Beim Kocherlball kann nicht jede Kapelle spielen. Da erfordert es schon besondere Fähigkeiten, ein besonderes Gespür. Der Niederbayerische Musikantenstammtisch hat es, er kennt „die richtigen Zutaten“ für so ein Volkstanzgroßereignis, wie Hans Bachmaier sagt. Der Umweltingenieur spielt die Steirische Harmonika und wird „erster Stammtisch-Papa“ genannt. Er war von Anfang an dabei, als sich vor etwa zwanzig Jahren einige Exilmusikanten aus allen Ecken Bayerns, die es für Arbeit und Studium nach München verschlagen hatte, zusammentaten. Um ihre Sehnsucht nach dem Musikmachen wie daheim zu stillen. Das gelang am besten mit traditionellen Klängen aus der Oberpfalz und Niederbayern, mit Landlern, Schottischen, Drehern und den „schönsten Zwiefachen“ landauf, landab.Genau das richtige Repertoire für den Kocherlball. Bei dem spielt die in München aus dem schmerzlich vermissten Herzkasperlzelt auf der Oidn Wiesn und im Bayerischen Fernsehen als tragende Säule der „Wirtshausmusikanten“ bekannte Kapelle in diesem Jahr zum dritten Mal. Im Wechsel mit den ebenfalls mitreißenden Schreinergeigern. Und stets in Abstimmung mit den Tanzmeistern Katharina Mayer und Magnus Kaindl. Die bringen wie seit Jahren bereits trotz der frühen Morgenstunden sehr aufgeweckt und gut gelaunt die Massen in Schwung. Und die beiden machen vor, wie man den Partner oder die Partnerin dreht und von einem Fuß zum anderen bewegt.Der Kocherlball hat sich zum Signature-Event für München entwickelt, so markant wie das Oktoberfest oder die Auer Dult, dass der Verein zur Erhaltung der Biergartentradition diese größte Volkstanzveranstaltung der Stadt nun zur Aufnahme als Immaterielles Weltkulturerbe angemeldet hat. Das Ereignis geht zurück auf das Jahr 1880, als sich erstmals rund um den Chinesischen Turm „Kocherl“, also Küchenpersonal in aller Früh vor Dienstbeginn und Sonntagsmesse zum Feiern traf. Man verlustierte sich gemeinsam mit Dienstboten, Zimmermädchen, Soldaten und Trambahnschaffnern, und zwar zum Teil so ausgelassen, dass der Freiluftball bereits 1904 „aus Mangel an Sittlichkeit“ wieder verboten wurde.Immer nah an den Tanzenden dran spielt der Niederbayerische Musikantenstammtisch, wie hier im Herzkasperlzelt auf der Oidn Wiesn. Florian PeljakZur 200-Jahr-Feier des Englischen Gartens 1989 wurde der Kocherlball wiederbelebt und wird seitdem immer beliebter: Die ersten Gäste machen die Nacht durch und reservieren bereits um 2 Uhr die Biertische mit weißen Decken, silbernem Geschirr, Speisen und Kandelabern. Bis zum offiziellen Tanzbeginn um 6 Uhr waren im vergangenen Jahr schon 14 000 Gäste da. Und das waren natürlich am wenigsten Kocherl, sondern Bürger quer durch alle Schichten, die meisten in Tracht, einige kostümiert wie zur Jahrhundertwende. Auch die Bussi-Bussi-Gesellschaft kommt frühmorgens aus den Federn, um sich im VIP-Lounge-Zelt mit Champagner zu amüsieren.Viele Gäste des Kocherlballs kommen kostümiert wie zur Jahrhundertwende. Robert HaasAber: Im Tanz sind alle gleich, da kommen sie zusammen. Wenn sie denn tanzen können zur traditionellen, gar nicht mal so Takt-simplen Volksmusik. Der Stadt München ist das offenbar ein Anliegen. So bereitet das Kulturreferat die Bürger in „Mitmach-Videos Bayerisch Tanzen“ (www.volkskultur-muenchen.de/bairisch-tanzen-zum-mitmachen) vor, genauso wie in kostenlosen Volkstanzkursen im Hofbräuhaus. Auf den letzten Dreher können alle noch einmal am Donnerstag vor dem Kocherball (16. Juli, Anmeldung, Vorkenntnisse und fester Partner sind nicht nötig) üben: um 19 Uhr mit Magnus Kaindl, und von 20.30 bis 22 Uhr speziell junge Leute mit Katharina Mayer.Auf dem Podium tanzen Katharina Mayer und Magnus Kaindl wieder vor, wie’s geht. Robert HaasAuch der Niederbayerische Musikantenstammtisch ist beim Tanztraining dabei. Dabei sei es gar nicht unbedingt nötig, dann beim Ball die Schritte zu können, findet Hans Bachmaier. Ein bisschen Walzerschritt bekommt wohl jeder hin, und den einzigen gebotenen Figurentanz, die Münchner Française, kennen viele noch aus dem Fasching. Auf dem gesteckt vollen, gekiesten Tanzboden vor der Bühne schaut eh keiner so genau hin. Ein gewisser „Freiheitsgrad“ sollte ohnehin in der Musik stecken, findet der Harmonikaspieler. Seine Kapelle jedenfalls spielt ohne „Traditionalistenkorsett“, ist dafür schon mit dem Innovationspreis Volkskultur der Stadt München ausgezeichnet worden: „angewandte Volksmusik“, „gebürtig im Wirthaus“ nennen sie es. Viele Zwiefache sind dabei, „bayerische Standards“, sagt Bachmaier, aber auch mal Stücke, die die Musiker besonders begeistern wie das „Wespen-Nest“ oder das „Maiglöckerl“ der Kapelle Josef Pfeffer, „fast vergessen, aber wunderbar“.Sie spielen auswendig, sagt Bachmaier, „mit Freiheitsdrang“, und eigentlich ohne Programm. Sie vertrauen „ganz auf die Kraft der Musik“. Und die sei eben das Tänzerische, wie der Stammtisch-Papa erklärt: „Die ureigene Aufgabe ist es, dass die Musik den Fuß hebt, dass sie zum Tanzen zwingt“.Kocherlball, Sonntag, 19. Juli, 6 Uhr, München, Englischer Garten, am Chinesischen Turm, www.kocherlball.de, Konzerte des Niederbayerischen Musikantenstammtisch unter www.herzsau.de
Größter Volkstanz in München: So kommt man beim Kocherlball frühmorgens in Schwung
14000 Gäste werden wieder zu Münchens größtem Volkstanz im Englischen Garten erwartet. Dass die schon morgens um 6 Uhr auf die Füße kommen, dafür sorgt sich der „Niederbayerische Musikantenstammtisch“.






