Jens Spahn ist Papa. Es ist ein Junge! Georg heißt er, das muss für einen bekennenden Christen wie ihn hübsch ritterlich, nach Mut und Tapferkeit klingen, nach dem Sieg des Guten über das Böse mit all seinen Drachenklauen. Und das Böse, ja, das kann in diesem Fall nur der grüne Neid sein, die gelbe Galle derer, die Spahn und seinem Ehepartner Daniel Funke nicht ihr privates Glück gönnen, weil sie irgendwie stecken geblieben sind im 20. Jahrhundert, immer nur damit beschäftigt, ihre alten Familienbilder abzustauben: Mutter, Vater, Kind.So in etwa muss Jens Spahn sich die Sache gedacht haben. Der Kanzler und CDU-Parteichef war schließlich seit knapp zwei Wochen darüber informiert, dass die Ehepartner sich in den USA (und an den geltenden Gesetzen in Deutschland vorbei) den Bauch einer Frau gemietet und ein Kind gekauft hatten – und Friedrich Merz hatte Spahn, so Spahn, sogar gratuliert, ein gutes Zeichen.Ein gutes Zeichen? Friedrich Merz ist nicht gerade bekannt für ein feines politisches Gespür. Er hat, wie Spahn, grandios unterschätzt, welche Spur der Verwüstung die Nachricht in der Union und im Land ziehen musste: in der Union, weil Spahn, der Privatmann, auf Spahn, den Politiker, und die Beschlusslage der Union zu Leihmutterschaften gepfiffen, sein Ego abermals über die Partei gestellt und die kleinen Reste seiner politischen Glaubwürdigkeit verspielt hatte – diesmal in besonders unverschämter und grundwertverletztender, also abstoßender Weise für viele Christdemokraten.Leihmutter-Debatte Jens Spahns Rücktritt wird ein Stresstest für die Koalition Jens Spahn tritt zurück. Das verdient Respekt. Es bleibt sein Geheimnis, warum er die politischen Folgen des privaten Glücks unterschätzte. Ein Kommentar. Kommentar von Benedikt BeckerUnd im Land, weil Spahn mit dieser Nummer natürlich sofort Karriere machen musste als Personifikation eines abgehobenen Politikers, der sein Geld und seine Macht, seine Privilegien und seine Kontakte spielen lässt, um sich fröhlich zu genehmigen, was er anderen verwehrt – eine Bigotterie und, zwei Monate vor Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern, eine Einladung an die Landesverächter der AfD, ihre Verachtung der „Altparteien“ noch offensiver zu Markte zu tragen.Nun also ist Jens Spahn vom Amt des Unions-Fraktionsvorsitzenden zurückgetreten, offenbar gedrängt von Kanzler Friedrich Merz. In dieser Demission liegt keine „große Tragik“ (NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst). Und sie hat auch keinen „Respekt“ verdient (Bildungsministerin Karin Prien). Sie ist nur konsequent. Und überfällig. Was vor allem an der Selbstgefälligkeit und Nonchalance liegt, mit der Jens Spahn einer Antwort auf die Frage auswich: Was darf Geld kaufen – und was nicht?(1) Los ging's nach der scheinbaren Kanzler-Absolution mit der „Bild“-Offensive Spahns im inoffiziellen Bundesanzeiger des prominenten Privatlebens, die „sehr persönlichen Nachricht voller Liebe“: offenbar ein Selfie Funkes, der sich aufs „Bunte“ bekanntlich trefflich versteht, ein Selfie, das Spahn in den Hinter- und Vordergrund zugleich rückte, die Hände am Kinderwagen, das blassblaue Hemd ostentativ-väterlich gelockert: „Georg ist unser ganzes Glück. Dieses Gefühl lässt sich kaum in Worte fassen.