An einem Sonntag im Juni 2013 verschwanden zehn Familienmitglieder von Ziad Amiri spurlos. Wahrscheinlich wurden sie von den Schergen des Diktators Bashar al-Asad ermordet. Bis heute sucht Amiri nach Antworten – so wie Tausende andere Syrer auch.20.07.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenZiad Amiri sitzt im Halbdunkel seines kargen Wohnzimmers im Süden von Damaskus. Nur eine kleine Halogenlampe spendet weisses Licht, der Putz bröckelt von der dünnen Wand, durch die die Stimmen der Nachbarn dringen. «Ich habe diese Wohnung verkommen lassen, weil ich sie hasse», sagt der 36-jährige Syrer mit palästinensischen Wurzeln. «Sie erinnert mich an meine Familie.»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Amiris Familie gibt es nicht mehr. An einem Sonntag im Juni 2013 verschwanden zehn seiner Verwandten spurlos. Unter ihnen auch Ziad Amiris Mutter und seine Schwestern. So wie Tausende Syrerinnen und Syrer wurden sie von den Schergen des Diktators Bashar al-Asad verschleppt – und wahrscheinlich ermordet.Ziad Amiri sucht bis heute nach Antworten – so wie Tausende andere Syrerinnen und Syrer, die ein ähnliches Schicksal ereilt hat. Im April hat der erste Prozess gegen einen hochrangigen Funktionär des Asad-Regimes begonnen, weitere Anklagen sollen folgen. Doch für Amiri und andere Angehörige kommt die Aufarbeitung der Verbrechen auch anderthalb Jahre nach Asads Sturz zu langsam voran. «Die Befreiung bedeutet nichts für mich, wenn sie keine Gerechtigkeit bringt», sagt der Mann mit leiser Stimme bei einem Tee in seiner Wohnung.Ziad Amiri verlor zu Beginn des syrischen Bürgerkriegs zehn seiner Angehörigen, unter ihnen seine Mutter und seine Schwester. Seit Jahren sucht er nach Antworten – bis jetzt vergeblich.«Sie haben meine Mutter mitgenommen»«Es war der 16. Juni 2013.» Das Datum kommt wie aus der Pistole geschossen, als sich Ziad Amiri an den Tag erinnert, an dem sein Leidensweg begann. Schon in den ersten Tagen des Bürgerkriegs hatten die syrischen Rebellen das palästinensisch geprägte Quartier von Amiris Familie im Süden der syrischen Hauptstadt erobert. Die Frontlinie verlief mitten durch den Stadtteil: auf der einen Seite die Rebellen der Freien Syrischen Armee, auf der anderen Seite die Soldaten Asads.«Frisches Obst und Gemüse gab es meist nur in dem Teil, der vom Regime kontrolliert wurde», erzählt Ziad Amiri. Die Bewohner konnten die Checkpoints damals passieren und im Gebiet unter Asads Kontrolle einkaufen. «Doch Männer wurden oft von den Soldaten der Asad-Regierung an den Checkpoints verhaftet. Also gingen vor allem die Frauen auf die andere Seite.»An jenem 16. Juni hatte sich Ziad Amiris Mutter auf den Weg gemacht, um auf der anderen Seite der Front Lebensmittel für die Familie zu besorgen. Dann aber brachen heftige Kämpfe aus. «Meine Mutter entschloss sich, auf der anderen Seite im Haus meiner Tante zu bleiben.»Was danach geschah, hat Ziad Amiri von Anwohnern erfahren: Am gleichen Tag klopfte eine Patrouille an der Tür der Tante und befahl allen Bewohnern, die Wohnung bis zum nächsten Tag zu verlassen. Der Grund: Es befänden sich Menschen in der Wohnung, die nicht registriert seien – unter ihnen Ziad Amiris Mutter. Noch bevor die Frist des Regimes verstrich, kehrten die Soldaten am Morgen darauf zurück und nahmen alle Personen in der Wohnung fest.«Sie haben meine Mutter, meine vier Schwestern, meinen Onkel, meine Tante und meinen Schwager mit seinen zwei kleinen Kindern mitgenommen. Insgesamt waren es zehn Personen.»Ein kleines Foto von Ziad Amiris Mutter hängt an einem Schrank im Wohnzimmer: Über die Jahre hat Amiri Tausende Dollar an Bestechungsgeldern bezahlt, um Informationen über den Verbleib seiner Familie zu erhalten.Eine Moschee zwischen zerstörten Häusern in Jarmuk, einem Stadtteil im Süden von Damaskus, der vom Asad-Regime mit Flächenbombardements überzogen wurde.Für Amiri und seine verbleibenden Angehörigen begann nun eine qualvolle Suche. Unentwegt fragten sie nach: in der Nachbarschaft, an den Checkpoints des Regimes, bei den verschiedenen Abteilungen des weitverzweigten Geheimdienstapparates. Insgesamt gab die Familie 25 000 Dollar für Bestechungsgelder aus, um Informationen über den Verbleib ihrer Angehörigen zu erhalten – vergeblich.Stattdessen traf auch sie Asads Repression. «An den Checkpoints wurden wir gedemütigt und als Terroristen beschimpft», erzählt Amiri. «Uns wurde gesagt, dass uns dasselbe Schicksal wie unsere Familie erwarte, wenn wir nicht aufhören würden nachzufragen.» Amiris Vater wurde mehrfach verhaftet und in der Gefangenschaft gefoltert. «Sie haben brennende Zigaretten auf seiner Haut ausgedrückt.» Im April 2023 starb Ziad Amiris Vater – den Sturz des Asad-Regimes hat er nicht mehr erlebt.Mit Sicherheit weiss Ziad Amiri bis heute nicht, was mit seiner Mutter und den restlichen Verwandten geschehen ist. Doch die Indizien deuten darauf hin, dass seine Familienmitglieder in einem der vielen Massengräber des Regimes verscharrt sind.Opfer des «Schlächters von Tadamon»?Das syrische Regime hatte im Jahr 2013 Hunderte Zivilisten in eilig ausgehobenen Gruben hingerichtet und verscharrt. Ein berüchtigtes Video zeigt einen dieser Massenmorde. Darin ist zu sehen, wie ein junger Offizier der syrischen Armee, Amjad Youssef, am Rand der Grube steht. Er sollte nach Veröffentlichung der Aufnahmen als «Schlächter von Tadamon» bekannt werden – benannt nach dem Damaszener Stadtviertel, in dem sich das Massengrab befindet.Das Video zeigt, wie Menschen mit verbundenen Augen und auf den Rücken gefesselten Händen nach und nach an den Rand des Massengrabs geführt werden. Mal tritt sie Youssef in die Tiefe, mal lässt er sie unwissend in den Abgrund laufen. Dann feuert er mit seinem Sturmgewehr Schüsse auf die wehrlosen Menschen ab. Amjad Youssef mordet mit kalter Präzision, als verrichte er eine normale Arbeit. Nur manchmal bellt der damals 36-jährige Offizier Befehle wie «Lauf!», «Steh auf!», «Renn!».Anwohner, die damals in der Nähe des Massengrabs lebten, berichten, dass sie zu dieser Zeit immer wieder grosse Rauchsäulen gesehen hätten. Es habe dann nach verbranntem Fleisch gerochen. Auf dem Video sind in der Grube Autoreifen zu sehen, auf die die getöteten Menschen fallen – diese wurden nach der Ermordung mutmasslich in Brand gesetzt.An einem Punkt im Video dreht sich Amjad Youssef in Richtung der Kamera. Der Mörder lächelt. «Grüsse an dich, Boss», sagt er, nachdem er einigen Dutzend Menschen in den Rücken oder in den Kopf geschossen hat.Amjad Youssef ist mittlerweile in Haft. Sicherheitskräfte der neuen Regierung haben ihn Ende April im Haus seiner Familie gefasst. Kurz darauf wurde laut syrischen Medienberichten auch Youssefs «Boss» verhaftet: Saleh al‑Ras, auch bekannt unter seinem Namen «Abu Montajab». Er war der Kommandant der Regimekräfte in Tadamon und mutmasslicher Hauptverantwortlicher für die Morde in dem Quartier, bei denen bis zu 300 Menschen getötet worden sein sollen. Ziad Amiri hat erfahren, dass Ras persönlich anwesend gewesen sein soll, als seine Familienmitglieder verhaftet wurden.Amiri ist in engem Kontakt mit den syrischen Regierungsbehörden, die sich um die Aufarbeitung der Verbrechen des Asad-Regimes kümmern. Der 36-Jährige ist der Stellvertreter aller Opferfamilien in seiner Nachbarschaft. «Es gibt dieses eine bekannte Video vom Tadamon-Massaker», sagt Amiri. «Aber der Chef des Komitees für die vermissten Personen hat mir persönlich gesagt, dass sie über noch viel mehr Beweise verfügten: Insgesamt gebe es 36 solcher Videos.»Ein altes Video zeigt «Abu Montajab», den Kommandanten der Asad-Armee in Tadamon – er soll für die Ermordung von knapp 300 Zivilisten verantwortlich sein.Syrien ist ein gebrochenes Land: Ganze Städte sehen aus wie das Quartier Jarmuk im Süden von Damaskus, wo das gnadenlose Bombardement des Asad-Regimes kaum ein Haus verschont hat.