Mit Kostjantiniwka steht die südlichste Stadt des ukrainischen Festungsrings vor dem Fall. Im Donbass sind die Folgen der intensivierten ukrainischen Drohnenangriffe auf Russland bisher nicht zu spüren.28.06.2026, 09.17 Uhr5 LeseminutenDie Ukraine hat in den vergangenen Monaten eine neue Dynamik auf dem Schlachtfeld geschaffen. Die gezielten Angriffe auf russische Versorgungsrouten machen sich an der Front bemerkbar. Vielerorts ist der russische Vorstoss zum Stehen gekommen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Gleichzeitig vergeht kaum ein Tag, an dem nicht irgendwo in Russland eine Raffinerie oder ein anderes, für die Kriegswirtschaft wichtiges Unternehmen in Flammen aufgeht. Russlands Kosten für die Fortsetzung des Krieges steigen und werden auch für die breite Bevölkerung immer spürbarer. Auf der Krim, dem südlichen Sehnsuchtsort vieler Russen, droht zu Beginn der Ferienzeit eine regelrechte Versorgungskrise. Am Freitag riefen die russischen Behörden den Notstand für die annektierte Halbinsel aus.Der Druck dürfte so schnell nicht nachlassen. Der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski kündigte vergangene Woche eine vierzigtägige Operation an, um «den Feind zur Beendigung des Krieges zu zwingen». Gemeint kann damit nur eine Intensivierung der Drohnenangriffe sein.Russische Flagge im StadtzentrumDoch nicht überall ist die Trendwende zu spüren. Im Donbass, wo Russland noch immer die grössten Ressourcen einsetzt, spitzt sich die Lage für die Verteidiger weiter zu, vor allem in Kostjantiniwka.Russischen Soldaten gelingt es, den Ukrainern über immer grössere Teile der Stadt die Kontrolle zu entreissen. Bereits vor zehn Tagen tauchten in den sozialen Netzwerken Videos von Soldaten auf, die im Zentrum russische oder sogar sowjetische Flaggen hissten.Aufnahme eines Soldaten, der in Kostjantiniwka mit russischer Flagge posiert. Bis zu ihrem Rückzug aus der Stadt waren in dem zerstörten Gebäude die Sanitäter der 24. Brigade untergebracht.Die meisten Militärbeobachter halten den Fall der einst 70 000 Einwohner zählenden und heute weitgehend zerstörten Stadt nur noch für eine Frage der Zeit. Es wäre die erste russische Eroberung einer grossen Siedlung seit Pokrowsk. Die epische Schlacht um die Bergbaustadt dauerte fast zwei Jahre. Erfolge wie diese bestätigen Putin in seiner Sicht, dass Russland dank seiner viel grösseren Ressourcen am Ende doch durchsetzt, solange es nur rücksichtslos genug vorgeht.Kein Rückzug trotz aussichtsloser LageKostjantiniwka ist die südlichste der vier Städte des ukrainischen Festungsrings, dank dem die Ukraine weiterhin einen Teil des Donbass halten kann. Die Einnahme dieses Bollwerks, zu dem auch Druschkiwka, Kramatorsk und Slowjansk gehören, und damit des gesamten Donbass ist eine Priorität der russischen Kriegsführung.Gekämpft wird in Kostjantiniwka bereits seit bald einem Jahr. Wie in Pokrowsk haben die russischen Truppen die Stadt erst von den Flanken in die Zange genommen und unter Dauerbeschuss gesetzt. Ohne Rücksicht auf Verluste wurden dann immer wieder Infanteristen auf das Gebiet der Stadt vorgeschickt, bis es den ersten gelang, sich festzusetzen.Nach einem Einschlag steigt Rauch am Horizont auf. Die ukrainisch kontrollierten Gebiete des Donbass stehen unter ständigem Beschuss.Aus der Luft droht rund um die Uhr Gefahr. Bereits im vergangenen Oktober, als die NZZ Kostjantiniwka letztmals besuchte, schwirrten ständig Drohnen über der Stadt, um sich jederzeit auf feindliche Ziele zu stürzen. Mittlerweile ist die Lage noch prekärer. Truppenbewegungen sind nur noch unter grösster Gefahr möglich.Weil die ukrainische Militärführung die Verluste für die russischen Angreifer in die Höhe treiben will, ist trotz der Gefahr der Umzingelung nicht mit einem Befehl zum geordneten Rückzug zu rechnen. Gekämpft wird praktisch bis zum letzten Mann. Auch in dieser Hinsicht erinnert der Kampfverlauf an Pokrowsk.Die nächste Stadt wird zum