Die Bundeswehr sucht dringend Personal. Russland muss abgeschreckt und das NATO-Gebiet geschützt werden, und jedes Jahr werden neue Soldaten und Soldatinnen gebraucht, weil sich die meisten nur auf Zeit verpflichten. Statt heute knapp 186.000 sollen es bis zum Jahr 2030 insgesamt 460.000 sein. Eine entscheidende Rolle für Ausbildung und Führung der Truppe spielen Offiziere; jeder fünfte Soldat ist einer. Es sind die Soldaten mit den höchsten Dienstgraden: In Heer und Luftwaffe reicht die Karriereleiter vom Leutnant über Hauptmann und Major bis zum General und in der Marine vom Leutnant zur See über Kapitän bis zum Admiral.Offizier Florian K. ist 41 Jahre alt, Hauptmann und Inspektionschef in der Unteroffizierschule der Luftwaffe in Appen in Schleswig-Holstein. Dort werden Soldaten auf ihre zukünftigen Aufgaben als Unteroffiziere in der Luftwaffe vorbereitet – also dass sie militärisch führen lernen und wissen, wie man junge Soldaten ausbildet und erzieht. „Ich finde das eine große Verantwortung“, sagt Hauptmann K. Der volle Name von Soldaten darf nicht veröffentlicht werden, um die Persönlichkeitsrechte der Betroffenen und ihrer Familien zu schützen; es gab mal Drohungen und sogar Identitätsdiebstahl. In Appen werden dieses Jahr voraussichtlich 3500 angehende Unteroffiziere ausgebildet.Jura, Informatik, Lidl, BundeswehrOffizier kann werden, wer mindestens 17 Jahre alt und Deutscher ist und einen mehrtägigen Einstellungstest bestanden hat. Dort werden Bewerber ärztlich untersucht, sie müssen Fitness- und Computertests machen, einen Vortrag halten, die eigene Meinung in einer Gruppe behaupten, gemeinsam ein Problem lösen – und im Vorstellungsgespräch erklären, welche die eigenen Stärken und Schwächen sind und wie die Haltung gegenüber Auslandseinsätzen aussieht.Werden Bewerber angenommen, verpflichten sie sich für 13 bis 17 Jahre und können später eine unbefristete Stelle als Berufsoffizier bekommen. Florian K. hat nach Abitur, Grundwehr- und Freiwilligenwehrdienst mit einem Jurastudium angefangen und ist nach der Zwischenprüfung zur Wirtschaftsinformatik gewechselt. Vier Jahre lang arbeitete er als Marktleiter für Lidl und war gleichzeitig Reservist der Bundeswehr. 2020 ging er wieder komplett zur Bundeswehr, ein Jahr später war er militärischer Zugführer, und seit 2025 ist er Inspektionschef.Und warum ist Florian K. vom Supermarkt zur Bundeswehr gewechselt? „Ich habe einen anspruchsvollen, herausfordernden und abwechslungsreichen Beruf gesucht, der mich jeden Tag neu fördert und fordert“, sagt er. „Während meiner Zeit als freiwillig Wehrdienstleistender wusste ich, dass ich das als Offizier bei der Bundeswehr finden werde.“ Seine jetzige Position gebe ihm die Möglichkeit, sein militärisches Wissen und seine Erfahrungen an jüngere Generationen von Soldaten weiterzugeben und diese „ein Stück weit mitzuprägen und ihnen vielleicht Vorbild zu sein“.„Extrem hohe körperliche und geistige Belastbarkeit“Das dreitägige Auswahlverfahren sei eine Herausforderung gewesen. „Uns wurde eine extrem hohe körperliche und geistige Belastbarkeit abverlangt. Wir mussten zum Beispiel vier Kilometer mit Ausrüstung in hügeligem Gelände in weniger als 28 Minuten laufen und eine Hindernisbahn in weniger als zwei Minuten. Und wir sollten unterschiedlichste Szenarien üben, etwa Durchkämmen von Gelände oder Kampfsituationen.