Jens Spahn nannte den „gemieteten Mutterbauch“ 2015 schwer erträglich – heute ist er über eine Leihmutter Vater. Die Autorin Jana Frey kritisiert „Natürlich-werde-ich-einmal-Kinder-haben-Schwule“ und zieht einen entlarvenden Vergleich zu Tierzüchtern.2015 sagte Jens Spahn in der „GQ“: „Als schwuler Mann und Christ kann ich mich persönlich nur sehr schwer mit der Idee eines gemieteten Mutterbauchs anfreunden.“ Auch politisch vertrat er als CDU-Politiker über Jahre eine ablehnende Linie gegenüber einer Legalisierung von „Leihmutterschaft“ in Deutschland. Vor wenigen Tagen gaben Spahn und sein Ehemann über Instagram die Geburt ihres Sohnes bekannt. Das Kind kam durch eine Leihmutterschaft in den USA zur Welt. Spahn sagte sogar, er habe lange mit sich gerungen. Am Samstag trat er als Unionsfraktionschef zurück.Lesen Sie auchViele Menschen stellten Fragen. Nicht, weil sie bezweifeln, dass zwei Väter gemeinsam ein Kind lieben könnten – das stellt heute wohl kaum noch jemand infrage. Sondern weil sich, neben einem Berg rechtlicher Fragen, sofort eine weitere Frage aufdrängt. Nämlich: Wie ist dieses Baby eigentlich entstanden? Welche Frau hat dafür ihre Eizellen gegeben? Welche Frau hat dieses Baby neun Monate unter ihrem Herzen getragen und es geboren? Was bedeutet das für dieses Kind? Genau an diesem Punkt beginnt für mich die eigentliche Debatte. Lesen Sie auchLesben und Schwule können heute glücklicherweise heiraten und ein ganz normales Eheleben führen. Das ist wunderbar und eine gute Entwicklung. Lesen Sie auchIch erinnere mich in diesem Zusammenhang an die Antwort eines jungen schwulen Mannes in der ZDF-Doku-Reihe „Sag's mir“. In der Folge „Homophobie ist keine Meinung: Christ trifft homosexuellen Atheisten“ von 2022 trafen ein schwuler, junger Mann aus der queeren Community Kölns und ein ebenfalls junger, heterosexueller Mann, der als Pastor einer christlichen Freikirche arbeitet, freundschaftlich und offen aufeinander, um über ihre Sichten auf das Leben und die Liebe zu diskutieren.Auf die Frage, ob er denn später einmal Kinder haben wolle, antwortete der junge Schwule prompt: „Unbedingt.“Unbedingt? Ich denke an schwule Freunde und Bekannte in meinem Freundeskreis, denen ich alles Glück der Welt wünsche und gönne. Sie sollen ein glückliches, erfülltes Leben führen! Aber unbedingt – also um jeden Preis – Kinder? Die rasche, selbstverständlich wirkende Antwort des schwulen Mannes in dieser ZDF-Doku wird gesellschaftlich heutzutage allgemein akzeptiert und keinen Moment infrage gestellt. Klar, er wird mal eine Familie – also einen Ehemann und eigene Kinder – haben. Die Frage ist nur: Wie? Sollte es im Umkreis dieses „Unbedingt!“-sagenden Schwulen eine Freundin geben, oder ein lesbisches Paar, oder eventuell sogar eine Schwester oder eine Cousine, die bereit wäre, ein Baby für das schwule Paar zur Welt zu bringen und dieses Kind dann gemeinsam mit ihnen großzuziehen, sehe ich das als eine Möglichkeit und Chance. Aber das ist leider nur in den seltensten Fällen der gewählte Weg. „Mann“ will ein Kind nur für sich selbst (und seinen Ehemann). Ohne Wenn und Aber. Der schwule Mann braucht Geld, muss also privilegiert seinLesben haben es da