Alternative schaffen.Der Markt hat sich auch deshalb stark gewandelt, weil US-amerikanische Wettbewerber wie S&P, MSCI und ISS in die Rolle als Datenanbieter für Nachhaltigkeitsinformationen hineingewachsen sind. Die Abhängigkeit von solchen Daten sollte eigentlich mit der Richtlinie über Nachhaltigkeitsberichte von Unternehmen (CSRD) verringert werden. Nach Protesten von Unternehmen wurde diese aber stark geändert, was dazu führt, dass weniger Gesellschaften berichten und realistische Daten liefern können. „Die Reduktion der berichtspflichtigen Unternehmen geht nach hinten los“, sagt Haake: „Das Ziel war es ja, harmonisierte Daten von vielen Unternehmen zu erhalten.“Die Geschichte von Ethifinance reicht zwei Jahrzehnte zurück. Frankreich hatte als erstes Land mit dem „Loi énergie et climat“ eine Berichtspflicht eingeführt. Dies führte dazu, dass sich französische Unternehmen frühzeitig mit dem Thema Nachhaltigkeit befassen mussten. „Insgesamt gab es zu viel Reporting und zu wenige innovative Themen wie Kreislaufwirtschaft oder faire Transition“, sagt sie: „Aber auf dem französischen Markt ist viel Innovation passiert.“ Neben privaten Akteuren, denen das Thema wichtig sei, begrüßt sie, wie stabil die Europäische Zentralbank als Aufsichtsbehörde durch das Thema navigiere: „Die EZB bleibt bei ihrer Linie und gibt den Ton an.“