Und dann meinte die KI: «Diese Kolumne hätten Sie besser selbst geschrieben»In den Unternehmen werden Texte heute zum grossen Teil von KI verfasst. Mit problematischen Konsequenzen.Nicole Kopp19.07.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenGeschrieben wird heute kaum noch selbst: Sogar die KI warnt vor der Gefahr des Hochstapelns.ImagoIch muss zugeben, dass es schon verlockend ist, diese Kolumne mittels künstlicher Intelligenz schreiben zu lassen. Gerade jetzt, vor den Sommerferien, wenn ich noch alles fertig machen muss. Ich müsste meinem digitalen Lieblingshelfer nur ein paar Ideen und Studien mitgeben, und – schwups –, innert Minuten wäre die Kolumne erzeugt. Eloquent geschrieben, genau die richtige Länge. Wer würde das schon merken?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Das Internet quillt derzeit über von KI-Texten: Was immer man liest – meist ist der menschliche Anteil am Inhalt gering. Linkedin-Posts folgen stets der gleichen Struktur, Artikel wirken generisch, ja selbst im Wirtschaftsteil des «Spiegels» tauchte eine KI-generierte Passage auf. Sie flog auf, weil darunter stand: «Wenn du magst, passe ich Ton und Detailtiefe an (z. B. nüchterner Nachrichtenstil vs. magaziniger) oder markiere dir die konkreten Änderungen im Vergleich zum Original.» So dienstfertig ist nur Chat-GPT.Auch in Unternehmen wird mittlerweile vieles mit KI geschrieben. Das ist naheliegend: Wer Meeting-Protokolle, E-Mails oder Berichte auslagert, hat mehr Zeit für anderes. Doch manchmal wird es absurd. Da verfasst eine KI eine E-Mail, die der Empfänger mit KI zusammenfassen lässt, um dann mit einer KI zu antworten. Und das soll der vielversprochene Produktivitätszuwachs sein?«Generative KI hat die Produktionskosten von Inhalt auf nahezu null gesenkt. Texte, Analysen, Präsentationen, Entscheidungsvorlagen – alles erzeugbar, in Sekunden, in jeder gewünschten Form. Was einmal Ausdruck von Aufwand war, ist heute ein Prompt», schrieb der Trendscout Raphael Gielgen kürzlich auf Linkedin.Das Überwinden der SchreibblockadeDas führt zu zwei problematischen Konsequenzen. Erstens: die Flut von Inhalten. Wenn Mitarbeitende für Konzepte statt zwei Wochen nur noch 30 Minuten brauchen, geraten Führungskräfte unter Druck. Sie müssen all diese Inhalte beurteilen, Entscheidungen gutheissen, Feedback geben und nächste Schritte diskutieren. Dadurch werden sie noch häufiger zum Flaschenhals, wie die Autorin Liz Fosslien in der «Harvard Business Review» schreibt.Zweitens: Wenn Schreiben ohne Aufwand geht, dann ist Geschriebenes nicht mehr Synonym für Qualität oder zumindest eigene Anstrengung. Die Autorin Eve Fairbanks erklärt, dass die Effizienz und Reibungslosigkeit, die KI für Schreibende so verlockend mache, genau das sei, was sie für Leser oft unglaubwürdig wirken lasse. Sie warnt davor, den wichtigsten Teil des Schreibens – das Denken – an die KI zu delegieren.Gerade das Überdenken, das Überarbeiten und das Überwinden von Schreibblockaden machen von Menschenkopf Erdachtes und von Menschenhand Geschriebenes aussagekräftig. Fehlt dieser Prozess, entstehen Texte, die gut tönen, aber inhaltsleer und generisch sind, ohne Reibung oder Überraschung. Sie erzeugen bei mir selten Emotionen, ganz anders als die Texte meiner Lieblingsjournalisten.Noch schlimmer wird es, wenn die Fakten falsch sind – die berüchtigten KI-Halluzinationen. Und was passiert, wenn ein Entscheidungsträger falschen Fakten blind vertraut und so eine wichtige Entscheidung trifft? Das ist fatal, denn eines kann KI nicht: Verantwortung übernehmen.Sogar die KI selbst warnt vor den Gefahren ihres Hochstapelns. Ich bat meinen KI-Kollegen Claude, versuchsweise eine Kolumne zum Thema «Schreiben mit KI» zu entwerfen.«Meine peinlichste Eigenschaft»Er schrieb: «Und dann ist da noch meine peinlichste Eigenschaft: Ich erfinde. Mit grösster Überzeugung. Bitten Sie mich um ein Zitat von Gottfried Keller, und ich liefere Ihnen eines, formvollendet, tiefsinnig, klingt genau wie er – und ist von mir. Ich erfinde Quellen, Studien, Seitenzahlen, mit der ruhigen Sicherheit eines Hochstaplers, der seinen eigenen Lebenslauf glaubt. Prüfen Sie mich. Immer. Ich sage das nicht aus Bescheidenheit, sondern aus Erfahrung. Ich bin ein brillanter Erzähler und ein unzuverlässiger Zeuge, und das ist eine gefährliche Kombination, wenn man sie für ein Lexikon hält.»Genau darum müssen wir Menschen lernen, KI klug und verantwortungsvoll zu nutzen. Denn dieses mächtige Tool ist gekommen, um zu bleiben. Es liefert Studien, fasst Meetings zusammen, entwickelt Konzepte und Projektpläne, analysiert riesige Datenmengen, erstellt Arbeitspläne, verbessert Texte und vieles mehr.Am besten gelingt das im Dialog, als Pingpong statt im Alleingang. Wir sollten in Unternehmen klar entscheiden, welche Regeln bei der Nutzung gelten und was wir ohne technische Hilfe erledigen wollen.Übrigens hat mich die KI-generierte Kolumne zum Schmunzeln gebracht. Am Ende stand: «Mein letztes Geständnis: Diese Kolumne hätten Sie besser selbst geschrieben.» Und genau das werde ich auch in Zukunft tun. Weil ich mir das Denken und Schreiben nicht nehmen lasse und Ihnen Texte liefern möchte, die authentisch, fundiert und voller Menschlichkeit sind.Nicole Kopp ist Arbeits- und Organisationspsychologin und Mitgründerin der Beratungsfirma Gobeyond.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel