Für Teenager vergeht die Zeit langsamer. So hat, wer in den späten Neunzigerjahren groß wurde, den Eindruck, die Ära der Spice Girls dauerte mindestens das halbe Jahrzehnt. In Wahrheit waren es keine zwei Jahre, die von der Veröffentlichung der ersten Single der Girlgroup bis zum Austritt Geri Halliwells vergingen. In der Zeit erschienen immerhin zwei Alben sowie der Film „Spice World“, der irgendwo zwischen Musical, Bandporträt und Pop-Abenteuer angesiedelt war und weltweit mehr als 50 Millionen Dollar an den Kinokassen einspielte.Wer den Film heute sehen will, muss sein Glück bei Onlineauktionen oder auf Weiterverkaufsplattformen versuchen. Im Streaming ist er nirgends zu finden, was sich aber demnächst ändern könnte. Pünktlich dreißig Jahre nach Erscheinen der ersten Single „Wannabe“ im Juli 1996 haben sich die ehemaligen Bandmitglieder entschlossen, die Rechte zurückzukaufen. „Im Moment ist der Film nicht erhältlich. Das wird sich aber ändern. Es gab viele Leute, die die Rechte daran besaßen. Die waren irgendwie überall verstreut“, sagte Sängerin Melanie Chisholm (früher Bandmitglied Mel C) unlängst in einem Podcast. Sie kündigte aber auch direkt an, dass man das Werk nun etwas beschneiden werde, da in der ursprünglichen Fassung von 1997 der Rocksänger Gary Glitter vorkommt. Glitter war bereits kurz vor dem Erscheinen des Films verhaftet worden, weil Kinderpornographie auf seinem Laptop entdeckt wurde. Seinen Cameo-Auftritt ließ die Band damals kurzerhand streichen. Man behielt aber eine Tanznummer im Film, in der die Girlgroup Glitters „I’m the Leader of the Gang“ performt.Für die anderen Gastauftritte hatte Regisseur Bob Spiers, der in Großbritannien bekannt war für seine Arbeit an den Comedy-Serien „Fawlty Towers“ und „Absolutely Fabulous“, ein sicheres Händchen bewiesen. Elvis Costello, Elton John, Roger Moore und Meat Loaf huschen durchs Bild. Richard E. Grant spielt den überdrehten, cholerischen Manager der Spice Girls und Cheers-Star George Wendt einen amerikanischen Filmproduzenten, der immer schrägere Ideen zum Besten gibt, die zum Teil in surrealen Sequenzen umgesetzt werden.Unberechenbarer HumorÜberhaupt hält der Film in all seinen kleinen Abenteuersequenzen bis heute seinen unberechenbaren Humor – als hätte man Monty-Python-Sketchen eine große Portion buntesten MTV-Pop injiziert. Die Spice Girls müssen vor ihrem großen Auftritt in der Royal Albert Hall ins Bootcamp, wo alle in Tarnfleck durch Reifen robben und nur Victoria im engen Camouflage-Kleidchen nebenher stöckelt. Im unwegsamen Gelände treffen sie eines Nachts auf Aliens (als kleine Referenz auf die „Akte X“-Serie), die keine Tickets mehr zum Konzert erhalten haben und nun wenigstens ein Autogramm wollen. Und beim Fotoshooting tauschen sie kurzerhand die Rollen, tragen die Kostüme der anderen Bandmitglieder und machen sich über deren Stereotype lustig. Denn auch das gehörte für eine Girlband in den Neunzigerjahren dazu: Das Image jedes Mitgliedes war wie bei ihren männlichen Counterparts, den Boygroups, festgelegt und sollte nach Möglichkeit nicht verändert werden. Den jungen Fans sollten so Identifizierungsmaße ohne Ecken und Kanten präsentiert werden.Aber auch ein anderes Phänomen nimmt der Film ganz nebenbei in den Blick: Die Spice Girls werden bei ihren Vorbereitungen auf ihr wichtigstes Konzert von einem penetranten Paparazzo der Klatschpresse verfolgt. Ein Boulevardblatt bringt reißerische Schlagzeilen und versucht, der Erfolgsgeschichte der jungen Frauen ein Ende zu setzen, indem ihre öffentlichen Aussagen aus dem Zusammenhang gerissen werden und ihnen Unwahres in den Mund gelegt wird. Hier begann er, der Aufstieg der Fake News – und hier nahmen die Dreharbeiten vorweg, was kurz vor der Premiere des Films die Welt erschüttern sollte: Im August 1997 kam Prinzessin Diana bei einem Autounfall ums Leben, nachdem Paparazzi sie und ihren Lebensgefährten bei einem Restaurantbesuch bedrängt hatten. „Spice World“ kam wenige Monate darauf in die Kinos.Was sich auch bis nach der Jahrtausendwende nicht ändern, sondern vielmehr noch verschärfen sollte, war die Verfolgung von jungen Popstars durch aufdringliche Reporter: Britney Spears, Lindsay Lohan und Christina Aguilera erlebten zu Beginn der Nullerjahre Ähnliches. Die fünf Spice-Girl-Mitglieder blieben von den Abstürzen, die ihre Nachfolgerinnen zum Teil erleiden mussten, verschont. Obwohl sie alle erst durch eine Casting-Anzeige als Musikgruppe zusammenfanden, stellte sich schnell ein großer Zusammenhalt unter den Frauen ein, den alle später mit „einem ähnlichen Level an Leidenschaft und Energie“ begründeten. Als ihre erste Produktionsfirma ihnen zu viel vorschreiben wollte, ließen sie heimlich ihr Demomaterial mitgehen und suchten sich einen neuen Produzenten. Auch die Songs für „Spice World“ schrieben sie selbst. Heute zeigt der Film vor allem, wie unerschrocken und selbstbewusst diese fünf Frauen Ende der Neunzigerjahre in einer bis dahin stark männlich dominierten Industrie auftreten konnten.
Wie hat sich der Spice-Girls-Film „Spice World“ gehalten?
Vor 30 Jahren erschien die erste Spice-Girls-Single. Gerade haben sich die ehemaligen Bandmitglieder die Rechte an ihrem Film zurückgeholt. Wie hat der sich eigentlich gehalten?







