Robert betäubt auf dem Velo die Gedanken, Philippa findet das Glück – die Verwandlung des einstigen Bergkönigs der Tour de FranceRobert Millar ist in den 1980er Jahren einer der besten Radprofis der Welt. Doch er weiss, dass er lieber eine Frau wäre. Philippa Yorks Geschichte beginnt mit einer Flucht.19.07.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenPhilippa York vor einem Wandbild in Schottland, das Robert Millar als Bergkönig der Tour de France zeigt.Andrew Milligan / PA / GettyAlle leiden auf dieser Pyrenäenetappe an der Tour de France 1984. Im Schlussanstieg nach Guzet-Neige mobilisiert einer in der Gluthitze mehr Kräfte als alle anderen. Ein drahtiger Schotte überholt Gegner um Gegner, dann enteilt er den Konkurrenten. Die Ziellinie naht, er reisst die pfeifenputzerdünnen Arme in die Höhe, ein Lachen auf dem Gesicht. Robert Millar, damals 26 Jahre alt, triumphiert zum zweiten Mal an einer Tour-Etappe. Jahrzehnte später erzählt ebendiese Person, sie sei trotz all den Siegen und dem Jubel zu «95 Prozent unglücklich» gewesen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Sieht Philippa York Videos solcher Szenen, konzentriert sie sich auf die technischen Aspekte, die Sitzposition, den Tritt, die Taktik. «Ich habe diesen Teil meines Lebens von dem getrennt, was ich jetzt bin», sagt York, eine 67-jährige Frau, dezent geschminkt, mit langem Haar. Der melodische schottische Akzent ist nur noch zu erahnen. Sie lebt seit Jahren in Südengland.Philippa York – das ist ein neuer Name, ausgewählt für ihr zweites Leben, weil niemand im Bekanntenkreis ihn trägt, er schön klingt und einfach zu buchstabieren ist. Philippa York war bis zur Geschlechtstransition Robert Millar.Fabrik, Heirat, Familie – der Lebensweg ist vorgezeichnetAls Mann hat Millar elfmal an der Frankreich-Rundfahrt teilgenommen, in all den Jahren drei Etappen gewonnen. «Die meisten Menschen, die eine Geschlechtstransition durchmachen, müssen ihre Vergangenheit nicht ständig wiedersehen. Aber bei mir ist das so: Jeder kann auf Youtube gehen, und da bin ich, wie ich in den Alpen und Pyrenäen Pässe hochfahre», sagt York. Sie hat das akzeptiert, auch wenn es lange dauerte.Glasgow in den 1960er Jahren. Millar, geboren 1958, wächst im Arbeiterviertel Gorbals auf. Er ist fünf Jahre alt, als er merkt, dass er lieber ein Mädchen wäre. Mit diesem Wissen wächst er auf in dieser rauen Umgebung, lässt sich die Haare wachsen, kauft als Teenager heimlich Frauenkleidung. Der kleine drahtige Körper kommt ihm entgegen, viele halten ihn für ein junges Mädchen. Seine wahre Identität verbirgt er, Familie und Verwandtschaft hätten wenig Verständnis: «Im Glasgow der 1960er und 1970er Jahre wurde Rassismus noch offen geäussert, es gab überall Homophobie. Und trans zu sein, war noch viel schlimmer, als schwul zu sein», sagt Philippa York.Einmal erwischt der Vater seinen Sohn, wie er in Frauenkleidern im Badezimmer posiert. Die Familie schweigt über den Vorfall. Es fehlen Anlaufstellen und Beratungsangebote, Hormontherapien sind unbekannt. Der Lebensweg im Glasgower Arbeiterviertel ist vorgezeichnet: Job in der Fabrik, Heirat, Familie. Manchmal sieht Millar auf BBC David Bowie, der Musiker mit den androgynen Zügen fasziniert ihn.Millar lässt die Gender-Kiste geschlossenDer Bub liebt Bewegung. Also fährt Millar mit Freunden Fahrrad. Er saust die Hügel in und um Glasgow hinunter, nimmt viel Risiko in Kauf. Weil er sich in diesen Momenten frei fühlt. Das Fahrrad wird zum Fluchtvehikel, aus dem Arbeiterviertel von Glasgow, vor allem aber vor den Grübeleien über die Geschlechtsidentität.Je mehr er sich quält, desto schneller verschwinden die Gedanken. Auf dem Velo schaltet Millar ab, fokussiert sich nur auf den Tritt. York sagt: «Ich verlor all meine realen Probleme und war besessen von der Bewegung und dem Rhythmus des Radfahrens. Es war ideal, um mit dem komplizierten Leben umzugehen, das ich führte.»Als Teenager startet er zu Amateurrennen und gehört zu den Besten. 