«Verpflichtet Frauen und Männer gleichermassen», raten israelische Offizierinnen der deutschen BundeswehrIn der deutschen Wehrpflichtdebatte wird der Dienst an der Waffe oft als vergeudete Zeit betrachtet. Zwei ranghohe Soldatinnen der IDF widersprechen dieser These vehement.Armin Arbeiter, Berlin19.07.2026, 07.00 Uhr5 LeseminutenIsraelische Soldatinnen beim Gedenktag für israelische Soldaten.Nir Alon / ImagoAls sie vor 22 Jahren einrückte, war das für ihre orthodoxe Familie ein absolutes Novum. Jedes Mal kündigt sie daheim an, ihr nächster Posten werde ihr letzter sein. Mittlerweile sei es ein klassischer Familienscherz, sagt die Frau Oberst der Israelischen Verteidigungskräfte (IDF) im Gespräch mit der NZZ im Rahmen einer Veranstaltung der Organisation Elnet. Ihren Namen nennt sie aus Sicherheitsgründen nicht.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Heute ist sie 40 Jahre alt und Leiterin der Personal- und Zahlungsabteilung der Golani-Brigade. Ihre Schwester folgte später. Am Anfang habe sie selbst kaum gewusst, wie lange sie in der Armee dienen werde. Jetzt ist ihr klar, dass sie noch lange bleiben wird.Neben ihr sitzt die bekannte israelische Offizierin Ella Waweya. Sie ist arabische Muslimin, trat mit 24 Jahren freiwillig in die IDF ein. Seit rund 13 Jahren dient sie dort. Heute leitet sie die Abteilung für arabische und nahöstliche Kommunikation. Sie spricht für die IDF zur arabischen Welt, inzwischen auch im persischen und türkischen Raum.Sie habe schon beim Eintritt gewusst, dass sie eine Karriere bei den IDF anstrebe. Sie wollte ein Vorbild sein, auch für arabische Israeli, die skeptisch gegenüber dem israelischen Militär sind. In ihrer Funktion brauche es jemanden, der die jeweilige Sprache und Kultur versteht.Blick auf DeutschlandMit diesen Erfahrungen blicken beide Frauen auf Deutschland. Dort kehrt die Wehrpflicht wohl in kleinen Schritten zurück. Seit diesem Jahr bekommen 18-jährige Männer und Frauen Post von der Bundeswehr. Beide sollen Fragen zu Eignung, Motivation und Ausbildung beantworten. Für Männer ist die Antwort Pflicht. Für Frauen bleibt sie freiwillig. Im Juli 2027 soll die Musterung für Männer des Jahrgangs 2008 verpflichtend beginnen. Und wenn sich nicht genügend Männer freiwillig melden, steht die Wiedereinsetzung der Wehrpflicht im Raum. Nur für Männer – so steht es im Grundgesetz.Anders in Israel, wo die Mindestdienstzeit 32 Monate für Männer sowie 24 Monate für Frauen beträgt. Ein direkter Vergleich der beiden Systeme ergibt keinen Sinn – zu verschieden sind die sicherheitspolitischen Lagen. Israel sieht sich seit seiner Staatsgründung in einem fortwährenden Kampf um seine Existenz, Deutschland geniesst Jahrzehnte des Friedens. Auch hat die Armee einen anderen Platz in der israelischen Gesellschaft. Bei Begegnungen oder Bewerbungsgesprächen im zivilen Leben fällt oft früh die Frage: «Wo in der Armee hast du gedient?»Doch wenn Deutschland eine Wehrpflicht einführe, empfiehlt die Offizierin, solle diese für Männer und Frauen gleichermassen gelten.Aus ihrer Sicht ist Militärdienst für Frauen ein Karrierebeschleuniger und keine vergeudete Zeit, wie es in Deutschland oft angenommen wird. Mit 24 Jahren war sie für die Rekrutierung von 40 000 Soldaten verantwortlich. In einem zivilen Unternehmen, sagt sie, wäre ihr in diesem Alter kaum Vergleichbares übertragen worden. Was würde sie einer jungen deutschen Frau raten? «Ich würde ihr sagen, dass sie in der Armee Dinge lernt und Werkzeuge an die Hand bekommt, die sie nirgendwo sonst auf der Welt erlernen könnte», erwidert sie.«Vorteile nicht den Männern überlassen»Sie habe den direkten Vergleich bei ihren Familienmitgliedern, die nicht in der Armee gewesen seien. «Die Werkzeuge und die Resilienz, die ich von Anfang an für mein ziviles Leben mitbekommen habe, sind unbezahlbar.»In der Armee könnten junge Menschen sich beweisen, sich herausfordern und direkten Einfluss auf die junge Generation und das Land nehmen. Diesen Vorteil solle man nicht nur den Männern überlassen.Ella Waweya bringt einen weiteren Aspekt ein, der auch für Deutschland relevant sein könnte: Ohne Armee hätte sie nie Kontakte zu orthodoxen Israeli, Beduinen, Tscherkessen geknüpft. Die IDF seien der Ort, an dem die gesamte Gesellschaft zusammenkomme