Es kostet mich einige Überwindung, aber mit hochrotem Gesicht bringe ich die zwei Wörter über die Lippen, die mir in diesem Moment vorkommen wie die zwei schwierigsten der deutschen Sprache. „Wie geht’s?“, frage ich den Kioskbesitzer, der den Preis meiner Brötchen in seine Kasse eintippt. Er schaut mich irritiert an. „Zwei Euro zwanzig“, sagt er. Das ist keine richtige Antwort auf meine Frage. Ich drücke ihm eine Zwei-Euro- und eine Fünfzig-Cent-Münze in die Hand, sage „Passt so!“ und verlasse den Laden. „Schönen Tag!“, murmele ich vor mich hin.Leben alle anderen ein interessanteres Leben als ich?Unbekannte anzusprechen oder selbst angesprochen zu werden, gehört in meiner Generation der Mitte 20-Jährigen nicht unbedingt zu den beliebtesten Aktionen. Überhaupt komme ich im Alltag eher selten in den Austausch. Ungeplante, zufällige Gespräche ergeben sich bei mir so gut wie nie, schon gar nicht mit Gleichaltrigen. Da gibt es höchstens die ältere Dame im ICE, die mir etwas erzählen will, und mich, der entnervt die Kopfhörer aus den Ohren nimmt.Auch der plappernde Friseur oder der anekdotenreiche Taxifahrer, diese klassischen Klischees, gehören nicht zu meiner Lebenswelt. Im Uber und im Friseurladen läuft laute Musik, Gespräche begrenzen sich auf das unbedingt Notwendige: „Wie kurz an den Seiten?“ und „Da vorne an der Ecke ist gut“. Liegt das an mir? Leben alle anderen ein interessanteres Leben als ich? Oder hat das etwas mit unserer Gegenwart zu tun?Ist das meine Chance?Meinen ersten Versuch im Kiosk kann man wohl als gescheitert bezeichnen. Beim nächsten Mal versuche ich es deshalb mit einem anderen Einstieg. Ich bin in der Sonne spazieren, als plötzlich Wolken aufziehen und die ersten Regentropfen vom Himmel fallen. Schnell flüchte ich mich ins nächste Café, um trocken zu bleiben. Ist das meine Chance?Ich bestelle einen Flat White und lächle der Barista zu. „Krass, wie schnell das Wetter umgeschlagen ist, oder?“, frage ich, während ich mein Handy an das Kartenlesegerät halte. Das Wetter scheint mir eine sichere Bank zu sein, es ist das prototypische Small-Talk-Thema. Nicht zu persönlich, aber anschlussfähig. Die einzige Gefahr: Mein Gegenüber könnte schnell gelangweilt sein. „Ja, stimmt“, sagt sie.Der Einstieg ist geschafft, das Eis gebrochen. Jetzt darf nur der Gesprächsfluss nicht abreißen. Ich mache weiter: „Schönes Café, gibt es euch schon lange?“, frage ich. „Ich bin neu in Frankfurt“, schiebe ich nach. Eigentlich finde ich das Café nicht besonders schön, aber das spielt jetzt keine Rolle. Während sie die Espressomaschine bedient, unterhalten wir uns weiter. Plötzlich fällt es mir nicht mehr schwer, Antworten zu geben und Gegenfragen zu stellen.Mit dem Kaffee in der Hand trete ich nach draußen: Ich bin stolz, den Auftrag erfüllt zu haben. Und ich merke, wie sich meine Lippen wegen des Gesprächs zu einem Lächeln geformt haben. Ich gehe jetzt befreit durch die Stadt. Ich fühle mich wie der offenste Mensch der Welt. Nichts und niemand kann mir etwas anhaben. Ich bin auf alles vorbereitet.Als Kind wird uns dieses Misstrauen eingeprägtDann passiert es. Ich werde angesprochen. In einer Situation, in der wirklich nicht damit zu rechnen ist: auf der Rolltreppe der S-Bahn-Station. Der Mann neben mir ist Mitte 40 und lächelt mich an. „Wie geht’s?“, fragt er. Ich nehme meine Kopfhörer aus den Ohren, drücke auf Pause. Etwas überrumpelt antworte ich: „Gut, danke, und Ihnen?“ – „Auch gut, danke. Fahren Sie jetzt nach Hause?“, fragt er.Ich bin skeptisch. Was will er? Meine Antwort fällt knapp aus: „Nein, und Sie?“ „Ich schon“, sagt er und wünscht mir einen schönen Tag. Die Rolltreppe ist zu Ende. Er dreht sich um und geht nach links. Ich gehe nach rechts. Als ich später über die Situation nachdenke, schäme ich mich ein wenig. Ich war misstrauisch, wahrscheinlich wollte der Herr aber bloß mit einem potentiellen Nachbarn ins Gespräch kommen.