Wer folgt auf Jens Spahn? Merz will die Chance zur Neuaufstellung seiner Regierung nutzenDer Leihmutter-Skandal um Jens Spahn hat die deutsche Regierungskoalition erschüttert. Kanzler Merz spricht von einer «Gelegenheit» – während die AfD die Union in den Umfragen abhängt und selbst die Grünen dem Kanzler zu einem Neustart raten.20.07.2026, 12.01 Uhr3 LeseminutenWer folgt auf Jens Spahn? Sowohl Innenminister Alexander Dobrindt (links) als auch der Kanzleramtschef Thorsten Frei (rechts) werden dafür gehandelt. Hier bei einer Kabinettssitzung.Florian Gaertner / ImagoDie Abgeordneten der Unionsparteien im Deutschen Bundestag werden gezwungen sein, ihre Sommerferien in diesem Jahr zu unterbrechen: Der Rücktritt von Jens Spahn als Fraktionschef der Christlichdemokraten und Christlichsozialen macht eine Neuwahl des Vorsitzes erforderlich. Wie mehrere Medien berichten, soll die Abstimmung am 29. Juli stattfinden – und zwar in Präsenz. Die Fraktion hätte sich eigentlich erst in der nächsten Sitzungswoche im September wieder getroffen, das Parlament ist derzeit in Sommerpause.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der Leihmutter-Skandal von Spahn hat erneut Unruhe in die Regierung von Bundeskanzler Friedrich Merz gebracht, doch ist er Krise und Chance zugleich: «Es könnte eine Gelegenheit sein, noch einmal über die Aufstellung der Bundesregierung nachzudenken», sagte Merz im ZDF-«Sommerinterview» am Sonntag auf Nachfrage der Interviewerin.Merz wies zwar darauf hin, dass kein Zeitdruck bestehe. An diesem Montag befasst sich allerdings bereits das CDU-Präsidium in seiner Sitzung mit den Folgen von Spahns Rücktritt.Der Fraktionschef hatte am Samstag sein Amt niedergelegt, nachdem auch Merz ihn dazu aufgefordert hatte. Über die Entscheidung von Spahn und seinem Ehemann, ein Kind von einer Leihmutter in den USA austragen zu lassen, war zuvor eine intensive Debatte entbrannt: Spahn umging mit der Entscheidung das deutsche Verbot von Leihmutter-Schwangerschaften – und stellte sich somit auch gegen eine politische Position der Christlichdemokraten.Spekulationen über die NachfolgeDas politische Berlin spekuliert unterdessen über die Nachfolge an der Fraktionsspitze. Immer wieder wird der Kanzleramtschef Thorsten Frei mit dem Posten in Verbindung gebracht.Frei steht wegen seiner Amtsführung seit längerem in der Kritik: Ihm wird angelastet, in seiner Schlüsselfunktion die Koordination von wichtigen Regierungsvorhaben zu vernachlässigen. Frei selbst allerdings soll nach der vergangenen Bundestagswahl ohnehin dem Fraktionsvorsitz zugeneigt gewesen sein, sei aber Merz’ Ruf ins Kanzleramt gefolgt. Als ehemaliger Parlamentarischer Geschäftsführer wäre er auf einen Wechsel auf den Fraktionsvorsitz gut vorbereitet.Genannt wird auch der gegenwärtige Innenminister Alexander Dobrindt, über den der CDU-Vorsitzende von Mecklenburg-Vorpommern, Daniel Peters, gegenüber «Politico» sagt, dass dieser einen «exzellenten Job» mache, und vor allem, dass es «kein Problem» sei, dass Dobrindt der kleineren, christlichsozialen Schwesterpartei aus Bayern angehöre. Tatsächlich ist Dobrindt als Minister einer der Aktivposten der Regierung und gilt zugleich als jemand, der immer wieder Kompromisse unter den Koalitionspartnern fördert.Dass Kanzler Merz allerdings die zentrale Figur der angestrebten Migrationswende vom Innenministerium abzieht und zugleich der CSU den Fraktionsvorsitz überlässt, erscheint fraglich.Ebenfalls mit dem Fraktionsvorsitz in Verbindung gebracht wird Gesundheitsministerin Nina Warken. Warken gehört ebenfalls zu den erfolgreicheren Kabinettsmitgliedern. So gelang es ihr, mit der vor der Sommerpause verabschiedeten Gesundheitsreform die Beiträge zur gesetzlichen Krankenversicherung vorläufig zu stabilisieren.Allerdings gilt für Warken, was auch für Dobrindt gilt: Ihr Ausscheiden aus dem Ministeramt wäre ein Verlust für die Regierung – zumal sie sich gerade erfolgreich in die komplexe Materie der Gesundheitspolitik eingearbeitet hat.Ins Spiel gebracht werden auch Fraktionsvize Günter Krings, der als von Merz unterstützter Kandidat für den Chefposten der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung gescheitert war, sowie CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann.Sogar die Opposition sieht eine Chance für MerzSpahns Rücktritt bewertet auch die Opposition positiv. Die Grünen-Chefin Franziska Brantner wertet ihn als Chance für Kanzler Merz. Dieser könne nun «Tabula rasa» machen und sagen: «Wir gehen jetzt noch einmal neu los», so Brantner am Sonntag in einem Fernsehinterview. Spahn habe in den vergangenen Jahren zunehmend an Glaubwürdigkeit eingebüsst, konstatierte Brantner.Häme gab es vom Nachwuchs des Koalitionspartners SPD. Der Vorsitzende der Juso, Philipp Türmer, irritierte mit einem Video zum Rücktritt von Jens Spahn. Darin schenkt sich der Chef der SPD-Jugendorganisation ein Bier ein und feiert den Abgang des Christlichdemokraten.Eine neue Umfrage sorgt nach dem Rücktritt Spahns jedenfalls für zusätzlichen Handlungsdruck bei Merz: Die AfD baut in der «Sonntagsfrage» des Instituts Insa im Auftrag der «Bild am Sonntag» ihren Vorsprung auf die Union wieder aus und kommt derzeit auf 29 Prozent der Stimmen, während die Union auf 21 Prozent zurückfällt. Der Kanzler scheint also tatsächlich gut beraten, den Abgang des Fraktionschefs zu nutzen, um die Regierung schlagkräftiger aufzustellen.Passend zum Artikel