SchlachtfeldEin Besuch in Kostjantiniwka ist nicht mehr möglich. Die Sicherheitslage hat sich aber im ganzen, ukrainisch gehaltenen Donbass verschlechtert. Besonders dramatisch ist die Lage in Druschkiwka. Die Stadt liegt im Nordwesten von Kostjantiniwka und droht als nächstes von der Kriegswalze zermalmt zu werden.Russische Angriffe mit Gleitbomben, aber auch Artilleriegeschossen sind bereits heute an der Tagesordnung. Das zivile Leben verabschiedet sich allmählich. Die Post wird ihre Filiale auf Ende des Monats schliessen. Die meisten Einwohner sind bereits geflohen.Das Sanitäter-Team der 24. Brigade versorgt an ihrem Stabilisierungspunkt in Kramatorsk pro Tag sieben bis acht Verwundete von der Front. Im Bild der junge Arzt «Doktor».Auch die Sanitäter der 24. Brigade haben sich kürzlich aus Druschkiwka zurückgezogen und ihren Stabilisierungspunkt weiter westlich nach Kramatorsk verlegt. An Stabilisierungspunkten erhalten verletzte Soldaten nach der Bergung von der Front eine erste medizinische Versorgung, bevor sie ins Lazarett verlegt werden.«Sieben bis acht Verwundete kommen pro Tag bei uns an», sagt ein junger Arzt mit Rufnamen Doktor. Doktors Einheit hat viele grosse Schlachten im Donbass miterlebt: Bachmut, Tschasiw Jar, Kostjantiniwka. Er zeigt ein Bild des zerstörten Stabilisierungspunkts in Kostjantiniwka, vor dem nun ein russischer Soldat posiert.Die Frage, ob er erwarte, dass auch Kramatorsk irgendwann dem Erdboden gleichgemacht werde, lässt er unbeantwortet. Der jetzige Standort sei nur eine Zwischenlösung, fügt er jedoch an. «Wir suchen einen Kellerraum. Das ist sicherer.»Netze schützen vor DrohnenKramatorsk ist die grösste und wichtigste Stadt im ukrainischen Festungsgürtel. Viele Einheiten haben hier ihre Kommandoposten. Es gibt weiterhin ein ziviles Alltagsleben, mit Omnibussen, Cafés und Restaurants. In einem steht sogar Sushi auf dem Menu.Zum Schutz vor Drohnen sind in Kramatorsk alle grösseren Strassen mit Netzen überspannt.Trotzdem wirkt die Stadt viel leerer als früher. Unnötig hält sich niemand länger im Freien auf, besonders nicht abends, wenn die Intensität der russischen Angriffe zunimmt. Mittlerweile befindet sich das gesamte Stadtgebiet in Reichweite russischer FPV-Drohnen. So werden die kleinen, individuell steuerbaren Fluggeräte genannt, die Jagd auf Militärfahrzeuge, Soldaten und teilweise auch auf zivile Ziele machen. Fast täglich gibt zu Todesopfer.Alle grösseren Strassen der Stadt sind deshalb mit Netzen überzogen, in denen sich die Drohnen verheddern sollen. Auch an den Schnellstrassen im Umland und selbst an kleinen Dorfwegen werden mittlerweile solche Schutzvorrichtungen errichtet. Das Strassennetz im Donbass wird allmählich zu einem Tunnelsystem. Die allgegenwärtige Drohnengefahr verändert eine Region auch optisch.Eroberung bis 2027 unwahrscheinlichIm Donbass stellt sich die Ukraine auf eine Ausweitung des Krieges ein. Dass die gesamte Region demnächst an Russland fällt, bedeutet das trotz dem sich abzeichnenden Erfolg in Kostjantiniwka aber nicht. Der Kampf um Druschkiwka dürfte für Russland ähnlich zäh und verlustreich werden wie in Kostjantiniwka.Und selbst wenn vielleicht in einem Jahr auch diese Stadt an Russland fallen sollte, bilden die Festungen von Slowjansk und Kramatorsk ein weiteres formidables Hindernis für den russischen Vormarsch nach Westen. Beobachter, auch russische, halten es deshalb nicht für wahrscheinlich, dass Russland bis Ende 2027 den gesamten Donbass erobert. Weitgehend zerstört dürfte die Region bis dahin aber sein.Noch gibt es ziviles Alltagsleben in Kramatorsk. Doch die Front rückt näher an die Stadt heran.Passend zum Artikel
Die ukrainische Festungsstadt Kostjantiniwka im Donbass steht vor dem Fall
Mit Kostjantiniwka steht die südlichste Stadt des ukrainischen Festungsrings vor dem Fall. Im Donbass sind die Folgen der intensivierten ukrainischen Drohnenangriffe auf Russland bisher nicht zu spüren.