1980, mit 22 Jahren, unterschreibt er beim damaligen Peugeot-Team den ersten Vertrag als Profi. Den Körper zu quälen und so das Gehirn zu betäuben – das ist jetzt sein Beruf.Elfmal hat Millar an der Tour de France teilgenommen – und dabei drei Etappen gewonnen.Graham Watson / Hulton / GettyMillar baut in Gedanken zwei Kisten. In eine packt er sein Wettkampfleben, die Karriere als Spitzensportler. Die andere Kiste versucht er zu verdrängen: «Dorthin kamen meine Gendersachen. Die beiden Boxen standen nebeneinander. Die Gender-Kiste versuchte ich zu ignorieren», sagt York.Seine Teamkollegen pfeifen Frauen auf Trainingsfahrten hinterher, Groupies warten manchmal nach den Rennen auf die Fahrer. Sieht Millar eine junge Frau am Strassenrand, hat er andere Gedanken: «Ich will so sein wie sie.» Er vertraut sich niemandem an. Wie auch? Der Radsport der 1980er Jahre ist eine Machowelt. «Ich wusste: In diesem Umfeld darf ich keine Schwäche zeigen», sagt York: «Ich war verdammt gut darin.» Im Profi-Zirkus gilt er als verschlossener, bärbeissiger Fahrer.Millar etabliert sich trotzdem im Peloton, gilt bald als starker Bergfahrer. Er wird Etappensieger an der Tour de France, Bergkönig 1984 sogar, als erster Brite der Geschichte. Um sportlich zu überleben, verheimlicht er nicht nur seine Geschlechtsidentität, sondern unterwirft sich auch den ungeschriebenen Gesetzen des Dopings im Fahrerfeld.«Ich war ein williges Opfer. Ich wollte dabeibleiben und konkurrenzfähig sein. Und mir wurde gesagt: So läuft das hier.» Erst als in den 1990er Jahren Epo und Wachstumshormone aufkommen, wird Millar nachdenklich: «Ich habe gedacht: Was zur Hölle macht ihr da?» Er hat Angst, in der Nacht im Schlaf zu sterben.Mit der zweiten Ehefrau bekommt Millar eine Tochter und einen SohnDie Kiste mit den «Gender-Sachen» lässt der Radprofi Millar geschlossen. Nach den Rennen, in der Einsamkeit des Hotelzimmers, verebbt die betäubende Wirkung des Leidens auf dem Velo. York sagt: «Ich liebte die Radrennen, aber generell war ich nicht sehr glücklich.» Millar kapselt sich ab, auf unliebsame Fragen von Journalisten antwortet er aggressiv.Philippa York lacht bei der Erinnerung an diese Zeit. Millar sei keine einfache Person gewesen. Dafür habe sie in fast jeder Sprache fluchen können: «Aber ich bin nicht Velorennen gefahren, um etwas zu verkaufen. Sondern um zu gewinnen.» Millar ist mittlerweile verheiratet, mit einer Französin. Nach der Scheidung lernt er die zweite Ehefrau kennen, mit der er eine Tochter und einen Sohn bekommt.Schon als Radprofi wird ihm bewusst, dass er eine Geschlechtstransition vornehmen will. Er wartet bis nach dem Rücktritt. Im Juni 1995 wird er britischer Meister auf der Strasse, es ist sein letzter Auftritt. Dann verschwindet er aus der Öffentlichkeit. Und fragt sich fortan täglich: «Wer bin ich?»Fünf dunkle Jahre nach dem RücktrittMit dem Radfahrer ist auch die Rüstung verschwunden, die die Emotionen unter Verschluss gehalten hat. York beschreibt diese Phase als fünf dunkle Jahre. York sagt: «Ich glaube, dass viele Menschen, die eine Transition durchmachen, erst ein wirklich tiefes Tal in ihrem Leben erreichen müssen, bevor sie die notwendigen Schritte unternehmen.» Es dauert, bis Millar sich professionelle Hilfe holt und sich der Ehefrau offenbart.Robert Millar (vorne) im Aufstieg zur legendären Alpe d’Huez während der Tour de France 1990.Graham Watson / Hulton / GettyZwischen 2001 und 2003 unterzieht sich York einer Östrogentherapie. Sie sagt, sie sei dadurch zu einem ruhigeren und gelasseneren Menschen geworden. Später folgt in San Francisco eine Gesichtsoperation und in Bangkok die körperliche Geschlechtsumwandlung. Aus Robert Millar wird auch biologisch Philippa York.Doch diese Frau, 45 Jahre alt damals, weiss nicht so recht, wie sie sich verhalten soll. «Als Mann ist man es nicht gewohnt, dass man plötzlich von jemandem angesprochen wird, jemand mit einem zu flirten beginnt.» York lernt dazu, führt lange Gespräche mit der Ehefrau. Sie kitten ihre Ehe. Die beiden sind heute noch zusammen.Die Boulevardpresse lässt die Bombe platzenDer Radsport fasziniert sie noch immer. Sie beginnt, Kolumnen für ein Velomagazin zu verfassen. Bis die Berufskollegen von der britischen Boulevardpresse die Bombe platzen lassen – Philippa York war früher Robert Millar. «Es war schrecklich. Sie haben nicht nur mich, sondern auch meine Familie ins Visier genommen.» York hat Angst, dass sie und ihre Ehefrau als Sonderlinge abgestempelt werden. «Und uns deshalb die Kinder weggenommen werden.» Die Familie versucht, die Artikel und Schlagzeilen zu ignorieren, wochenlang, so gut es geht.Heute ist York im Halbruhestand, arbeitet manchmal als TV-Kommentatorin. Zusammen mit dem Sportjournalisten David Walsh, mit dem sie während einiger Ausgaben der Tour de France unterwegs war, hat sie das preisgekrönte Buch «Die Flucht» verfasst, das soeben auf Deutsch erschienen ist. Sie redet heute offen über ihren Weg. «Das ist das Happy End meines Lebens», sagt sie.Auf das Velo setzt sie sich nur noch aus Spass. Sie fährt nicht mehr so weit und auch nicht mehr so schnell wie früher. Zwar vermisst sie manchmal die Geschwindigkeit.Aber York sagt: «Schnell zu fahren tut weh. Warum sollte ich mich noch quälen?»Passend zum Artikel