„Von unserer städtischen Blase aus wirkt Sachsen-Anhalt schon sehr befremdlich“, sagte mir neulich eine Bekannte in Hamburg. „Wieso wollen da so viele die AfD wählen?“ Ich verkniff mir den Spruch, dass der Rest der Republik es womöglich befremdlich findet, dass in Hamburg noch 31 Prozent der Menschen die SPD wählen wollen. Stattdessen dachte ich ernsthaft über die Frage nach, und jeder, der verstehen will, warum sich die Parteienlandschaft in Deutschland verändert, sollte das auch tun.

Wie es der Zufall so wollte, war ich gerade auf dem Weg zu einer Lesung in der sachsen-anhaltinischen Hauptstadt Magdeburg. Als ich dort mit Menschen ins Gespräch kam, fand ich wenig Befremdliches. Sachsen-Anhalt, wo die AfD schon seit Monaten in den Umfragen bei mehr als 40 Prozent liegt und für die Landtagswahlen im September auf eine absolute Mehrheit hofft, ist kein Sonderfall, kein seltsames Flächenland im Osten, sondern ein guter Indikator dafür, was viele Leute überall in Deutschland bewegt.

Enormer gesellschaftlicher Umbruch in Sachsen-Anhalt

Nehmen wir mal das Thema Migration, das in Umfragen bundesweit und in Sachsen-Anhalt nach der Wirtschaft auf Platz 2 der wichtigsten Probleme steht. Trotzdem hört man immer wieder Unverständnis darüber, warum das im Osten so ein großes Thema sei. Es stimmt, dass Sachsen-Anhalt mit einem Migrationsanteil von 11,2 Prozent ein vergleichsweise migrationsarmes Land ist (der Bundesdurchschnitt liegt bei 30,4 Prozent). Dennoch hat sich die Anzahl nichtdeutscher Einwohner in Sachsen-Anhalt seit 2015 verdoppelt, und das muss man zur Kenntnis nehmen.