Er war sein zweiter Patient in dieser Praxis. Ein Syrer, nach Berlin geflüchtet vor dem Regime in der Heimat. Jetzt stand er vor Mirko Weinrich. Der Arzt konnte kaum fassen, was er sah und hörte: ein Körper, übersät mit Narben von Peitschenhieben, eine Seele, geschunden durch jahrelange Folter. Der Rücken schmerzte, die Nieren machten Probleme. Der syrische Patient hatte keine Krankenversicherung.Das ist nun schon eine Weile her, doch Weinrich erinnert sich noch genau an diesen Moment hier im Sprechzimmer in der zweiten Etage eines Altbaus nahe dem Bahnhof Lichtenberg. Der Orthopäde betreibt eine eigene Praxis in Weißensee. In diesen Räumen an der Irenenstraße aber versieht er zweimal im Monat seinen Dienst, ehrenamtlich. Weinrich engagiert sich bei „Ärzte der Welt“, einem gemeinnützigen Verein. In der Ambulanz „open.med“ behandelt er Menschen, die nicht krankenversichert sind. Eine Herausforderung, das wurde ihm gleich beim zweiten Patienten klar.„Man weiß nie, was auf einen zukommt“, sagt Weinrich. „Man hat es mit einer großen Bandbreite an Krankheitsbildern zu tun.“ Von einfachen Erkältungen bis zu schweren Infektionen reicht das Spektrum. Chronische Erkrankungen wie Diabetes kommen ebenso vor wie Wunden, die nicht verheilen wollen. „Menschen, die auf der Straße leben, haben keine Möglichkeit, ihre Wunden adäquat zu pflegen“, sagt Weinrich. Es entwickelt sich eine Entzündung, schlimmstenfalls eine Sepsis, eine Blutvergiftung.Doch es sind längst nicht nur Obdachlose, die keiner Krankenversicherung angehören. Etwa 72.000 Menschen waren 2023 insgesamt in Deutschland betroffen; das Statistische Bundesamt ermittelt ihre Zahl alle vier Jahre per Mikrozensus. Hilfsorganisationen gehen allerdings von einer hohen Dunkelziffer aus.