Putin braucht in der Ukraine eine Erfolgsmeldung. Auch deshalb opfert er in Kostjantiniwka unzählige Soldaten – nun bekommt er Hilfe von unerwarteter SeiteDie umkämpfte Stadt im Donbass soll kurz vor dem Fall stehen, behaupteten die Russen schon mehrfach. Doch die Ukrainer halten Stellung. Nun erleiden sie jedoch einen Dämpfer, der ihre Kampfmoral beeinträchtigen könnte.Andrea Jeska, Odessa19.07.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenEin Soldat einer ukrainischen Brigade, die eine Strasse in der Nähe von Kostjantiniwka vor russischen Drohnen sichern soll.Anatolii Stepanov / ReutersIm Osten der Ukraine liefern sich russische und ukrainische Soldaten seit Wochen einen brutalen Kampf um die Stadt Kostjantiniwka. Erobern, weichen, neu erobern und wieder weichen, Viertel um Viertel, Haus um Haus. Videos auf Social Media zeigen, wie die eine Seite ihre Fahnen hisst, die andere sie wieder einsammelt. In den Strassen liegen die Leichen von Zivilisten und Soldaten. Da ist niemand mehr, der sie bergen könnte.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Täglich und nächtlich hallen Schüsse und Explosionen durch die einst von 70 000 Menschen bewohnte und nun gespenstisch leere Stadt. Verbrannt sind die Fassaden, zusammengestürzt die Häuser, aufgerissen ist der Asphalt. Selbst ukrainische Evakuierungsteams führen keine Rettungsaktionen mehr durch, die letzten noch verbliebenen Bewohner müssen zu Fuss fliehen, berichtet der Polizeisprecher der Oblast Donezk. Auf dem Weg werden sie von russischen Drohnen attackiert oder als Schutzschilde missbraucht.Wer in dieser Schlacht in diesen Julitagen die Oberhand hat, ist umstritten. Bereits Anfang Juli hatte Putins oberster General Waleri Gerasimow verkündet, Kostjantiniwka sei erobert, doch der Generalstab der Ukraine bezeichnete diese Meldung als russische Propaganda, und ukrainische Soldaten posteten Videos, die ihre Präsenz in der Stadt, vor allem im Zentrum, belegen sollten.Im Kampf um Kostjantiniwka geht es um weit mehr als um die Einnahme einer Stadt. Für Moskau ist es das Einfallstor zur Eroberung des gesamten Donbass. Nördlich von Kostjantiniwka liegen die Zwillingsstädte Kramatorsk und Slowjansk, die drei Städte bilden den Festungsgürtel des Donbass. Kramatorsk ist zudem das Hauptquartier der ukrainischen Ostarmee und damit zentraler Pfeiler des Donbass. Diese Städte zu erobern und den Festungsgürtel zu durchbrechen, hatte Putin zu einem der Minimalziele des Krieges erklärt.Putin braucht ErfolgsmeldungDie ersten Eroberungsversuche starteten im Oktober 2025. Diesen Sommer spitzte sich die Situation in Kostjantiniwka dramatisch zu, Russland intensivierte seine Angriffe mit ballistischen Raketen, Gleitbomben und Drohnen, setzte dem Vorankommen in Minimalschritten maximale Zerstörung und Tod entgegen. Auch Kramatorsk erlebte verheerende Angriffe mit Gleitbomben und Drohnen, ohne dass Russland relevante Geländegewinne gelang.Als Lebensort und Heimat ist Kostjantiniwka längst verloren. Für die Ukrainer aber ist die Stadt das Schlachtfeld, auf dem sie Russlands Verluste in die Höhe treiben, vor allem mit nach russischen Soldaten suchenden Drohnen.Die Annahme, mit Kostjantiniwka falle der Festungsgürtel und dann der Donbass, entspricht bislang nicht der Realität des Krieges, und so hoch der Preis an Menschenleben für Russland ist, so fraglich scheint der Nutzen. Kramatorsk ist so gut gesichert, dass die russische Armee die Ukrainer aus der Ferne zermürben könnte. Eine Eroberung ist aber kaum denkbar, selbst mit der Einnahme von Kostjantiniwka nicht.Russland habe nicht mehr genug Soldaten, um den Festungsgürtel zu Fall zu bringen, glaubt der ukrainische Militärexperte Oleksandr Kowalenko von der Nichtregierungsorganisation Information Resistance. «Der Ballungsraum Slowjansk - Kramatorsk ist eine Bastion, gegen die die Schlachten von Mariupol und Bachmut wie ein Spaziergang im Park wären. Der Versuch, ihn zu erobern, wäre ein Fleischwolf, würde die russische Armee erschöpfen, womöglich sogar brechen.»Die Kamera einer Drohne filmt einen russischen Soldaten, der in einem von Raketen beschossenen Haus die russische Fahne hochhält.Russisches Verteidigungsministerium via ReutersDie verfrühte russische Behauptung, Kostjantiniwka sei eingenommen, hat vor allem geopolitische und propagandistische Gründe. Putin möchte ein Faustpfand vorweisen können, wenn US-Präsident Donald Trump demnächst mit ihm und dem ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenski erneut über Frieden spricht. Und was könnte effektiver sein als