Ein paar Tage nach der Schmach gegen Paraguay sehe ich zu Hause im Kinderzimmer, wie mein vierjähriger Sohn mit seinen Hartplastikdinos und einem als Tor umfunktionierten Papierkorb Elfmeterschießen simuliert. Ein Langhals verwandelt gekonnt knapp unter die runde Latte. Das werden also einmal die guten alten WM-2026-Zeiten sein, die es so in der Realität ja leider nicht gab.F.A.Z.In Erinnerungen zu schwelgen, gehört zum kleinen Einmaleins des Fußballfan-Seins. Irgendeine sepiafarbene Anekdote hat in meinem Bekanntenkreis fast jeder zu berichten. Ein Kollege erzählt, wie er 1974 das Vorrundenspiel der Bundesrepublik gegen die DDR mit Freunden im Ferienlager sah. Die 0:1-Niederlage wurde später vom Turniersieg überstrahlt. Ein promovierter Physiker bastelte als Kind ein WM-Maskottchen aus einer Cornflakespackung. Jemand anderes durfte 1996 nach dem Golden Goal von Oliver Bierhoff einen Böller aus dem Fenster werfen. Ich selbst erinnere mich, meinen Opa vor dem Fernseher gefragt zu haben, für wen wir eigentlich sein sollen.Nostalgie ist gesundUnd man muss sich für diese kleinen Tagträumereien auch gar nicht belächeln lassen, denn sie sind ziemlich gesund. In der Psychologie weiß man: Nostalgie mag zwar eine bittersüße Emotion sein, sie rückt die eigene Vergangenheit aber in ein positives Licht. Moderne Hirnbildgebung hat gezeigt, dass nostalgische Bilder Aktivität in den Bereichen für autobiographisches Gedächtnis, Selbstreflexion und im Belohnungssystem auslösen. Etwas praktischer schreiben Forscher im Journal „Current Opinion in Psychology“, nostalgische Erinnerungen könnten gegen Einsamkeit, Stress und Schmerzen helfen. „Can you take me back to somewhere, darlin', where I feel save“, singt Sam Fender und meint womöglich das Gleiche.Auch die FIFA hat das längst verstanden. Sie war sich nicht zu schade, den zugegeben großartigen Gassenhauer „Wonderwall“ von Oasis nach dem ersten englischen Sieg laut aufzudrehen. Selten hat man eine Mannschaft und ihre Fans so in Tränen des Glücks vereint gesehen. Mit „Major Tom“ hat man beim deutschen Team Ähnliches versucht. Aber lassen wir das.Nostalgie verkauft sich gutNatürlich ist die FIFA kein Verein für psychische Gesundheit. Auch geschäftliche Interessen lassen sich gut verfolgen, wenn man Nostalgie dafür zu nutzen weiß. Trotz des schlechten Abschneidens der DFB-Elf hat sich das deutsche Trikot drei Millionen Mal verkauft, mehr als dreimal so viel wie bei der WM 2022. Ob es daran liegt, dass das Design an die, nun ja, besseren Zeiten erinnert? Menschen lutschen eben gern Werther’s Original-Bonbons, mahlen den Kaffee per Hand und radeln auf schlecht gefederten Retrofahrrädern durch die Stadt.Bittersüße Nostalgie kann auch eine Verweigerung der Realität sein. Sam Fender singt, seine Tränen liefen, in seinen Augen wimmele es von nostalgischen Lügen. Sei's drum, denke ich mir, wenn ich im Kinderzimmer sehe, wie der nächste Dino mutig zum Punkt schreitet. Wer „Am kürzeren Ende der Sonnenallee“ von Thomas Brussig gelesen hat, der weiß: „Glückliche Menschen haben ein schlechtes Gedächtnis und reiche Erinnerungen.“ Wahrscheinlich habe ich vorauseilende Nostalgie.Wen kümmert schon das frühe Ausscheiden, wenn sich kleine Jungs trotz allem mit Fußballfieber anstecken? Nur zu gern fahre ich den Zwerg tags darauf zum ersten Mal zum Fußballtraining. Begeisterung für Sport ist etwas sehr Reales, das hoffentlich ein Leben lang trägt und gesundhält. Nicht nur auf den Rängen oder vor dem Fernseher, sondern selbst auf dem Platz.In der WM-Kolumne „Freistoß“ beleuchten wir die Welt des Fußballs aus feuilletonistischer Sicht.
Fußball-Nostalgie: Wisst ihr noch, die gute alte WM-2026-Zeit?
Egal, wie schlecht Deutschland spielte und wie viele politische Skandale es gab: Bald werden wir uns auch an diese WM wieder nostalgisch erinnern. Schlimm ist das nicht – sondern erwiesenermaßen gesund.








