Wenn in Schwabing in aller Herrgottsfrühe Menschen in Lederhose und Dirndl an Bushaltestellen warten, wenn am dritten Sonntag im Juli so viele Räder rund um den Chinesischen Turm im Englischen Garten stehen, dass kaum mehr ein Abstellplatz an Baum und Strauch zu finden ist, dann kann das nur eines bedeuten: Kocherlball. Zu Musik wird getanzt, Brotzeit gemacht und – auch, wenn es ziemlich früh ist – Bier getrunken. Wie einst Ende des 19. Jahrhunderts. Als Köchinnen, Kindermädchen, Laufburschen und Diener jeden Sonntag im Sommer zusammen in aller Früh tanzten und feierten, bevor sie wieder arbeiten mussten.Eine Mass um 5 Uhr früh? „Freilich, das geht schon“, sagt Melanie Schreiner. Die 37-Jährige hat mit ihrer Mutter einen Sitzplatz am Tisch ergattert. Um vier Uhr sind beide aufgestanden und zum Chinesischen Turm geradelt. Marianne Schreiner, 61, hat es selbst nicht glauben können, dass schon ein Bier geht. Sie ist zum ersten Mal da und findet die Stimmung „einfach nur schön“. Ob sie weiß, was das Wort „Kocherl“ bedeutet? „Klar“, kommt es sofort. „Das waren damals die Küchenbediensteten, die Köchinnen und Köche.“Die ersten sind schon um 4 Uhr da: Kerzen stehen auf Tischen und Picknickdecken, es gibt Brotzeit und ein frühes Bier. Wolfgang Maria Weber/ImagoManche tragen Haarkränze und Blumenhüte. Claus SchunkAndere kommen als echte „Kocherl“: als Koch oder Bedienstete. Claus SchunkJosephine kennt den Begriff nicht. Auch wenn sie schon öfter beim Kocherlball war. Sie hat keinen Platz mehr gefunden und sitzt im Kies auf einer großen Decke. Wie so viele andere. Bei Kerzenschein, mit Radieschen, Brezen und Obazdn. Eng an eng – ein großes Frühstückspicknick. Bier trinkt Josephine keines. Dafür Weinschorle. „Früh sei sie da gewesen. Aber so voll wie heute war es noch nie“, sagt sie.Müde scheinen die Menschen nicht zu sein. Es wird geratscht, spekuliert, ob das Wetter hält, denn tiefschwarze Wolken ziehen über den Englischen Garten. Trachtenschürzen werden wieder glatt gestrichen und eine große Frage stellt sich: Soll man das Tanzbein schwingen, oder nicht?Mit viel Charme und guter Launer erklärt Tanzmeisterin Katharina Mayer zusammen mit Magnus Kaindl die Tanzschritte. Sie haben auf ihrer Bühne den meisten Platz für die Polka. Claus SchunkDicht an dicht gedrängt warten die Tänzerinnen und Tänzer auf der Tanzfläche vor dem Chinesischen Turm auf die erste Musik, auf die erste Polka. Dann, pünktlich um 6 Uhr, sagt Tanzmeisterin Katharina Mayer den entscheidenden Satz: „Jetzt geht es los!“ Ein paar Spielregeln erklärt sie noch. So, dass jeder mit jedem tanzen darf, dass es keine Pause gibt, sondern vier Stunden durchgetanzt wird. Sie erklärt zusammen mit Magnus Kaindl die Tanzschritte. Die Schreinergeiger spielen. Später der Niederbayerische Musikantenstammtisch. Und das Drehen, Schwingen und Hüpfen beginnt. So gut es eben geht bei der übervollen Tanzfläche. „Aber jetzt seid’s wach, oder?“, fragt Mayer.Die Tanzfläche vor dem Chinesischen Turm ist übervoll, aber irgendwie geht's dann doch. Claus SchunkBeim „Viech“, so erklärt Mayer, tanzt man „wie ein Hendl“. Scharrt mit den Füßen. Geht auseinander, in kurzen Schritten wieder nach vorn. Sie erklärt den Zwiefachen und andere Tänze, wie man richtig „federt“ und schwingt. Alle machen mit. Egal, wie eng es ist. Kontaktscheu darf man beim Kocherlball ohnehin nicht sein. Der bayerischen Obrigkeit war diese Nähe, die in alten Zeiten schon mal bei einem Tête-à-Tête im Gebüsch endete, übrigens suspekt. Und verbot den Kocherlball 1904.Wer keinen Platz hat auf der Tanzfläche, der tanzt irgendwo. Auch Bedienung Angelika wippt mit den Füßen. Heute muss die 61-Jährige arbeiten. Viel lieber wäre sie privat da, sagt sie, lacht und freut sich über die Musik. Auch Kabarettistin Luise Kinseher dreht sich im Takt der Musik hin und her. „Schön ist das“, sagt sie.Die schwarzen Wolken verziehen sich leider nicht. Es tröpfelt. Dann regnet es kurz. Getanzt wird trotzdem weiter.