«Wir werden friedlicher gegenüber Männern, aber nicht gegenüber Frauen»: In diesem Jahr wurde bisher alle zehn Tage eine Frau getötetIm Tessin und im Thurgau starben vergangene Woche zwei Frauen. Die mutmasslichen Täter sind beide über 50 Jahre alt. Das ist kein Zufall, sondern ein Muster, auf das die Schweiz bisher wenig Antworten hat.18.07.2026, 21.45 Uhr6 LeseminutenDie Uno definierte Femizide 2022 als Tötung einer Frau aufgrund ihres Geschlechts.Ekaterina Goncharova / Getty«Für sie, für alle» leuchtet auf der Einladung in klaren, weissen Buchstaben auf violettem Hintergrund. Der Tod der 56-jährigen Tessinerin, die letzte Woche mutmasslich von ihrem Ex-Mann erschossen wurde, sorgt für tiefe Erschütterung im Südkanton. Und für Wut. «Kommt am Dienstag zur roten Bank auf der Piazza Simen in Bellinzona», schreibt das feministische Kollektiv «Io l’8 ogni giorno» in seinem Social-Media-Post.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Empörung der Gruppe kommt nicht von ungefähr. Es ist in diesem Jahr bereits das dritte Tötungsdelikt an einer Frau im Tessin. Für «Io l’8 ogni giorno» kann es so nicht weitergehen. «Es handelt sich nicht um ‹Familientragödien›, sondern um Femizide – eine Form von struktureller Gewalt gegen Frauen aufgrund ihres Geschlechts», sagt Barbara Di Marco vom Tessiner Kollektiv. «Das erfordert politische Antworten.»Das Netzwerk hatte schon nach dem letzten Femizid im Februar vor dem Tessiner Regierungsgebäude demonstriert. Nun rufen die Aktivistinnen erneut zum Protest auf, um der getöteten Frau von Faido zu gedenken. Sie war vergangene Woche mit Schusswunden am Kopf gefunden worden, nachdem der Ex-Mann sie in ihrer Rehabilitationsklinik besucht hatte.Der mutmassliche Täter versteckte sich im Haus des Bruders. Als die Polizei kam, soll er das Haus in die Luft gesprengt haben.Kantonspolizei Tessin via KeystoneWährend das Opfer kurz darauf im Spital seinen schweren Verletzungen erlag, verschanzte sich der 59-jährige mutmassliche Täter im abgelegenen Bleniotal. Als die Polizei eintraf, kam es zu einer heftigen Explosion und einem anschliessenden Brand. Mehrere Beamte wurden verletzt. Die Polizei vermutet eine Falle: Zuvor soll der Mann, dessen Überreste bei den Räumungsarbeiten gefunden wurden, im Haus geschossen haben.Anteil Femizide an Tötungsdelikten steigtEs war nicht der einzige mutmassliche Femizid letzte Woche. Nur einen Tag zuvor war im Kanton Thurgau eine 40-jährige Ukrainerin tot aufgefunden worden. Beim mutmasslichen Täter handelt es sich ebenfalls um den Ex-Partner. Wegen Vorfällen von häuslicher Gewalt in früheren Jahren hätte der 53-Jährige eigentlich auf Distanz gehen müssen. Er hatte ein behördliches Annäherungsverbot.Gemäss dem Recherche-Projekt «Stop Femizid» wurden in diesem Jahr bereits 17 Frauen Opfer eines Tötungsdelikts aufgrund ihres Geschlechts. In den meisten Fällen steht der ehemalige oder aktuelle Partner unter Tatverdacht. Damit zeichnet sich für 2026 erneut eine hohe Anzahl ab – im vergangenen Jahr zählte die Organisation insgesamt 27 Femizide.Wie drängend das Problem ist, belegt eine neue wissenschaftliche Langzeiterhebung der Universität St. Gallen: Zwar stieg in den letzten drei Jahrzehnten nicht die absolute Anzahl, aber der Anteil der Femizide an allen Tötungsdelikten. «Wir werden friedlicher gegenüber Männern, aber nicht gegenüber Frauen», sagt die Strafrechtsprofessorin und Kriminologin Nora Markwalder. Für die Studie hat sie Hunderte Justizakten aus den Jahren 1990 bis 2024 ausgewertet.Was dabei oft unbeachtet bleibt: Während Delikte wie Körperverletzung oder Vergewaltigung statistisch eher von jüngeren Männern begangen werden, zeigt sich bei Femiziden ein umgekehrtes Altersprofil. «Bei Partner-Femiziden ist das Durchschnittsalter viel höher», sagt Markwalder, die das Swiss Femicide Monitoring betreut.Das belegt auch die neueste Kriminalstatistik. Im Jahr 2025 wurde über die Hälfte der Tötungsdelikte im familiären Kontext von über 50-jährigen Männern verübt. Bei allen anderen Formen von häuslicher Gewalt ist diese Altersgruppe dagegen nur für knapp ein Fünftel der Straftaten verantwortlich. Es ist exakt das Muster, das sich nun im Tessin und im Thurgau wiederholte: Die Tatverdächtigen sind über 50.Wie ist das zu erklären?Laut Untersuchungen wird fast die Hälfte der Femizide während oder nach einer Trennung verübt. «Es ist der riskanteste Moment», sagt Delphine Roulet Schwab, Professorin an der Fachhochschule für Gesundheit La Source in Lausanne. Die Trennung könne wie ein Brandbeschleuniger für ein patriarchales Kontrollbedürfnis wirken. «Verlässt die