Das Vernichtungsverbot für neue Textilien und Schuhe, das seit Sonntag in der EU gilt, um einen Anreiz für langlebige Ware zu schaffen, geht nach Ansicht der Textilbranche „völlig an der Realität vorbei“. Die heimische Industrie werde mit weiterer unsinniger Bürokratie belastet, das Problem von Ultra-Fast-Fashion indes „nicht einmal im Ansatz“ gelöst, kritisiert der Gesamtverband der deutschen Textil- und Modeindustrie. „Kein deutscher oder europäischer Hersteller vernichtet einwandfreie Neuware“, hob Jonas Stracke, Kreislauffachmann beim Gesamtverband Textil+Mode, hervor. Nicht verkaufte Ware oder Onlineretouren gingen grundsätzlich in den Sonderverkauf oder in Outlets, würden umgearbeitet oder gespendet.Die Neuregelungen schafften nun aufwendige Berichtspflichten für einen kleinen Teil von Textilien, die aus Gründen von Sicherheit, Hygiene oder wegen anderer schwerer Mängel nicht mehr in den Umlauf gebracht werden dürften. Stracke verwies auf Ware, die durch grobe Produktionsfehler nicht zu gebrauchen sei oder während des Transports beschädigt werde, etwa durch Schimmelbildung, wenn Wasser in den Container gelange. Das Vernichtungsverbot und die Berichtspflichten für die europäische Textilbranche gelten zunächst für große Unternehmen, von 2030 an auch für mittlere Unternehmen. Kleine Unternehmen sind ausgenommen.Umweltminister Schneider verteidigt die NeuregelungBundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) hingegen sagte, „es ist wichtig, dass Unternehmen und Hersteller so kalkulieren, dass unnötige Überproduktion vermieden wird“. Vor allem im Onlinemodehandel würden zurückgesandte, unverkaufte Artikel häufig aus wirtschaftlichen Gründen vernichtet, etwa weil Prüfung, Lagerung und abermaliger Verkauf teurer seien als die Herstellung neuer Produkte, schreibt sein Ministerium. Nach Schätzungen der EU-Kommission würden im deutschen Onlinehandel im Jahresdurchschnitt etwa 20 Millionen Artikel zurückgesandt.Aus Sicht der Textilbranche besteht das eigentliche Problem hingegen darin, dass der europäische Textilmarkt mit Ramschware aus Asien geflutet werde. Allein in Deutschland kämen an einem durchschnittlichen Tag 500.000 Päckchen mit spottbilliger Ultra-Fast-Fashion aus Asien an, beklagte Verbandsvertreter Stracke. Auch die neue Zollgebühr für Kleinstpäckchen von drei Euro werde nicht viel ändern. Häufig hätten die Anbieter aus Fernost keinen Firmensitz in der EU. Deswegen werde es auch künftig juristisch schwierig bleiben, gegen sie vorzugehen.Dabei lande gerade ein Großteil asiatischer Billigtextilien in den Altkleidercontainern, für die deutsche Hersteller künftig auch noch zahlen sollten, schreibt Textil+Mode. Für mehr Nachhaltigkeit brauche es faire Wettbewerbsbedingungen, funktionierende Sammel-, Sortier- und Recyclingstrukturen und einen Markt für recycelte Textilfasern, hob Kreislauffachmann Stracke hervor. Doch gebe es in der EU bislang keine großflächige industrielle Recycling-Infrastruktur.