Der spanische Ex-Regierungschef Mariano Rajoy findet Frankreichs Nationalelf nicht französisch genugDer Spanier hatte der Équipe Tricolore ihre französische Identität abgesprochen – und blieb nach dem gewonnenen Halbfinal bei seiner Meinung. Das war nicht der einzige rassistische Vorfall für das Team von Kylian Mbappé.16.07.2026, 10.00 Uhr3 LeseminutenEine Mannschaft aus Kindern von Einwanderern und Nachkommen aus den ehemaligen Kolonien: Für manche nicht französisch genug.ImagoHielt Mariano Rajoy seinen Satz für einen Scherz? Wollte er provozieren? Oder schrieb der ehemalige spanische Ministerpräsident einfach nieder, was er dachte? Vier Tage vor dem WM-Halbfinal zwischen Spanien und Frankreich hatte der 71-jährige in einer seiner regelmässigen Fussball-Kolumnen für das konservative Onlineportal «El Debate» den kommenden Gegner analysiert. Frankreich, so Rajoy, sei stark und verfüge über eine Mannschaft «von höchstem Niveau». Dann fügte er hinzu: «Allerdings ohne Franzosen.»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Sánchez schämte sichDie Bemerkung löste auf beiden Seiten der Pyrenäen Empörung aus. Der französische Aussenminister Jean-Noël Barrot erklärte, Frankreich habe «keine Hautfarbe». Wer etwas anderes behaupte, offenbare «Dummheit, Rassismus oder eine Kombination aus beidem». Der Präsident des französischen Fussballverbands, Philippe Diallo, sprach von «unerträglichem Rassismus». Auch die Botschaft in Madrid sah sich zu einer Klarstellung veranlasst: Alle 26 Nationalspieler seien selbstredend französische Staatsbürger, 23 von ihnen in Frankreich geboren.Spaniens Regierung ging ebenfalls auf Distanz. Der sozialistische Ministerpräsident Pedro warf seinem konservativen Vorgänger fremdenfeindliche Äusserungen vor. Am Rande der Feiern zum französischen Nationalfeiertag in Paris sagte er seinem Amtskollegen Sébastien Lecornu, er schäme sich für Rajoys Worte. Aus dem spanischen Nationalteam meldete sich der junge Stürmer Lamine Yamal. «Wenn Fussball etwas bewirken kann, dann Integration», so Yamal, dessen Eltern aus Marokko und Äquatorialguinea stammen. Frankreich und Spanien seien dafür doch gute Beispiele.Rajoy dachte aber nicht daran, seine Worte zurückzunehmen. Noch in der Nacht nach dem 2:0-Sieg Spaniens gegen Frankreich am Dienstag veröffentlichte der Ex-Regierungschef eine zweite Kolumne unter dem Titel: «Man muss Humor haben». Darin ging er auf den Vorwurf des Rassismus nicht ein, sondern warf Sánchez vor, die Empörung bewusst anzuheizen, um von den Problemen Spaniens abzulenken. Ironisch bedankte er sich für die «Aufmerksamkeit», die ihm die Regierung während der WM gewidmet habe.Ein Sprecher seiner Partei, des Partido Popular, teilte mit, die Kolumne sei sarkastisch gewesen, und ohne böse Absicht. Den Humor suchte man in der eher hölzernen Fussball-Analyse allerdings vergeblich. Umso näher liegt der Schluss, dass Rajoy seine Bemerkung genau so meinte, wie sie sich las: Die Équipe tricolore sei nicht französisch genug, weil sie überwiegend aus dunkelhäutigen Kindern von Einwanderern und Nachkommen aus den ehemaligen Kolonien Frankreichs besteht.Ganz ähnlich hatte das schon einmal ein anderer Politiker vor 28 Jahren gesagt. Als «les Bleus» 1998 erstmals Weltmeister wurden, sprach der Chef des rechtsextremen Front national Jean-Marie Le Pen von einer Mannschaft, in der zu viele Spieler «nicht wirklich Franzosen» seien. Seither hat sich viel geändert – auch bei den politischen Erben Le Pens. Rajoys Bemerkungen seien «skandalös, beschämend und erbärmlich», sagte der Sprecher des Rassemblement national, Julien Odoul. Das französische Projekt, fügte er hinzu, kenne drei Farben: Blau, Weiss und Rot, und sei unabhängig von Herkunft oder Religion jedes Einzelnen.«Entfernt diesen Weissen»Rassistische Kommentare hatten das Team von Kylian Mbappé während der gesamte WM begleitet. Vor dem Spiel gegen Paraguay sagte der frühere paraguayische Nationaltorhüter José Luis Chilavert, sein Land trete gar nicht gegen Frankreich, sondern gegen eine «Mannschaft aus Afrika», an. Nach der 0:1-Niederlage schimpfte die paraguayische Senatorin Celeste Amarilla, Mbappé sei nur ein «kolonisierter Kameruner», der den harten Franzosen spiele, «voller Minderwertigkeitskomplexe, neureich, arrogant und hässlich».Nach dem Halbfinal nahm die Debatte dann vollends absurde Züge an. Ausgerechnet Lucas Digne, einer der wenigen weissen Spieler in Frankreichs Startelf, geriet nach seinem Foul an Yamal ins Visier auf Social Media. «Du bist der einzige Weisse in dieser Mannschaft – und deinetwegen verlieren wir», hiess es in einem Kommentar. Dass Digne nicht der einzige weisse Spieler im Kader der Franzosen war, ging dabei unter. Andere forderten: «Entfernt diesen Weissen aus meiner Mannschaft.» Am Ende schien für manche selbst ein weisser Nationalspieler nicht mehr französisch genug zu sein.Passend zum Artikel
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