Frau den Mann, bricht bei Tätern dieses Profils oft ihr Kontrollsystem zusammen», so die Forscherin. Der vermeintliche Machtverlust entlade sich dann in extremer Gewalt.Delphine Roulet Schwab, Professorin an der Haute Ecole de la Santé La Source in Lausanne.PDDie tödliche Tat ist meist der Endpunkt einer langjährigen Gewaltgeschichte. Dem Swiss Femicide Monitoring gemäss gab es bei fast der Hälfte der Femizide schon vor der Eskalation häusliche Gewalt. «Ältere Generationen verharren oft viel länger in toxischen Abhängigkeiten», sagt die Psychologin Roulet Schwab. Die Situation explodiere dann in der zweiten Lebenshälfte, wenn eine einschneidende Veränderung wie eine Trennung oder die Pensionierung das Gefüge auf den Kopf stelle.Gerade der Übergang in den Ruhestand sei riskant, sagt Roulet Schwab, die auch das nationale Kompetenzzentrum Alter ohne Gewalt präsidiert. «Bei älteren Generationen ist der soziale Status oft eng mit der Erwerbstätigkeit des Mannes verbunden.» Die Pensionierung könne deshalb vor allem von Männern als Identitäts- und Statusverlust erlebt werden und Frustration auslösen.Mit fortgeschrittenem Alter kommen biologische und soziale Faktoren dazu, sagt die Westschweizer Forscherin: Schwindende Mobilität und die Überforderung mit alltäglichen Verrichtungen verstärken die Abhängigkeit vom Täter und erschweren es älteren Opfern, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Wie explosiv diese Mischung aus Isolation und Überforderung ist, zeigt der Blick aufs Jahr 2025. In der Gruppe der über 70-jährigen Täter verzeichnete die Kriminalstatistik eine drastische Häufung von Tötungsdelikten.Schutzhäuser platzen aus allen NähtenEine neue Kampagne des Bundes will Gewalt im Alter nun gezielt bekämpfen. Doch das ist komplex. Viele ältere Betroffene sehen sich nicht als Opfer, sagt Delphine Roulet Schwab: «Sie sind in einer Ära aufgewachsen, in der häusliche Gewalt weitaus stärker toleriert wurde als heute.» Und selbst wenn sie ihre Misere begreifen, zögern sie oft jahrelang, bis sie sich Hilfe suchen. «Ältere Generationen legen oft Wert darauf, Probleme, die als privat gelten, nicht nach aussen zu tragen», so Schwab.Rund zweihundert Menschen demonstrierten im Februar zusammen mit dem feministischen Kollektiv «Io l'8 ogni giorno» vor dem Tessiner Regierungsgebäude gegen Gewalt an Frauen.Elia Bianchi / Ti-Press / KeystoneZu den psychologischen Barrieren kommen handfeste praktische Hindernisse: Informationen zu Beratungsstellen sind heute fast nur noch online zugänglich. Verschärft wird das Problem durch die geografische Isolation. Schutzhäuser und spezialisierte Opferhilfestellen befinden sich oft in weiter Entfernung. Für immobile Menschen, die in ländlichen Regionen leben, wird der Weg in die Sicherheit so schnell unüberwindbar.Wer die Flucht dennoch wagt, prallt im Schweizer Hilfssystem oft auf strukturelle Lücken. Der Dachverband der Frauenhäuser warnte erst vor wenigen Wochen vor einem akuten Kapazitätsmangel. Im Tessin ist die Situation besonders prekär. Der Südkanton verfügt über weniger Plätze, als es die Istanbul-Konvention für seine Bevölkerungszahl vorgibt. Die Schweiz hat dieses Abkommen 2017 ratifiziert und verpflichtete sich damit, Frauen vor jeder Form von Gewalt zu schützen.Doch die Umsetzung harzt. Erst letzten Herbst rügte ein Gremium aus Experten der Istanbul-Konvention die Schweiz, sie erfülle zentrale Verpflichtungen nicht. Kritisiert wurden vor allem fehlende finanzielle Mittel und der föderale Flickenteppich bei den Zuständigkeiten zwischen Bund und Kantonen.Wie schleppend alles vorwärtsgeht, zeigt das Beispiel der neuen nationalen Gewalt-Hotline, die über die 142 erreichbar ist. Nach monatelanger Verzögerung – der Bund hatte nebst technischen Problemen noch juristische Fragen zu klären – konnte die telefonische Anlaufstelle erst im Mai in Betrieb gehen. Dabei wäre ein pünktlicher Start mehr als nötig gewesen, wie die Zahlen der ersten acht Wochen zeigen: 5100 Anrufe gingen seither schweizweit ein, wie die Kantone auf Anfrage sagen. Das sind im Schnitt mehr als 80 Anrufe pro Tag.Die nackten Zahlen der Hotline sind das Protokoll eines chronischen Gewaltproblems. Während die Tessiner Politik in den Sommerferien weilt, hält «Io l'8 ogni giorno» den Druck hoch. «Solange sich nichts ändert, werden wir weiter mobilisieren», sagt Barbara Di Marco vom Netzwerk und macht mit geballter Faust das Venussymbol – ein universelles Zeichen für den Widerstand gegen geschlechterspezifische Gewalt.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
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