leichter, können sie doch „einfach“ schwanger werden. Ein lesbisches Paar kann sich also den Traum vom „perfekten“ Familienleben einfacher erfüllen. Grund: Frauen haben Eierstöcke und eine Gebärmutter. Ergo kann auch eine lesbische Frau Mutter werden. Der Weg dorthin mag unterschiedlich sein: herkömmlich gezeugt mit einem Mann, den man gewählt hat. Oder in einem Akt der Selbstbefruchtung (wahlweise mit Sperma eines Bekannten/Freundes oder mit bestellbarem Fremdsperma). Oder in einer Kinderwunschklinik. Die Eizelle hat jede Frau selbst. Den Uterus auch. Das Baby wächst im Bauch seiner Mutter heran.Der schwule Mann dagegen? Zuerst einmal braucht er Geld, muss also privilegiert sein. Ist er finanziell sehr gut gestellt, hat er das „Privileg“, zwei Frauen aus den USA für sein „Vorhaben“ zu „buchen“. Ist er finanziell nicht ganz so gut gestellt, bucht er zwei „günstigere“ Frauen aus Osteuropa oder Indien. Was heißt das, wenn man ganz ehrlich ist?Der vermögende Schwule von heute wird „unbedingt“ eine Familie haben, der finanziell schlecht gestellte Schwule nicht. Gut, man mag einwenden, dass die Welt eben so ist. So funktioniert Kapitalismus: Der wohlhabende Mensch kauft ein feudales Auto, der arme Mensch muss laufen oder den Bus nehmen. Aber, Stopp: Ein Kind ist kein Auto. Ein Kind ist kein Ding, keine Sache. Warum also kann der reiche Mann sich ein Kind „kaufen“ und der arme Mann nicht? Ist ein Kind eine Ware? Eigentlich nicht, aber es wird längst so gehandhabt. Denn so sind die Fakten: Der schwule „Unbedingt-werde-ich-Kinder-haben-Sager“ nutzt – weil er Geld hat – die finanzielle Bedürftigkeit von zwei Frauen aus, um sich zu verwirklichen und sich das zu holen, was er nicht hat: Erstens, das Recht auf ein Kind. Zweitens, Eierstöcke und einen Uterus. Was macht er also? Er kauft sich die drei „Dinge“ einfach. Bei je einer finanziell schlechter gestellten Frau. Ein Ei da und ein Bauch dort. Beides zusammen von einer Frau zu holen, ginge auch, ist aber nicht beliebt. Und das hat wieder ganz rationale Gründe: Eine Frau, deren eigenes Baby in ihrem Bauch heranwächst, ist mit diesem Kind durch gemeinsame DNA verwandt. Sie hat dadurch tatsächlich gewisse „Rechte“ an diesem Kind, selbst wenn der „Vater“ ein zahlender Kunde ist, dem sie Versprechungen gemacht und mit dem sie einen Vertrag abgeschlossen hat. Sogar, wenn sie bereits Geld für diese „Dienstleistung“ erhalten haben sollte.Lesen Sie auchWenn sie also während der neun Monate, in denen dieses Kind in ihr heranwächst, beginnt, es zu lieben (was nicht passieren soll!), könnten daraus Probleme entstehen, die schlussendlich vor einem Gericht enden können. Und es wäre im Bereich des Möglichen, dass die Frau dort das „Recht erhält“, ihr Kind zu behalten. Sichert sich der „Natürlich-werde-ich-einmal-Kinder-haben-Schwule“ aber ab, indem er einer finanziell schwach gestellten Frau Eizellen abkauft (also keine Eizellspende) und den Körper einer anderen finanziell schwach gestellten Frau für neun Monate „mietet“, ist er auf der sicheren Seite. Nicht in Deutschland, aber in vielen anderen Ländern. In den USA, in Osteuropa, aber auch in Griechenland und in Indien, um ein paar Beispiele zu nennen. Fassen wir