«Wir brauchen ein neues Justizsystem»Der Mann, der sich um die langwierige Aufarbeitung dieser Verbrechen kümmert, ist Radif Mustafa. Der 56-Jährige ist der Leiter der Abteilung für Rechenschaftspflicht in der syrischen Kommission für Übergangsjustiz. Die Kommission will aber nicht nur jene Verbrechen des Regimes aufarbeiten, die während des Bürgerkriegs begangen wurden. «Wir kümmern uns um alle Verbrechen, die seit der Machtübernahme von Hafez al-Asad im Jahr 1970 begangen wurden», sagt Mustafa.Mustafa sieht älter aus, als er ist. Der frühere Menschenrechtsanwalt aus Aleppo hatte sich schon früh gegen das Asad-Regime ausgesprochen. 2011 wurde auch er verhaftet und gefoltert. Nach seiner Freilassung im selben Jahr floh Mustafa in die Türkei und kehrte erst nach dem Sturz Asads wieder zurück.«Unsere Aufgabe ist enorm», sagt der kleine Mann mit Glatze, der sich eine Zigarette nach der anderen ansteckt. «Asads Baath-Partei hat in Syrien seit 1963 geherrscht. Wir brauchen ein ganz neues Justizsystem.» Ein Teil der alten Gesetze gelte immer noch, und daher gebe es im derzeitigen syrischen Recht kaum einen Artikel, der es ermögliche, Massenmörder aus der Asad-Zeit zur Rechenschaft zu ziehen. Vielfach sei es nur unter Berufung auf die Genfer Konvention möglich, die Täter vor Gericht zu stellen. Syriens damalige Regierung hatte das Abkommen zum humanitären Völkerrecht im Jahr 1949 unterschrieben. «Wir arbeiten derzeit an neuen Gesetzen, die eine Strafverfolgung ermöglichen.»Der erste Prozess, der im April begann, läuft noch unter einem hybriden System. Der frühere Kommandant der Sicherheitskräfte im südsyrischen Daraa, Atef Najib, wurde wegen Verstössen gegen das syrische Strafgesetz sowie gegen das internationale Völkerrecht angeklagt. In Zukunft sollen die Täter der Asad-Zeit auf Grundlage neuer Gesetze angeklagt werden, die das neue syrische Parlament noch verabschieden müsste. Dieses ist am 12. Juli erstmals zusammengetreten. Der Prozess gegen Najib hat nicht zuletzt wegen der Ungeduld in der syrischen Bevölkerung so früh begonnen.Bis auf diese erste öffentlichkeitswirksame Gerichtsverhandlung hat die Kommission für Übergangsjustiz bisher noch kaum bekannte Fortschritte erzielt. «Das grösste Problem ist das mangelnde Geld», sagt Radif Mustafa. «Wir haben nicht die finanziellen Kapazitäten, um mehr Menschen einzustellen, und sind deswegen auf die Arbeit von Freiwilligen angewiesen.»Radif Mustafa leitet die Abteilung für Rechenschaftspflicht in der syrischen Kommission für Übergangsjustiz: «Das grösste Problem ist das mangelnde Geld.»Eine Gefahr für Syriens StabilitätScheitern ist für Radif Mustafa allerdings keine Option. «Nur wenn die Verbrecher zur Rechenschaft gezogen werden, kann Syrien ein sicheres und stabiles Land werden», sagt der Anwalt. Ausländische Regierungen sehen das ähnlich. Eine hochrangige europäische Diplomatin in Damaskus sagt, die mögliche Selbstjustiz der Asad-Opfer sei eine der grössten Gefahren für die Stabilität der noch jungen Regierung.Immer wieder schlägt der Zorn vieler Syrerinnen und Syrer in manchen Teilen des Landes in Gewalt um: So wurden Mitte Juni an mehreren Orten in Syrien mutmassliche Asad-Anhänger getötet, ihre Häuser oder Geschäfte verwüstet.Ziad Amiri behauptet, er habe keine Rachegelüste. Er wolle nur, dass die Regierung schneller arbeite und mehr Geld für die juristische Aufarbeitung bereitstelle. Was würde er tun, falls er dem Verantwortlichen für das Verschwinden seiner Familie gegenübersässe? «Ich würde ruhig mit ihm sprechen, um mehr Informationen aus ihm herauszuholen.» Amiri will weitermachen – so lange, bis das Schicksal aller Opfer aufgeklärt ist.Ob er abschliessen kann, wenn dereinst klar ist, was mit seinen Verwandten wirklich geschehen ist, weiss Ziad Amiri nicht. Auch ein Prozess gegen die mutmasslichen Mörder seiner Familie könnte seine Angehörigen schliesslich nicht zurückbringen, sagt er. «Innerlich bin ich schon lange tot.»Passend zum Artikel