“ Er bestand mit Auszeichnung und wurde umgehend Zugführer der Objektschutzgruppe. Diese schützt militärische Einrichtungen, Flugplätze, Gebäude und Anlagen der Luftwaffe vor möglichen Angriffen.Hauptmann Florian K.Bundeswehr/SchmidtWie viel man in der Bundeswehr verdient, hängt unter anderem davon ab, ob man Uniform trägt oder als Beamter oder in der Verwaltung arbeitet. Soldaten – also auch Offiziere wie Hauptmann K. – werden wie Bundesbeamte, Bundesrichter und Beamte in bestimmten Bundesländern nach dem Bundesbesoldungsgesetz bezahlt. Das bedeutet, dass der Gesetzgeber bestimmt, wie viel Sold gezahlt wird. Ein Soldat, Beamter oder Richter darf also nicht einfach – etwa durch eine persönliche Vereinbarung – mehr Geld bekommen; nur per Gesetz kann der Sold erhöht werden. Das Grundgehalt richtet sich nach Dienstgrad und Erfahrungsstufe. Hinzu können zusätzliche Zahlungen kommen, zum Beispiel für Kinder, für besondere körperliche oder psychische Belastungen, für Dienste nachts oder an Sonntagen oder für Überstunden. Ein Mannschaftssoldat verdient im Schnitt zwischen 2700 und 3500 Euro brutto im Monat, ein Unteroffizier zwischen 3000 und 4650 Euro und ein Offizier zwischen 3450 und 16.200 Euro – Letzteres ist der Sold eines Generals oder eines Admirals.Mehr als 80.000 Euro brutto im JahrBerufssoldaten müssen auch keine Beiträge an die Arbeitslosenversicherung und die Krankenkasse zahlen, nur an die Pflegeversicherung. Offizier Florian K. verdient 6733 Euro brutto im Monat und 80.796 brutto im Jahr. Zum Vergleich: Verbeamtete Lehrer an Gymnasien verdienen je nach Erfahrung und Bundesland zwischen 58.500 und 84.200 Euro brutto jährlich. Unserem Offizier bleiben als Verheiratetem mit drei Kindern in der Steuerklasse IV jährlich 45.850 Euro netto. „Ich vergleiche mich nicht mit anderen Personen oder Berufen“, sagt Florian K. „Andere Gehälter sind für mich irrelevant. Ich bin sehr stolz und dankbar, dass ich Offizier bin.“Er ist verantwortlich für 15 Soldaten, die als Ausbilder, Hörsaalleiter und Fachlehrer arbeiten, sowie für sechs Hörsäle mit insgesamt 120 angehenden Unteroffizieren. Morgens fängt er zwischen 6.30 Uhr und 7 Uhr an. Sein Tag ist ziemlich straff organisiert. Er tauscht sich erst einmal mit den Hörsaalleitern aus zum Programm des anstehenden Tages und unterrichtet dann sowohl im Hörsaal als auch „draußen“. Dabei geht es um diverse Themen, unter anderem um Führung, Befehlsgebung, Umgang mit Medien, infanteristische Ausbildung im Gelände und Ausbildung an der Waffe. Mittagessen gibt es von 11.30 bis 12.30 Uhr, immerhin verschiebbar um eine halbe Stunde. Zwischendurch bearbeitet er Mails, Dienstschluss ist zwischen 16.30 und 17.30 Uhr.„Manchmal stört mich die Bürokratie in meinem Job“, erzählt er, „vor allem in Verbindung mit den vielen Vorschriften. Braucht es zum Beispiel gewisse Ausrüstungsgegenstände für die Ausbildung der angehenden Unteroffiziere, ist es nicht einfach, sie zu bekommen. Denn die Anforderungen sind hoch, dass der Antrag genehmigt wird.“Angst vor einem Einsatz darf einen nicht bestimmenGemäß Soldatenarbeitszeitverordnung müssen Soldaten und Soldatinnen 41 Stunden in der Woche arbeiten. In bestimmten Fällen kann die Arbeitszeit auf 40 Wochenstunden verkürzt werden, etwa wenn man Angehörige pflegt. Täglich dürfen Soldaten nicht mehr als 13 Stunden arbeiten, aber es gibt auch hier Ausnahmen. Zum Beispiel bei Übungen während der Ausbildung, während Wachdiensten oder zur militärischen Flugsicherung. Florian K. erfasst seine Arbeitszeit mittels Chipkarte. Im Monat leistet er rund 20 Überstunden, zum Beispiel, wenn er Übungen durchführen lässt, bei denen er mit den Soldaten nachts draußen bleibt, oder wenn er zusätzlich Zeit braucht, um eine Veranstaltung zu planen.Überstunden werden mit Freizeit ausgeglichen; er könnte sich aber auch das Geld auszahlen lassen. Jeden Tag fährt er von zu Hause aus 45 Kilometer zur Arbeit und wieder zurück. „Das ist das erste Mal, dass ich nahe an unserem Zuhause eingesetzt bin. Ich hoffe, dass ich in zehn Jahren immer noch eine heimatnahe Position haben werde, damit meine Work-Life-Balance so ausgeglichen bleibt.“ Angst, irgendwann mal in ein Kriegsgebiet geschickt zu werden und dort womöglich zu sterben, habe er nicht. „Natürlich wäre das eine große Belastung. Aber Angst darf man im Vorfeld nicht haben.“ Soldaten dürften sich davon nicht bestimmen lassen.