zusammen, was die austragende Frau tatsächlich erhältIn der Ukraine zahlt man einer Frau für neun Monate Schwangerschaft mit einem „fremden“ Embryo im Bauch etwa 10.000 Euro. Wichtig: Einen Großteil der zu zahlenden Gesamtsumme kassieren die jeweiligen Agenturen, aber fassen wir mal zusammen, was die ausgebeutete, austragende Frau tatsächlich erhält: Eine Schwangerschaft, immer verbunden mit großem, körperlichen Einsatz, Gefahren und vielen Emotionen, dauert in der Regel vierzig Wochen. Vierzig Wochen sind 6720 Stunden. Eine Frau in der Ukraine, die „gebucht“ wird – deren Körper also für die Zeit von neun Monaten „gekauft“ wird –, erhält dafür 1,49 Euro Stundenlohn (ca. 10.000 Euro insgesamt). Eine gekaufte Frau aus Griechenland erhält 1,79 Euro Stundenlohn (ca. 12.000 Euro). Eine Frau in derselben Situation aus den USA bekommt immerhin sage und schreibe 5,95 Euro pro schwangerer Stunde (ca. 40.000 Euro). Eine zum Zweck der „Leihmutterschaft“ gekaufte indische Frau erhält nur 0,60 Euro Stundenlohn (ca. 4000 Euro).Das sind die harten Fakten. Diese Zahlen machen sprachlos, und natürlich können auch die familienambitionierten, schwulen Paare rechnen. Diese finanziell gut gestellten Männerpaare rechnen die Zahlen also ebenfalls durch. Im Vorfeld, bevor sie das Abenteuer „eigene Familie“ starten. Sie wissen, dass sie durch ihre sichere, finanzielle Lage ein Kind „kaufen“ können, für das eine finanziell sehr schwach gestellte Frau in Indien, die es in ihrer Not austrägt, 60 Cent pro Stunde erhält. In einer weiteren „Sag's mir“-Folge („Legalisierung Leihmutterschaft: Ein Kind um jeden Preis“) von 2024 fragt eine junge Studentin, die selbst das „Ergebnis“ einer solchen gedrittelten Schwangerschaft ist (Eimutter, Bauchmutter, soziale Mutter), warum der schwule Vater, mit dem sie da in der Diskussion zusammensitzt (sein Sohn und seine Tochter sind durch „Leihmutterschaft“ und „Eizellspende“ entstanden), denn unbedingt diesen Weg gehen wollte und gegangen ist, und ob er sich nicht auch ein Leben mit Pflege- oder Adoptivkindern hätte vorstellen können. Seine rasche Antwort: Man dürfe nicht vergessen, dass der Kinderwunsch in jedem Menschen „irgendwie evolutionär verankert sei“. Er fände es schwer, fügte er hinzu, den Menschen „diesen Kinderwunsch abzusprechen“. Die junge Frau wirkte nachdenklich – und ich bin es auch. Es geht hier also um „evolutionär verankerten Kinderwunsch“ – also dem Wunsch nach einem eigenen Kind. Aber was bedeutet das für ein so „geschaffenes“ Kind? Was ist das für ein Szenario?Einer Frau entnimmt man – irgendwo auf der Welt – mittels einer Operation die nötigen Eizellen. Eine andere Frau – möglicherweise auf einem ganz anderen Kontinent – trägt diesen Embryo aus. Und eine dritte Frau – oder wie bei Jens Spahn und seinem Partner – zwei Väter übernehmen dieses Baby dann im Kreißsaal unmittelbar nach seiner Geburt. Wie „leiblich“ ist das für dieses Kind? Wo sind seine Wurzeln?