Fast vier Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung ist der Westen noch immer erstaunlich schlecht darin, dem Osten zuzuhören. Dabei könnten Wessis viel lernen über Zivilcourage bei 40 Prozent AfD.
Kürzlich, bei einer größeren Runde irgendwo in Ostdeutschland, ergreift eine Teilnehmende einer wirklich großen Institution das Mikro. Bis vor fünf Jahren, berichtet sie, sei es gang und gäbe gewesen, dass Mitarbeiter:innen aus den westdeutschen Ablegern die Strategie- oder Arbeitspapiere ihrer ostdeutschen Kolleg:innen erst mal geschreddert hätten. Dann haben sie ihre eigenen Papiere geschickt: "Nehmt mal lieber das." Das Schlimmste an dieser Erzählung ist nicht mal diese Unverschämtheit an sich, sondern dass fast alle Ostdeutschen in der Runde wissend nicken. Kennen wir alle, nix Besonderes. Aber langsam wird's besser. Langsam. Fast vier Jahrzehnte nach der Wende. Das ist maximal beschämend.
Die Zeiten, in denen ausrangierte Polit-Cleverles aus dem Westen im Dutzend in den Osten geschickt wurden, um den "Ossis" mal Wirtschaft zu erklären, sind vorbei. Aber eine Art unsichtbarer Mauer gibt es trotzdem noch, an vielen Stellen. Wir "hier" im Westen schauen auf "dort", auf "Dunkeldeutschland", auf "den Osten", wir gruseln uns, sind wir doch ehrlich, mit ein bisschen Voyeurismus vor 40 Prozent AfD. Weit weg, nicht "bei uns", hier läuft noch alles, ach komm, 20 Prozent AfD sind keine 40. Eine Frau aus Sachsen sagt zu mir, bei 20 Prozent AfD in Baden-Württemberg könnte sie mit den Erfahrungen von daheim nicht mehr gut schlafen. Ja, wir schlafen viel zu gut.







