Knapp acht Jahre nach dem Brückeneinsturz von Genua ist am Donnerstag mehr als die Hälfte der Angeklagten verurteilt worden. Am 14. August 2018 waren beim Einsturz des Viadukts über das breite Flusstal des Polcevera 43 Menschen ums Leben gekommen. Für die insgesamt 57 Angeklagten hatten die Staatsanwälte wegen fahrlässiger Tötung, Gefährdung der Verkehrssicherheit und Urkundenfälschung zusammen rund 400 Jahre Haft gefordert. Insgesamt hat das Gericht 32 Angeklagte schuldig gesprochen.Als Hauptangeklagter wurde der 66 Jahre alte ehemalige Vorstandsvorsitzende des Autobahnbetreibers „Autostrade per l’Italia“ (ASPI), Giovanni Castellucci, am Strafgericht in Genua in erster Instanz schuldig gesprochen und zu einer Freiheitsstrafe von zwölf Jahren verurteilt. Auch gegen Beamte des Verkehrsministeriums wurden langjährige Haftstrafen verhängt.Urteil noch nicht rechtskräftigDer Richterspruch ist noch nicht rechtskräftig, da es als sicher gilt, dass es zu weiteren Verfahren vor Berufungsgerichten und in dritter Instanz vor dem Kassationsgericht in Rom kommen wird. Bis dahin könnten viele der den Angeklagten zur Last gelegten Straftaten verjährt sein.Auslöser der Katastrophe vom 14. August 2018 war der Bruch eines Brückenpfeilers. Daraufhin stürzte ein rund 200 Meter langes Fahrbahnstück der Autobahnbrücke in die Tiefe und riss Dutzende Fahrzeuge mit sich. Nach Erkenntnissen der Ermittler waren seit der Fertigstellung der Brücke im Jahr 1967 „nicht einmal minimale Instandhaltungsmaßnahmen ergriffen“ worden, um die Stahlträger innerhalb der Konstruktion aus Spannbeton zu erhalten, zu sanieren und zu verstärken. Die Verteidigung hatte argumentiert, Ursache des Unglücks sei ein Konstruktionsfehler gewesen, weil die fortgesetzte Korrosion des Stahls zur Armierung des Betons nicht habe festgestellt werden können.Giovanni Castellucci sitzt bereits seit April 2025 im Gefängnis. Er wurde 2025 in dritter Instanz rechtskräftig wegen eines Busunglücks auf einer ASPI-Autobahn in der süditalienischen Region Kampanien verurteilt. Bei dem Unfall im Juli 2013 hatte ein Reisebus wegen Bremsversagens eine nicht sachgemäß angebrachte Leitplanke durchbrochen und war von einer Brücke gestürzt. Dabei waren 40 Menschen gestorben. Castelluccis Anwalt hatte in Genua argumentiert, sein wegen des Unfalls von 2013 bereits zu sechs Jahren Haft verurteilter Mandant solle abermals als „Sündenbock“ für systemische Verfehlungen herhalten.Autobahnbetreiber wurde verstaatlichtDas Verfahren gegen zunächst 59 Angeklagte hatte im Juli 2022 begonnen, zwei Angeklagte sind seit Prozessbeginn verstorben. Die Brücke über den Polcevera gehört zur Autobahn 10, die von Genua nach Ventimiglia an der französischen Grenze führt. Hauptaktionär von ASPI war zum Zeitpunkt des Unglücks die Familie Benetton, die nach Erfolgen im Modegeschäft vor allem in Infrastrukturunternehmen investiert hatte.Die 2018 amtierende Regierung unter dem linkspopulistischen Ministerpräsidenten Giuseppe Conte verfügte als Reaktion auf die Katastrophe die Wiederverstaatlichung des Autobahnbetreibers. Im Gegenzug flossen 9,3 Milliarden Euro an die Holding der Benettons. Die nun wieder staatliche ASPI stimmte in einem Vergleich der Zahlung von 63 Millionen Euro an die Hinterbliebenen sowie von 30 Millionen Euro Strafe an den Staat zu. Außerdem übernahm sie die Kosten für den Abriss der Brückenruine und für den Bau der neuen San-Giorgio-Brücke über den Polcevera.Am Vorabend des Urteils in Genua hatte sich Arrigo Giana, der neue ASPI-Vorstandsvorsitzende, in einem offenen Brief erstmals im Namen des Unternehmens entschuldigt. „Es ist unsere moralische Pflicht, uns für das Geschehene zu entschuldigen“, schrieb Giana. Es sei an der Zeit, das Schweigen zu brechen. Giana sagte auch, dass „diese Geste den Schmerz niemals auslöschen wird“. Er verwies darauf, dass das neu aufgestellte Unternehmen nunmehr kompetent und transparent geführt werde.Die Vorsitzende des Hinterbliebenenkomitees, Egle Possetti, bezeichnete das Schreiben Gianas, der im April 2025 zum ASPI-Vorstandschef berufen wurde, als „verspätet und unangemessen“. Possetti hatte bei dem Unglück ihre Schwester, deren Kinder sowie ihren Schwager verloren. In dem Prozess trat sie als Nebenklägerin auf. Die Zahlung von 9,3 Milliarden Euro an die Benetton-Holding im Zuge der Wiederverstaatlichung der ASPI bezeichnete Possetti als „die größte Schande, die Italien jemals gesehen hat“.