PfadnavigationHomeRegionalesBerlin & BrandenburgWenn Männer Frauen töten: Wann ist es ein Femizid?Stand: 07.09.2026Lesedauer: 4 MinutenBlumen und Kerzen erinnern oft an die Getöteten. (Archivbild)Quelle: Britta Pedersen/dpaDrei junge Frauen sterben in nur drei Wochen in Brandenburg – verdächtig sind immer Männer aus ihrem Umfeld. Welche Debatte das auslöst und was Opferschutzbeauftragte für das Strafrecht fordern.Drei getötete Frauen innerhalb von drei Wochen. Das vergleichsweise kleine Bundesland Brandenburg erlebt in kurzer Zeit drei schockierende Taten - und immer waren die mutmaßlichen Täter Männer, die in einer Beziehung zu den Opfern standen.Opferschutzorganisationen wollen mehr Aufmerksamkeit für sogenannte Femizide: Tötungen von Frauen aufgrund des Geschlechts. Was wie eine Häufung solcher Gewalttaten aussieht, sei in Wirklichkeit gar keine, sagt Laura Kapp vom Netzwerk der brandenburgischen Frauenhäuser. Sie fordert die Verankerung von Femiziden als Straftatbestand im Strafrecht. Brandenburgs Innenminister sieht das kritisch.Was war passiert?Deutschlandweit für Schlagzeilen sorgte Ende August der Fall an einer Schule bei Berlin: Ein 19-Jähriger soll seine 18 Jahre alte Ex-Freundin mit einem Messer in Gosen-Neu Zittau getötet haben - und einen 30 Jahre alten Erzieher, der ihr zu Hilfe eilte. Nur Tage nach der Tat an der Schule wird in Erkner auf offener Straße eine 24-Jährige ebenfalls mit einem Messer getötet. Tatverdächtig ist der Mann, mit dem sie ein Kind hat.Zuvor war in Hohen Neuendorf eine 19-Jährige tot in der Wohnung ihres Freundes gefunden worden, die mutmaßlich von ihrem gleichaltrigen Freund getötet worden war. Er selbst wurde später tot aufgefunden.Kommt es gerade zu mehr Tötungen von Frauen?«Es trügt, dass sich die Fälle häufen», sagt Laura Kapp vom Netzwerk der brandenburgischen Frauenhäuser. «Wir haben eine konstant hohe Fallquote von Femiziden in Deutschland.» Annähernd täglich oder jeden zweiten Tag komme es in Deutschland dazu, dass Frauen wegen ihres Geschlechts getötet werden. Nun habe es drei Fälle in nur drei Wochen in einem Bundesland gegeben. «Mit Brandenburg in einem Bundesland, das relativ dünn besiedelt ist. Deswegen fällt das mehr auf.»In Brandenburg gibt es Kapp zufolge drei bis fünf Tötungsdelikte im Rahmen von Partnerschaftsgewalt im Jahr und noch mal genauso viele versuchte Tötungsdelikte. Ungewöhnlich sei der Tatort Schule. Und: «Was uns dieses Mal auffällt, ist, dass alle Opfer sehr jung waren. Das ist neu für uns.»Was bedeutet Femizid?Opferschutzorganisationen wie das Netzwerk der brandenburgischen Frauenhäuser definieren Femizide als «die Bezeichnung für die Tötung von Frauen und Mädchen aufgrund ihres Geschlechts oder im Kontext geschlechtsspezifischer Macht- und Kontrollverhältnisse».Ein Gegenbeispiel: Wenn bei einem Raubüberfall in einem Schmuckgeschäft die Verkäuferin erschossen wird, dann passiere das wegen ihres Jobs. «Dann spielte ihr Geschlecht dabei keine Rolle. Wäre es ein Verkäufer gewesen, wäre der auch erschossen worden.»Anders verhalte es sich innerhalb einer Partnerschaft oder Ex-Partnerschaft. Hier habe ein Tötungsdelikt mit den Dynamiken in einer heterosexuellen Partnerschaft und damit etwas mit dem Geschlecht zu tun - denn sie spielten sich vor dem Hintergrund einer patriarchalen Kultur ab, sagt Kapp. «Wir wachsen immer noch mit dieser Idee auf: Männer dürfen nicht weinen, Frauen kümmern sich immer.»Was steckt dahinter?Deshalb gebe es bei der Tötung von Frauen fast immer eine lange Vorgeschichte, die ganz stark geprägt sei von einem Geschlechterrollenbild, das hierarchisch funktioniere, sagt die Opferschutzbeauftragte: Ein Mann sei mehr wert als eine Frau. Diese Frau sei nicht eigenständig, sondern sie gehöre jemand anderem. In dem Moment, in dem sich eine Frau zum Beispiel der Kontrolle des Vaters entzieht oder sich von ihrem Partner trennt, verletze sie das Weltbild des Mannes. «Für einige Menschen ist es dann der nächste logische Schritt, diese Frau auszulöschen.»Wie geht die Justiz mit dem Begriff Femizid um?Bisher ist Femizid nicht strafrechtlich definiert und ein Begriff, den Opferschutzorganisationen verwenden. Sie wollen, dass er Einzug findet in das Vokabular der Justiz. Brandenburgs Innenminister Jan Redmann (CDU) äußerte sich im Innenausschuss des Landtags kritisch zu der Forderung. Die «Herabsetzung gegenüber dem weiblichen Geschlecht und eines möglicherweise männlichen Überlegenheitsdenkens» werde schon heute teilweise bei den niedrigen Beweggründen als Mordmerkmal berücksichtigt.Die Frage nach dem auslösenden Motiv sei nicht immer klar zu beantworten. «Als Jurist sage ich: Man muss man sich sehr genau anschauen, wie man aus der Motivation heraus für mehr Klarheit zu sorgen, nicht Gefahr läuft mehr Unklarheit zu schaffen.»Welche Hilfe gibt es in Brandenburg?In Brandenburg gibt es in jedem Landkreis mindestens ein Hilfsangebot: ein Frauenhaus und manchmal zusätzlich eine Frauenberatungsstelle. Bei den Frauenhäusern können Betroffene rund um die Uhr anrufen, an jedem Tag im Jahr: anonym und kostenlos.«Man muss auch nicht gleich einziehen, man kann auch sich erstmal nur am Telefon beraten lassen. Das ist auch niedrigschwelliger, als gleich zur Polizei zu gehen», so Kapp. Landesweit gibt es 17 Frauenhäuser und zwei Frauennotwohnungen. Im Jahr werden laut dem Netzwerk der brandenburgischen Frauenhäuser rund 500 Frauen und ungefähr 600 Kinder aufgenommen.dpa-infocom GmbH
Wenn Männer Frauen töten: Wann ist es ein Femizid? - WELT
Drei junge Frauen sterben in nur drei Wochen in Brandenburg – verdächtig sind immer Männer aus ihrem Umfeld. Welche Debatte das auslöst und was Opferschutzbeauftragte für das Strafrecht fordern.