“Aber natürlich wäre Jens Spahn nicht Jens Spahn, wenn er die Publikation seiner persönlichen Glücksmaximierung nicht auch als Gelegenheit für eine politische Zeigefingerei genutzt hätte, zur Demonstration seiner stahlharten Chuzpe und panzerplattendicken Unangreifbarkeit – als Gelegenheit zur moralisch immunisierenden Selbsterhöhung: „Uns ist bewusst, dass beim Thema Leihmutterschaft Unsicherheit herrscht und auch manches Vorurteil besteht.“Unsicherheit. Vorurteil. Wer so belehrend über andere spricht, signalisiert damit vor allem seine Auffassung, auf ethisch felsenfestem Grund zu stehen und auch über das, was weder rechtens noch billig ist, mit unbedingter Autorität richten zu können: das Mieten einer Gebärmutter etwa, den leihweisen Gebrauch eines Frauenleibs, die Kommodifizierung der Schwangerschaft, die Bewirtschaftung des Körpers, die Vermarktlichung von Kindern. Der Rest ist eine Sache der Kommunikation, der Aufklärung und Bildung – aller anderen.Was es daher jetzt braucht, so musste man Spahn verstehen, ist eine Art Sprinterprogramm für Lernschwache. Eine Kampagne zum Schließen von Informationslücken. Eine Initiative gegen die moralische Insuffizienz des gemeinen Volkes: Der Rückbau seiner Neigung zu affektiv bewegter Gestrigkeit und Unmündigkeit soll die Lösung sein für ein Phänomen, das in den liberalen Demokratien des 21. Jahrhunderts längst nicht mehr als Problem verhandelt gehört: die sogenannte „Leihmutterschaft“, besser gesagt: Leihschwangerschaft, weil die Dienstleistung der Leibvermieterin ja bestenfalls auf ihre Rolle als „Delivery Hero“ beschränkt ist und ihre Mutterschaft ja gerade ausschließt.Debatte um Leihmutterschaft Merz drückt aufs Tempo bei Suche nach Spahn-Nachfolge Nach dem Rücktritt von Jens Spahn sucht die Union einen neuen Fraktionschef. Kanzler Merz will die Personalie noch vor seinem Urlaub klären. (2) Natürlich wimmelte es in den sozialen Medien nur so von Sofortbemeinungen der Spahnschen Vaterschaft. Viele gratulierten, weil sie es – wie Spahn und Funke – mit Franz Beckenbauer halten. Der entschiedene Häretiker aller leibfeindlichen Sündenmoral sah die außereheliche Distribution seines Genmaterials bekanntlich vom Willen des Weltenschöpfers gedeckt: „Der liebe Gott freut sich über jedes Kind.“Und so schickten selbst viele, die Spahns ganz persönliche Version des Sozialtourismus kritisierten, also seine Inanspruchnahme von „Leistungen“ in den USA, auf die er in seinem Heimatland nicht hoffen durfte, die Versicherung voraus, sie freuten sich selbstverständlich mit ihm: Babyglück. Gratulation. Wie süß.Das verstehe, wer will.Moralische Erwägungen sucht man bei Spahn vergebens(3) Noch weniger verständlich war allerdings, dass einige Kritiker Jens Spahn der „Doppelmoral“ bezichtigen. Dieses Urteil setzte voraus, dass der CDU-Fraktionschef schon einmal moralische Erwägungen in den Mittelpunkt seines politischen Denkens und Handels gestellt hätte. Aber da war und ist nichts. Nichts, was er als Politiker mal ernsthaft für „richtig“ befunden hätte, also hätte konterkarieren können. Erst recht nicht erkennbar war, in welchen Sachfragen sich Spahn schon einmal mit ethischen Erwägungen beschwert, also nach den Gründen, Maßstäben und Prinzipien seiner Meinungen und Haltungen gefragt hätte.
Jens Spahn und die Leihmutterschaft: Was darf Geld kaufen?
Jens Spahn mietet eine Gebärmutter – und tritt als Fraktionschef der Union zurück. Respekt hat nichts von alledem verdient. Zwei Fragen bleiben. Eine Kolumne.










