I»Ich wohne in einem Mietshaus und habe grundsätzlich zu allen Bewohnern ein gutes Verhältnis. So auch zu den Mietern der Wohnung über mir, einem etwas älteren, noch sehr fitten Paar. Wir gießen auch die Blumen des jeweils anderen bei Abwesenheit. Nun streiten sich die beiden sehr oft und laut (das Haus ist hellhörig). Teilweise gefühlt den ganzen Tag, über Wochen hinweg. Oft auch mitten in der Nacht. Ich kann arbeiten und schlafen, aber es verbreitet ein schlechtes Grundgefühl. Und es steht von meiner Seite her unausgesprochen etwas zwischen uns, wenn wir uns treffen. So richtig mag ich ihnen auch nicht mehr meinen Schlüssel zum Blumengießen geben, weil ich so viel negative Energie nicht in der Wohnung will. Sie darauf anzusprechen, wäre mir aber peinlich. Es würde ja bedeuten, dass ich Privates über sie weiß, das sie sicher nicht offenbaren wollen. Was ist Ihr Rat?« Anonym, per MailEs tut mir total leid, aber mein Rat ist, sie darauf anzusprechen. Haben Sie befürchtet, oder? Sonst hätten Sie ja nicht schon dagegen argumentiert. Aber warum sollte es Ihnen peinlich sein? Sie können doch nichts dafür, unwillentlich zum Mitanhören von Dingen gezwungen zu werden, die Sie nichts angehen. Sogar mitten in der Nacht. Sie glauben, dieses Paar würde nicht wollen, dass Sie derart Privates über sie wissen. Noch ein Grund mehr, es anzusprechen. Je schneller, desto besser. Klar, idealerweise hätten Sie gleich etwas gesagt, die beiden vor langer Zeit schon darüber informiert, wie hellhörig das Haus ist. Jetzt, so viele Streitigkeiten später, ist es natürlich ein bisschen unangenehm, aber in erster Linie, wenn wir mal ehrlich sind, für das Paar – das mit dem neuen Wissen wenigstens in Zukunft seine Privatsphäre besser schützen kann. Vielleicht bringt eine freundliche Intervention die beiden auch dazu, ihre Art der Kommunikation zu überdenken? Womöglich ist das derart eingespielt, dass sie ihren Ton selbst gar nicht mehr bemerken, und Sie verleihen dieser Beziehung noch mal einen neuen Schwung in eine harmonischere Richtung? Aber halt, kurzer neuer Gedanke: Könnte nicht auch Schwerhörigkeit eine Rolle spielen? Und es sich bei den Streitigkeiten in Wahrheit um lautstarke Gespräche handeln? Nein, oder? Sie meinen schon explizite Streitereien.So oder so: Wenn Sie nichts sagen, würden die also in Zukunft Ihre Blumen nicht mehr gießen, sich aber seelenruhig weiter anbrüllen, nicht ahnend, dass das ganze Haus sie hört. Ich finde, das klingt traurig. Und Sie erwähnen ja auch ein schlechtes Grundgefühl. Fassen Sie sich ein Herz. Klingeln Sie mit einem Strauß Blumen bei Ihren Nachbarn, die Sie ja eigentlich mögen, und verbessern Sie, durch das Überbringen einer leicht unangenehmen Information, Ihr Leben.Johanna Adorján Illustration: Grafilu
Wenn zwei sich streiten — und das ganze Haus mithört
Unser Leser bekommt jeden lautstarken Konflikt seiner Nachbarn mit. Ein komisches Gefühl, wenn er sie auf dem Flur sieht. Sollte er das ältere Paar darauf ansprechen?









