Keir Starmer tritt ab: wie er vom Hoffnungsträger zur «Qualle» wurdeKaum ein Premierminister ist in der Gunst der Wähler in so kurzer Zeit so tief gefallen. Seine Unbeliebtheit hat viel mit der verfahrenen Situation des Landes zu tun – aber auch mit Starmers zaudernder Art in einer ohnehin orientierungslosen Zeit.17.07.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenDer britische Premierminister Keir Starmer am G-7-Gipfel in Évian am 16. Juni.Isabel Infantes / GettyVor zwei Jahren trat Keir Starmer sein Amt als Premierminister mit der Aura des Retters an. Heute wird er als «Qualle» und als «Fussabstreifer» beschimpft. Bei der Fussball-Weltmeisterschaft skandierte das Publikum: «Starmer ist ein Idiot.»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Dieser tiefe Fall erstaunt. Als Parteiführer war es ihm gelungen, Labour nach den Corbyn-Jahren vom Antisemitismus zu säubern, vom linken Rand in die Mitte zurückzuführen und endlich wieder an die Regierung zu bringen. Als Premierminister konnte er Grossbritannien nach den chaotischen Brexit-Jahren wieder als verlässlichen Partner auf der internationalen Bühne etablieren und eine Wiederannäherung an die EU initiieren.Mit seinen Bestrebungen um Dezentralisierung und erneuerbare Energien hat er den Boden bereitet für weitere Schritte in diese Richtung, die sein Nachfolger Andy Burnham wohl unternehmen wird. Dieser wird voraussichtlich am Freitag zum Labour-Parteichef und am Montag zum neuen Premierminister gewählt. Damit endet die Ära Starmer.Labilität, Beeinflussbarkeit und KehrtwendenStarmer stand für Seriosität, aber den grossen Wandel, den er versprach, konnte er nicht anstossen. Die Lebenskosten bleiben hoch, die Wirtschaft stagniert, und die illegale Immigration sorgt weiterhin für Unmut.Zudem stiess er die Wähler schon kurz nach seinem Amtsantritt vor den Kopf, als er die Heizkostenzuschüsse für Rentner strich. Etwa zur gleichen Zeit wurde bekannt, dass Starmer und Mitglieder der Regierung teure Geschenke von Spendern entgegengenommen hatten. Das passte nicht zu seinem Image als früherer Menschenrechtsanwalt mit Gerechtigkeitssinn und liess die Sparmassnahmen auf Kosten der frierenden Alten als umso grausamer erscheinen.Noch mehr ins Gewicht fiel sein allgemeiner Stil, der als zögerlich und führungsschwach empfunden wurde. Das war vermutlich die Kehrseite seiner Bemühung, als Mitte-Politiker zu agieren, der Kompromisse eingehen konnte und den Konsens suchte. Starmer präsentierte sich gern als Gegenfigur zum unberechenbaren, nicht ganz seriösen, aber unterhaltsamen Boris Johnson.Die Wähler nahmen die Farblosigkeit und Langweiligkeit Starmers in Kauf, gewissermassen als Preis für seine vermeintliche Verlässlichkeit. Aber es war wie bei einer Liebesbeziehung: Gerade was anfangs reizvoll wirkt, nervt später. Schon bald mokierte man sich allerorts über den grauen, uncharismatischen Technokraten.Berüchtigt wurden seine «U-Turns». Sobald ihm von der Opposition oder den Medien Gegenwind entgegenwehte – zum Beispiel bei Steuer- oder Energiethemen –, machte er einen Rückzieher. Das führte dazu, dass selbst Kabinettsmitglieder sich fragten, ob er selbst denn wisse, was er eigentlich wolle. Dieser Formlosigkeit verdankt er den Übernamen «Qualle» und dem Eindruck, dass er sich von allen benützen lässt, das Etikett «Fussmatte».Seine Emotionalität wirkte eingeübtIm Bemühen, es allen recht zu machen, hatte Starmer am Ende alle gegen sich. Ein brillanter Rhetoriker hätte die Widersprüche seiner Politik vielleicht mit knackigen Slogans und Humor übertünchen oder sogar als raffinierte Schachzüge verkaufen können. Starmer hingegen wirkte nicht wie einer, der vorangeht. Das war besonders augenfällig beim umstrittenen Thema Migration. Einmal flirtete er mit einem Jargon, der von vielen als fremdenfeindlich wahrgenommen wurde, wenn er von einer «Insel der Fremden» sprach. Dann wieder empörte er sich über den «amoralischen Rassismus» von Nigel Farages Partei Reform UK.Starmer betonte seine Herkunft aus dem Arbeitermilieu. Aber auf viele wirkte er wie ein typischer steifer Mittelklassebürokrat. Sein Adelstitel, der ihm noch vor seiner politischen Karriere verliehen worden war, machte «Sir Keir» auch nicht gerade volksnaher.Manchmal versuchte er, sich emotional zu geben. Zum Beispiel bei der Parteikonferenz im Herbst 2025, als er ausführlich seine Kindheit als Sohn eines Werkzeugmachers schilderte und gegen den Populisten Farage wetterte. Oder als er im Gefolge der Affäre um Peter Mandelson unter Beschuss geriet und seine Zukunft als Premierminister an einem seidenen Faden hing. Da präsentierte er sich auf einmal hemdsärmelig, entschlossen und kämpferisch. Aber solche «direkten» Reden erweckten den Eindruck, einstudiert und von seinen Beratern fabriziert zu sein.Der Mandelson-SkandalHäufig erinnerte er an einen fleissigen, aber fatalistischen Pragmatiker, der nach nächtelangem Aktenstudium realisiert, wie eng sein Handlungsspielraum ist. Er wirkte dann eher wie ein Beamter und Verwalter von Sachzwängen als ein dynamischer, kreativer Macher. Oft hatte man den Eindruck, er leide unter der Bürde des Amtes und zähle die Tage bis zum Ende seines Mandats, anstatt die Möglichkeiten zur Gestaltung eines ganzen Landes zu geniessen.Hätte er die Überzeugung ausgestrahlt, dass er über einen Kompass, eine klare Richtung verfügt und trotz tagespolitischen Turbulenzen insgesamt auf Kurs bleibt, hätte man ihm vielleicht Fehltritte wie die Ernennung von Peter Mandelson verziehen. Stattdessen hielt dessen Beziehung zum Sexualstraftäter Jeffrey Epstein die Politik wochenlang auf Trab. Täglich gab es neue Spekulationen darüber, wer wann was gewusst und verschwiegen hatte, als der Labour-Veteran trotz vielerlei Bedenken als Botschafter nach Washington geschickt wurde.Das Drama endete damit, dass Starmer sich darüber empörte, nicht darüber informiert zu sein, dass Mandelson bei der Sicherheitsprüfung durchgefallen war. Also entliess er seinen Stabschef. Damit wälzte er, wie so oft, die Schuld auf andere ab und präsentierte sich als Opfer. Aber wer sollte denn noch für etwas verantwortlich sein, wenn nicht der mächtigste Mann im Land? Vielleicht war dies das grösste Ärgernis an Starmer: dass er nicht den Mut hatte, klare Entscheidungen zu fällen und dafür geradezustehen.Passend zum Artikel