und lerne, wie man gut zusammenleben und gemeinsam erfolgreich sein könne.Als junge Offizierin diente die heutige Frau Oberst in der Personalabteilung der als elitär bekannten Golani-Brigade. Sie war dort die einzige Frau – und einige Kommandanten trauten Frauen harte Einsätze kaum zu. Soldaten schliefen bei längeren Einsätzen in Fahrzeugen und Panzern, Frauen galten dafür als ungeeignet. Für sie war das eine berufliche Kränkung.Veränderung auch in IsraelHeute beschreibt sie eine andere Armee. Frauen dienen im Gazastreifen, in Libanon und in Syrien an vorderer Linie. Nach ihren Angaben sind 92 Prozent der Aufgabenbereiche in den IDF für Frauen geöffnet. In manchen Offizierskursen liege das Verhältnis der Absolventen inzwischen ungefähr bei 50 zu 50. Beim Geheimdienst der Armee sei der Frauenanteil in bestimmten Bereichen von rund 20 auf fast 80 Prozent gestiegen. Der Grund: Als Israel 2016 den Pflichtdienst der Männer von 36 auf 32 Monate verkürzte, musste die Armee Frauen stärker einbinden.Dieser Punkt könnte auch für Deutschland interessant sein. Die Bundeswehr benötigt mehr Personal – knapp 80 000 aktive Soldaten mehr – und muss dabei die Pensionierungen der geburtenstarken Jahrgänge verkraften. Vor allem benötigt eine moderne Armee zahlreiche Kräfte in sogenannten Unterstützungseinheiten wie Logistiker, IT-Fachleute, Sanitäter oder Fernmelder. Bei vielen dieser Aufgaben ist die fachliche Eignung wichtiger als körperliche Fitness.Männer und Frauen seien physisch verschieden, sagt die Frau Oberst. Deshalb gebe es unterschiedliche Standards. Entscheidend sei die Verwendung. Wer für eine Aufgabe geeignet sei, solle sie übernehmen. Frauen würden die Arbeit von Einheiten verbessern, weil sie andere Denkweisen und Fähigkeiten einbrächten.Deutschland steht vor einer ähnlichen, wenn auch weniger existenziellen Frage. Mit einer Wiedereinsetzung der Wehrpflicht kämen plötzlich junge Menschen aus sehr unterschiedlichen Milieus zusammen: Akademikerkinder, Lehrlinge, Menschen mit Migrationshintergrund, unterschiedliche Glaubensgrundsätze, Menschen aus Stadt und Land.Lernen im Umgang mit MinderheitenIsrael hat diese Herausforderung etwa bei den Ultraorthodoxen, die noch vom Wehrdienst befreit sind. Doch immer wieder wird eine Wehrpflicht für sie diskutiert. Ultraorthodoxe verlangen nach Einheiten ohne Frauen und Zeit für ihr Torastudium. Die Frau Oberst, die selbst aus dieser Gemeinschaft kommt, berichtet, dass vor drei Jahren etwa 1000 ultraorthodoxe Männer eingerückt seien, mittlerweile seien es fast 5000.Der Anstieg sei ohne gesetzlichen Zwang gelungen, durch Sinnvermittlung und passende Rahmenbedingungen. Wichtig sei, dass diese Männer nach dem Dienst ultraorthodox bleiben könnten. «Die Gesellschaft ist damit auch ein kleines bisschen näher zusammengerückt», sagt sie.Ella Waweya stimmt ihr zu. Sie habe sich nie verstellen müssen, um Teil der IDF zu sein. Heute kommandiert sie 25 Soldaten mit unterschiedlichen Hintergründen. Einige hätten homosexuelle Eltern, andere kämen aus konservativen Familien. Für sie zähle, welche Fähigkeit jemand einbringe. Eine Soldatin in ihrer Abteilung arbeite in der Kommunikation, könne aber ausgezeichnet Karikaturen zeichnen. Also nutze Waweya diese Fähigkeit für Aufklärungsarbeit.«Wir haben versagt»Der brutale Hamas-Überfall am 7. Oktober 2023 hat beide Frauen stark geprägt. Waweya sagt, sie sei heute noch stolzer auf ihren Dienst. Hamas-Terroristen kamen mit Go-Pro-Kameras, um ihre Massaker selbst zu filmen und im Internet zu teilen. Für Waweya ist Kommunikation daher ein Gefechtsfeld. Ihre Waffe seien Worte.«Wir haben versagt», sagt die Frau Oberst. Am 7. Oktober war sie auf dem Shura-Stützpunkt, wohin Leichen zur Identifizierung gebracht wurden. Der Schock von damals steht ihr nach wie vor ins Gesicht geschrieben, wenn sie davon spricht. Die IDF hätten sich stark gefühlt, auf ihre Nachrichtendienste vertraut. Dann kam der Angriff.Die militärische Lage Israels lässt sich auf Deutschland nicht übertragen. Die Bedrohungslage ist stets präsent, die Armee viel tiefer in die Gesellschaft integriert. Doch sollte Deutschland seine Wehrpflicht wieder einsetzen, haben beide Frauen den Ratschlag: «Dann tun Sie es für Männer und für Frauen gleichermassen.»Passend zum Artikel