Ähnlich fühlen sich nur Kinder, die als Neugeborene in eine anonyme „Babyklappe“ gelegt wurden. Aber für die wurden wenigstens nicht gut kalkulierte Tausende von Euro hin- und hertransferiert. Auf Kosten von Frauen in finanzieller Not.Der besondere Clou bei der LeihmutterschaftReiche Männer machen also Babys mit armen Frauen. Mit dem besonderen Clou, dass sie durch die noch einmal extra beschaffte Eizelle ganz sicher gehen, dass ihnen diese Frauen nicht in letzter Sekunde einen Strich durch die Rechnung machen können, indem sie ihr neugeborenes Kind voller Liebe behalten. Wo keine DNA, da kein „Recht“ und kein „Besitz“. Denn lieben sollen die austragenden Frauen das „fremde“ Kind ja sowieso nicht. Sie sollen sich nur gesund ernähren, zu allen Vorsorgeterminen gehen, die pränatale Diagnostik mitmachen und regelmäßig herzerwärmende Ultraschallbilder in die Kamera des Laptops der werdenden Väter halten. Das ist alles wichtig. Das wollen die gut zahlenden Väter in spe. Das ist Bedingung. Dann reisen diese Väter spätestens zur Geburt „ihres“ Babys an und holen sich ihr Kind. Friede, Freude, Eierkuchen. Wenigstens für die Väter. Aber: Da verliert auch eine Frau das Baby, das sie monatelang in ihrem Bauch getragen hat. Und da verliert auch ein Baby seine „Mutter“, deren Stimme es über Monate gelauscht hat. Jeder, der schon mal einen Hundewelpen vom Züchter gekauft hat, weiß, dass er bis acht Wochen nach dem „Wurf“ warten muss, bis er den kleinen Hund mitnehmen kann. So lange bleibt der winzige Hund noch bei seiner Mutter. Inzwischen haben viele Züchter nachgelegt. Acht Wochen reichen nicht. Der verantwortungsvolle Züchter von heute sagt es ganz klar: Der Welpe darf erst nach zwölf Wochen seine Mutter verlassen und zu seinen neuen Besitzern umziehen. Lesen Sie auchWenn man nachhakt, ist die Begründung, dass sich herausgestellt hat, dass die Welpen diese zwölf Wochen bei ihrer Hundemutter brauchen, um gut in ihr Hundeleben zu starten. „Zu früh abgeholt, können sie ein Trauma davontragen“, erklärte mir jüngst ein Züchter und streichelte liebevoll seine Hündin, die umringt war von ihren kleinen Welpen. „Und das will doch keiner, oder?“ Nein, das will keiner. Und was wird aus diesen Kindern, die man unmittelbar nach ihrer Geburt den Frauen (Darf ich schreiben: Müttern?) wegnimmt und an völlig fremde Menschen weiterreicht? Oft sehen sie ihre Bauchmütter nie wieder. Und die Frau, deren genetischen Ursprung sie in sich tragen, sowieso nicht. So viel zur Leiblichkeit. Und wenn diese Kinder mal herangewachsen sind (vielleicht werden sie ja rebellische Jugendliche), haben sie nie die Chance, in einem Streit wütend zu rufen: „Ich pfeif’ auf euch! Ich gehe jetzt zu meiner Mutter!“ Denn: Die gibt es ja nicht! Wer ist sie? Der Uterus? Die Eizelle? Und, wo ist eins davon? In der Ukraine? In den USA? Irgendwo in Indien? Und ein Recht auf diese Mutter, die ja nur ein Puzzleteil in einem perfiden Spiel ist, haben diese Kinder dank der Spitzfindigkeit ihrer schwulen Väter schon gar nicht. Bauch und Ei sind beide keine Mütter, denen man sich zugehörig fühlen darf. Aus dem Grund sollte kein schwuler Mann wie selbstverständlich sagen: „Natürlich werde ich mal Kinder haben …“ Denn das ist ein schwerer, stolperiger Weg, den sie da vorhaben. Auch wer das finanziell gut leisten kann, sollte gut nachdenken, was er da eigentlich tut, denn: Frauen sind keine Gebärmaschinen und Kinder haben eben auch ein Recht auf Leiblichkeit.