die Drohung, den gesamten Donbass zu Fall zu bringen und womöglich weiter vorzurücken. Trump könnte sich von dem Narrativ, die russische Armee habe eine ukrainische Grossstadt erobert, erneut beeinflussen lassen und Selenski zu Zugeständnissen drängen.Seit Monaten aber ist das Momentum aufseiten der Ukraine. Deren Schläge, vor allem Drohnenangriffe auf die russische Flotte und die Krim, aber auch auf die Einheiten entlang der Frontlinie, sind verheerend, und die Zahl der Opfer ist hoch. Durch Tod oder Verwundung verliere Russland 30 000 Soldaten pro Monat, schätzen Militärexperten wie das Center for Strategic and International Studies (CSIS) in Washington. Ein Verlust, der auch durch die Rekrutierung ausländischer Söldner kaum noch ausgeglichen werden kann. Zudem attackieren die Ukrainer im Zuge ihrer Deep-Strike-Taktik auch russische Versorgungswege Hunderte Kilometer von der Front entfernt mit Drohnen und schwächen das russische Angriffspotenzial.Doch dieses Momentum könnte nun verlorengehen. Am Freitag trat nach Monaten der Querelen Selenskis Verteidigungsminister Michailo Fedorow zurück. Fedorow, ein Reformer, der die sowjetisch geprägte und mannintensive Kriegsführung des ukrainischen Armeechefs Olexander Sirski durch einen technisch dominierten Stil ersetzen wollte, war bei Soldaten und vor allem der jungen Generation sehr beliebt. Ihm werden die jüngsten militärischen Erfolge der Ukraine zugeschrieben.In seiner nur sechsmonatigen Amtszeit überzeugte er unter anderem Elon Musk, Russland den Zugang zu Starlink abzuschneiden und die Deep-Strike-Taktik zu intensivieren. Armeechef Sirski dagegen werden Rücksichtslosigkeit gegenüber dem Leben seiner Soldaten und falsche Entscheidungen, die zu Gebietsverlusten führten, vorgeworfen. Die beiden Männer bekämpften einander, und nach Monaten der Intrigen und Streitereien endete das Ringen um Macht darin, dass Selenski sich entscheiden musste – er wählte Sirski.Seither protestieren in Kiew und anderen Städten Tausende für eine Wiedereinsetzung von Fedorow und für Sirskis Rausschmiss. Vor allem die Jugend kritisiert Selenskis Entscheid als undemokratisch. Viele vergleichen diesen mit dem ebenfalls unfreiwilligen Rücktritt des ehemaligen Armeechefs Waleri Saluschni 2024. Auch er erfreute sich grosser Beliebtheit beim Volk und bei den Soldaten. Nach seinem Rücktritt wurde spekuliert, Selenski habe in ihm einen politischen Rivalen gesehen.In Kramatorsk sollen über Strassen gespannte Netze vor Drohnen schützen.Yan Dobronosov / GIU / GettyJunge protestierenFedorow teilt derweil öffentlich aus, bezweifelt, dass Sirski Erfolge einfahren kann. Schon vor einigen Wochen hatte er in einem Video erklärt, die Korruption innerhalb des Verteidigungsministeriums bekämpfen zu wollen, von Milliarden gesprochen, die veruntreut würden.Entsetzt vom Entscheid sind auch die Soldaten. Die Krise schwäche die Ukraine militärisch, die Rückkehr zu Sirskis skrupellosem Führungsstil vernichte den Vorsprung der Ukraine an der Front und stärke Russland, sagt ein Teilnehmer einer Demonstration. Er ist Soldat und will seinen Namen nicht veröffentlicht sehen. Fedorow habe immerhin einen Plan gehabt, wie der Krieg zu gewinnen sei, die alten Generäle hätten den nicht. Auf seinem Plakat steht: Sirski riskiert den Donbass.Eine Meinung, die andere in der Armee teilen. Hochrangige Offiziere reichten bereits ihren Rücktritt ein. Selenskis Entscheid dürfte auch Auswirkungen auf die Kampfmotivation der Soldaten haben. Zudem wird es nun für Tage, möglicherweise für Wochen, ein Machtvakuum geben.Kommissarischer Verteidigungsminister ist der Geheimdienstler Generalmajor Jewgeni Chamara, ein in technisch dominierter Kriegsführung erfahrener Mann, der, so versicherte der Präsident, die von Fedorow angeschobenen Programme weiter umsetzen werde. Doch dessen Ernennung muss noch vom ukrainischen Parlament genehmigt werden.Selenski mag hoffen, damit die Protestierenden zu besänftigen, doch die politische Krise wird damit kaum zu übertünchen sein. Sie schadet Selenskis Ruf. Freuen dürfte dieser Machtkampf vor allem Wladimir Putin.Laut Informationen der «Financial Times» vom Samstag überlegt sich Selenski, auch Sirski zu entlassen. Das würde den Soldaten an der Front – insbesondere in hart umstrittenen Städten wie Kostjantiniwka – wenig nützen. Sie haben mit Fedorow jenen politischen Partner verloren, der die Willkür der Generäle abschaffen und die Zahl ihrer Verluste mindern wollte. Der Krieg wird für sie nun wieder härter.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel