Ich höre immer öfter den zynischen Satz, man solle die AfD doch einfach mal regieren lassen. Dann werde nämlich endlich für jeden sichtbar, was für eine Gurkentruppe das sei.Mein Impuls ist ein anderer. Ich empfinde vor allem Mitgefühl mit den Menschen in Sachsen-Anhalt. Allerdings bin ich unsicher, ob das ein besonders kluger Impuls ist. In drei Monaten wird in Sachsen-Anhalt gewählt, die AfD könnte die absolute Mehrheit bekommen. Ein Bundesland mit 2,1 Millionen Einwohnern wird dann Ort eines Experiments. Allerdings eines Experiments, für das sich die Versuchskaninchen mehrheitlich freiwillig gemeldet haben.Mitgefühl habe ich besonders mit den Menschen, die dann nicht die AfD gewählt haben werden und trotzdem die Folgen ausbaden müssen. Die in Sachsen-Anhalt sowieso schon gegen eine schwierige wirtschaftliche Lage ankämpfen, gegen Arbeitskräftemangel, fortgesetzte Abwanderung und Bevölkerungsschrumpfung. Ausgerechnet die bekommen jetzt obendrauf fünf Jahre AfD-Regierung. Die Stimmung vor Ort? Schlecht bis panisch Als Landesminister gelten Extremisten wie Hans-Thomas Tillschneider als sehr wahrscheinlich. Die Partei fürchtet selbst, kein geeignetes und halbwegs vorzeigbares Personal zu finden. Es ist auch kein Zufall, dass die AfD kein Schattenkabinett vorstellt.Für viele stellt sich die Frage: Weggehen oder Durchhalten? Mit Sachsen-Anhalt verbinde ich viel Positives. Ich denke an das ehemalige Melt-Festival bei Gräfenhainichen, an euphorische Sommernächte in surrealer Industriebrache. Ich denke an das schöne Quedlinburg, an den Geiseltalsee bei Merseburg und Kathi-Backmischungen. Und natürlich an die Menschen, die man dort kennt.Vergangene Woche habe ich mit einigen von ihnen telefoniert. Die Stimmung ist sehr schlecht bis panisch. Ein Freund sagt: Was er sich vor einem Jahr noch nicht vorstellen konnte, wirkt jetzt unausweichlich. Aber er wolle nicht gehen. Keinen Millimeter Sachsen-Anhalt gönne der denen. Eine gute Bekannte sagt, sie suche eine Wohnung in Berlin, Hamburg oder Leipzig. Sie gehört zu den Beweglichen. Wer keine Kinder hat, keine pflegebedürftigen Eltern, kein Haus oder feste Bindung, ist in dieser Frage privilegiert. Die Bekannte sagt auch, dass sie keinen Paternalismus haben mag. Vor allem nicht aus dem Westen. Mitgefühl könne ja schnell herablassend werden. Dabei hat sie selbst Mitgefühl, nämlich für diejenigen, die bleiben werden. Und die es einerseits durch den Wegzug der Beweglichen noch schwerer haben werden. Andererseits aber durch den Zuzug, den es auch geben werde. Wie der aussieht und was er mitbringt, kann man im Kleinen sehr gut in Halberstadt sehen. In der Kreisstadt im Harz haben sich bereits Führungskader der westdeutschen Neonazi-Szene niedergelassen, vor allem eine Clique aus Dortmund. Sie haben erfolgreich lokale Proteste unterwandert, neue Strukturen aufgebaut und das Klima der Stadt nachhaltig verändert. Die Hoffnung auf eine „national befreite Zone“ ist dort zum Pull-Faktor für Gleichgesinnte geworden.Eine AfD-Regierung könnte zusätzlich Rechtsextreme anziehen, weil sie hier künftig ihre Ideen umsetzen und dabei sogar noch auf staatliche Förderung hoffen können. Für ihren Verein, ihr Musikprojekt, für ihr Straßenfest. Die Partei hat bereits angekündigt, künftig Vereine mit „patriotischer Grundhaltung“ zu unterstützen. Angezogen werden auch Eltern, die ihre Kinder nicht in die Schule schicken, sondern nach ihren eigenen Vorstellungen zu Hause unterrichten wollen, was die AfD in Sachsen-Anhalt ermöglichen will. Meine Bekannte fürchtet, dass Sachsen-Anhalt weltweit bekannt werden wird als das Stück Deutschland, in dem wieder Rechtsextreme regieren. Man könne sich leicht ausmalen, was dieser Imageschaden für den Wirtschaftsstandort bedeute. Ob große Unternehmen dann noch in Sachsen-Anhalt investieren werden. Ob dies alles helfen wird, das drängende Problem des Männerüberschusses in den Griff zu bekommen.Früher versuchte die damalige Landesregierung, Sachsen-Anhalt als das „Land der Frühaufsteher“ zu vermarkten. Dieser Slogan habe ohnehin schon etwas trostlos gewirkt, sagt meine Bekannte, aber tausendmal besser „Land der Rechtsextremen“. Ich verstehe, warum manche sagen: Lasst die AfD doch einfach mal regieren, dann sieht Deutschland, wohin das führt. Es scheint tatsächlich plausibel, dass diese Partei Sachsen-Anhalt ins Desaster führen und so ein abschreckendes Beispiel schaffen würde. Aber für die Betroffenen wäre es furchtbar. Je länger man darauf herumdenkt, desto mehr erscheint Mitgefühl einem als angemessenes Gefühl. Auf jeden Fall besser als Gleichgültigkeit.