Die Kritik an den Plänen der Bundesregierung, den staatlichen Unterhaltsvorschuss nur noch bis zum 16. Geburtstag zu zahlen, reißt nicht ab. Auf der jährlichen Sommerpressekonferenz verteidigte Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) die aus seiner Sicht finanziell notwendige Kürzung mit dem Hinweis, durch verbesserte Betreuungsangebote könnten Alleinerziehende, meist Mütter, inzwischen mehr arbeiten und dadurch auch mehr verdienen – und provozierte damit neuen Widerspruch.„Es ist ein Schlag ins Gesicht für Alleinerziehende, wenn der Bundeskanzler den Eindruck erweckt, sie würden nicht genug arbeiten“, sagte Daniela Jaspers, Bundesvorsitzende des Verbandes alleinerziehender Mütter und Väter, dem Tagesspiegel. Alleinerziehende Mütter arbeiteten bereits heute häufiger in Vollzeit als Mütter in Paarfamilien.Selbst dann reiche das Einkommen angesichts hoher Mieten und gestiegener Lebenshaltungskosten aber häufig nicht aus. „Statt bei den Familien mit dem höchsten Armutsrisiko zu sparen, muss der Unterhaltsausfall für Kinder zuverlässig abgesichert und der Rückgriff auf säumige Unterhaltspflichtige konsequent gestärkt werden“, so Jaspers. Widerstand bei der SPD Kritik an den Aussagen des Kanzlers kommt auch vom eigenen Koalitionspartner: „Ich wünsche mir von einem Bundeskanzler, dass er die Lebensrealität von Familien kennt. Die Realität derjenigen, die jeden Tag Verantwortung übernehmen, arbeiten gehen und trotzdem jeden Euro zweimal umdrehen müssen“, sagte die familienpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, Jasmina Hostert, dem Tagesspiegel.„Er sollte den Unterhaltsvorschuss nicht als Ersatz für fehlende Erwerbsarbeit darstellen, sondern als das, was er wirklich ist: ein Baustein für die Kompensation des Unterhalts, der ausfällt, weil sich ein Elternteil seiner Verantwortung entzieht.“ Die Kinder von Alleinerziehenden dürften nicht für die Konsolidierung der Staatshaushalte in Anspruch genommen werden. Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig widerspricht der Aussage, die Kürzung sei Konsens zwischen Bund und Ländern. © AFP/TOBIAS SCHWARZ Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD), die den Unterhaltsvorschuss als Bundesfamilienministerin einst ausgeweitet hatte, betonte im „Spiegel“, dass sie bereits in der Ministerpräsidentenkonferenz am 25. Juni auf die schwierigen Auswirkungen auf Alleinerziehende und ihre Kinder hingewiesen habe. Auch Bremen habe sich kritisch geäußert. „Deshalb können sich weder der Kanzler noch Frau Prien hinter angeblichen gemeinsamen Beschlüssen von Bund und allen Ländern verstecken.“ Ricarda Lang (Grüne) wirft Friedrich Merz Empathie- und Ideenlosigkeit vor. © dpa/Elisa Schu Die Grünen-Sozialpolitikerin Ricarda Lang, die selbst bei ihrer alleinerziehenden Mutter aufgewachsen ist, sagte dem Tagesspiegel, die Aussagen von Friedrich Merz zeigten, wie weit er von der Lebensrealität von Familien entfernt sei. Kinder hörten an ihrem 16. Geburtstag nicht magisch auf, Geld zu kosten, und Alleinerziehende hätten ein Recht auf ihren Unterhalt. „Dem Bundeskanzler aber fällt – wie sonst auch – nichts anderes ein als: Sollen sie halt mehr arbeiten.“„Angela Merkel hatte die Raute, Olaf Scholz seinen Respekt. Bei Friedrich Merz ist es diese einzigartige Mischung aus Empathie- und Ideenlosigkeit.“ Lang betonte: „Wenn Karin Prien und ihre CDU in Zukunft noch den Schutz von Familien hochhalten wollen, ohne rot zu werden, müssen sie die Kürzung des Unterhaltsvorschusses stoppen.“ (mit AFP)