Interview«Der Umgang mit Leihmutterschaften sollte unverkrampfter werden»: Das sagt ein Schweizer Mitte-Mann, der wie Jens Spahn eine Leihmutter engagierte und damit gegen die Parteilinie verstiessDominik Mazur, ein Vertreter der Mitte-Partei, wurde wie der deutsche CDU-Politiker mit der Hilfe einer Leihmutter Vater. Im Interview sagt er, wie seine Parteikollegen auf die Geburt reagiert haben – und was er Spahn vorwirft.19.07.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenCDU-Politiker Jens Spahn (rechts) mit seinem Ehemann Daniel Funke und Baby Georg im Kinderwagen.Screenshot Instagram; Bearbeitung NZZaSDer deutsche Politiker Jens Spahn hat gestern seinen Rücktritt als Fraktionsvorsitzender der CDU/CSU-Fraktion bekanntgegeben, weil ihm eine Leihmutterschaft zum Verhängnis wurde. Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie von seinem Rücktritt hörten? Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Es handelt sich meines Erachtens um eine unschöne, moralisch aufgeladene Politposse. Ich habe mich über die Berichterstattung geärgert, die oft fehlerhaft ist und zu dieser Aufregung beiträgt. Viele wissen zum Beispiel nicht, dass eine Leihmutter in den USA das Kind zwar austrägt, die Eizelle aber von einer anderen Frau stammt. Der Vorwurf, man reisse der Leihmutter ihr Kind weg, ist also falsch.Dominik Mazur.PDWas viele bei Jens Spahn kritisieren, ist, dass er die Leihmutterschaft politisch zwar kritisierte, sich nun aber mit seinem Mann den Kinderwunsch über eine Leihmutter in den USA erfüllte. Das ist doch widersprüchlich. Ja, da gebe ich Ihnen recht. Das war nicht ehrlich von Herrn Spahn. Aber ich denke, Deutschland hat grössere Probleme als die Geburt seines Kindes.Sie wurden im Jahr 2017 ebenfalls Vater mit der Hilfe einer Leihmutter in Amerika. Wurden Sie damals auch angefeindet? Nein, mein Umfeld hat positiv reagiert. Meine Erfahrung ist: Wenn man den Leuten den Prozess erklärt, wird die Leihmutterschaft auch meistens akzeptiert. Meine Familie in Polen war zuerst überrascht, hat sich dann aber gefreut. Und ich gehe davon aus, dass in unserer kleinen Gemeinde zwar über uns gesprochen wurde, aber die Aufregung – falls es sie überhaupt gab – hat sich mittlerweile gelegt. Die Menschen begegnen uns offen und akzeptieren uns als vollwertige Familie und Eltern.Sie sind in der Mitte-Partei in Zumikon im Kanton Zürich aktiv. Ihre Partei lehnt die Leihmutterschaft ab. Wie haben Ihre Parteikollegen auf die Geburt Ihrer Tochter reagiert?Der Vorteil der Mitte-Partei ist ja, dass sie breit aufgestellt ist. In der Stadt und im Kanton Zürich ist sie sozialliberaler als im Wallis. Ich habe nie negatives Feedback, dafür sehr viele positive Reaktionen von meinen Kollegen erhalten.Finden Sie, man sollte die Leihmutterschaft in der Schweiz legalisieren? Ja, mindestens soll man über das Thema ergebnisoffen diskutieren. Klar ist: Leihmutterschaften werden genutzt, von heterosexuellen und von homosexuellen Paaren, die Leute gehen dafür einfach ins Ausland. Ich finde, der Umgang mit Leihmutterschaften sollte unverkrampfter werden in der Schweiz. Durchdachte gesetzliche Regelungen könnten einen geeigneten Rahmen für dieses Phänomen schaffen.Kritiker sagen, bei der Leihmutterschaft bestehe die Gefahr, dass ärmere Frauen ausgebeutet würden. Wie sehen Sie das? Ich verstehe diese Kritik. Eine gesetzliche Regulierung der Leihmutterschaft könnte klare Rahmenbedingungen schaffen und Ausbeutung verhindern. Für mich war es wichtig, eine Leihmutter in den USA zu finden. Denn dort gibt es strenge Regeln, es werden medizinische und psychologische Tests durchgeführt, und das Ganze ist juristisch abgesichert. Wir haben einen mehrseitigen Vertrag mit der Leihmutter abgeschlossen, in dem neben der Bezahlung auch eine ganze Reihe von weiteren wichtigen Fragen wie zum Beispiel der Gesundheit der Mutter geregelt ist.Pflegen Sie noch Kontakt zur Leihmutter in Amerika? Ja, sie arbeitet in einer Anwaltskanzlei, und wir tauschen uns regelmässig aus, wir haben sie auch schon in den USA besucht. Nach dem ersten Kind fragte sie uns sogar, ob wir noch ein zweites möchten, sie sei während der Schwangerschaft richtiggehend aufgeblüht. Das ist auch wichtig zu wissen: Leihmütter müssen in den USA bereits eigene Kinder haben, damit sie wissen, auf was sie sich einlassen. Unsere Leihmutter hatte bereits zwei Töchter.Wie ist es für Ihre Tochter, zwei Väter zu haben? Für sie ist es ein selbstverständlicher Teil ihres Lebens. Sie ist aber erst neun Jahre alt und äussert sich noch nicht bewusst dazu. Was sie ärgert, sind unnötige Fragen aus ihrem Umfeld. Als eine Frau im Kindergarten sie einmal fragte, wo ihre Mutter sei, da meinte sie ganz selbstbewusst: «Ich habe zwei Daddys.»Wie lange dauerte es bei Ihnen vom Kinderwunsch bis zur Geburt? Mehrere Jahre. Zuerst haben wir lange recherchiert. Dann fanden wir eine Agentur, doch die erste Schwangerschaft scheiterte nach zwei Wochen, weil sich der Embryo nicht einnistete. Nach rund zweieinhalb Jahren klappte es dann.Was haben Sie nun für einen Ratschlag für Jens Spahn? Ich empfehle ihm, die Sache entspannt zu nehmen und sich über das Elternglück zu freuen.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
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Dominik Mazur, ein Vertreter der Mitte-Partei, wurde wie der deutsche CDU-Politiker mit der Hilfe einer Leihmutter Vater. Im Interview sagt er, wie seine Parteikollegen auf die Geburt reagiert haben – und was er Spahn vorwirft.










