Keine 24 Stunden war der Rücktritt Jens Spahns vom Amt als Unionsfraktionschef her, da wurde am Sonntagvormittag im Sauerland das ZDF-Sommerinterview mit Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) aufgezeichnet. Natürlich drehte sich das Gespräch zu Beginn erst einmal um den Abgang, der politisch aus dem Nichts gekommen war.Merz sagte, mit einer Empörungswelle in diesem Umfang habe er nicht gerechnet. Die Gelegenheit, seinen bisherigen Fraktionschef menschlich zu verteidigen, ließ er aber verstreichen – und äußerte sich stattdessen genau gegenteilig: „Es hatte wahrscheinlich auch was mit seiner Person zu tun.“Gefragt wurde auch nach Merz’ eigener Rolle, schließlich hatte er nach einer Vorabinformation durch Spahn eine Vorwarnzeit. „Wir hatten alle kaum Gelegenheit, mit ihm darüber zu sprechen“, wehrte Merz ab. Spahn habe Partei und Fraktion „sehr, sehr spät“ informiert. „Wenn wir Zeit gehabt hätten, hätten wir das in Ruhe besprechen können, aber die Zeit hatten wir nicht.“ Der Schaden für die Glaubwürdigkeit der Union sei ihm am Samstag „überdeutlich geworden. Deswegen haben wir dann ja auch gehandelt.“„Sie sprechen im Konjunktiv, richtigerweise, es könnte eine Gelegenheit sein.“Friedrich Merz im ZDF-Sommerinterview zum Thema eines möglichen RegierungsumbausFür die Zukunft interessant ist die Frage, ob nur Spahns Posten als Fraktionschef nachbesetzt wird oder nun die Gelegenheit für einen größeren Personalumbau im Kabinett da ist, um womöglich auch den Posten des Chefs im Bundeskanzleramt neu zu besetzen. Thorsten Frei, der dort derzeit Verantwortung trägt, gilt vielen in der Koalition nicht als der hervorragende Manager der Macht, der auf diesem Posten gebraucht würde.Darauf angesprochen, lächelte der Kanzler amüsiert. „Sie sprechen im Konjunktiv, richtigerweise, es könnte eine Gelegenheit sein.“ Später setzte er nach: „Es könnte eine Gelegenheit sein, noch einmal über die Aufstellung der Bundesregierung nachzudenken.“ Für den Posten als Fraktionschef – der definitiv neu zu besetzen ist – werde es bald einen Vorschlag geben.Im weiteren Verlauf des Gesprächs wurde der Kanzler emotional, als es um den Zustand des Landes ging. „Ich bin es einfach leid, dass nur schlecht geredet wird über Deutschland.“ Es gebe eine Rekordzahl von Unternehmensgründungen durch junge Menschen. „Wir haben in Deutschland so viele Chancen, wir haben so viele Möglichkeiten.“ Die „kleinen Paschas“ tauchen wieder auf Der Kanzler kam auch auf eine Aussage von sich selbst zu sprechen, für die er im Jahr 2023 heftig kritisiert worden war. Er hatte damals mit Blick auf Kinder mit Migrationshintergrund, die in Schulen Lehrkräfte drangsalieren, von „kleinen Paschas“ gesprochen. „Sie zeigen immer diejenigen, die dies kritisieren“, sagte Merz zur ZDF-Journalistin Diana Zimmermann, die ihn befragte. „Es ist ihr gutes Recht, das zu tun, aber es ist mein gutes Recht, auch mal zu sagen: Ich bekomme sehr viel Zustimmung in der Bevölkerung für das, was ich zu diesen Sachverhalten sage.“Es ging in diesem Zusammenhang auch um die Frage, ob der Kanzler selbst schlecht über die Deutschen rede, etwa beim Thema Arbeitsvolumen und Krankenstand. „Das ist doch nicht Faulheit, die ich jemandem persönlich unterstelle“, entgegnete Merz. „Ich weiß, wie viel Menschen leisten und arbeiten. Ich sehe das in den Krankenhäusern, ich sehe es in den Pflegeheimen, ich sehe es an vielen anderen Stellen.“ Er sage aber auch: „Insgesamt müssen wir in diesem Land einfach eine höhere Leistung erbringen, und dazu stehe ich.“Zu den Plänen für eine Steuerreform sagte der Kanzler, es gehe um 600 Euro Entlastung pro Jahr für eine Familie mit 60.000 Euro Einkommen. „Wir können im Augenblick nicht viel mehr machen, weil die Staatsfinanzen sehr angespannt sind.“ Es geht auch um die Wahl in Sachsen-Anhalt Angesprochen wurde Merz auch auf die anstehende enorm wichtige Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Sieben Wochen sind es noch bis zum Wahlsonntag. Denkbar ist, dass die AfD eine absolute Mehrheit holt. Dann erübrigen sich für die anderen Parteien weitere Überlegungen. Gelingt das der AfD aber nicht, gilt: Ausweislich sämtlicher Umfragen ist die CDU weit davon entfernt, gegen die AfD regieren zu können, wenn sie sich nicht in irgendeiner Form mit der Linkspartei zusammentut.Tolerierung, Kooperation, Absprachen? Alle CDU-Protagonisten weichen dieser entscheidenden Frage bisher konsequent aus und verweisen darauf, erst einmal müsse gewählt werden. Schließlich gilt der Unvereinbarkeitsbeschluss zur Linkspartei. Ohne diese wird es aber aller Voraussicht nach nicht gehen. Was also tun? Es ist ein schweres Dilemma.Dazu kommen die Spekulationen, einzelne CDU-Abgeordnete könnten nach der Wahl zur AfD überlaufen oder eine neue, eigene Fraktion gründen, um so der AfD zur Regierungsmehrheit zu verhelfen. Auch das wäre eine immense Zerreißprobe für die CDU.Eine klare Antwort blieb der Kanzler erwartungsgemäß auch im Sommerinterview schuldig. „Sie erwecken ja den Eindruck, als ob das ein Problem der CDU alleine wäre“, entgegnete er Journalistin Zimmermann. Die politische Mitte habe ein gemeinsames Problem. „Uns darf das Land nicht wegrutschen. Und an der Stelle müssen wir arbeiten. Und das tun wir auch.“Das Sommerinterview wird um 19:10 Uhr im ZDF ausgestrahlt und ist ab 18 Uhr im ZDF-Streamingangebot verfügbar.
Friedrich Merz im ZDF-Sommerinterview: Ein größerer Regierungsumbau? Da lächelt der Kanzler
Am Tag nach dem Rücktritt Jens Spahns stellt sich der Kanzler dem ZDF-Sommerinterview. „Die Empörung hatte auch was mit seiner Person zu tun“, sagt Merz über Spahn – und erklärt seine eigene Rolle in der Sache.










