Klar, die Spanier haben ihren Lamine Yamal, aber auch die Franzosen haben einen Spieler im Kader, dem es in den USA gesetzlich verboten ist, im Teamhotel in Boston die gediegene Aujourd’hui Bar zu betreten. Dort werden alkoholische Drinks ausgeschenkt, die in den Vereinigten Staaten erst jenseits des 21. Lebensjahres genossen werden dürfen, vor denen man also Warren Zaïre-Emery, 20, selbstverständlich beschützen muss. Davon abgesehen, trauen sie ihrem Jüngsten aber einiges zu: Am Montagnachmittag entsandte ihn sein Trainer Didier Deschamps in den Presseraum der Arena von Dallas, um einen Ausblick auf das WM-Halbfinale am Mittwoch (21 Uhr MESZ) zu geben, das die Franzosen gegen Spanien bestreiten werden.Das war womöglich ein Zeichen. Man wusste aber nicht genau, welches. Denn bisher hatte Zaïre-Emery, Mittelfeldspieler beim zweimaligen Champions-League-Sieger Paris Saint-Germain, bloß ein paar Minuten gespielt bei dieser WM.Voller Saal in der Dallas-Arena: Auch bei der Pressekonferenz mit Frankreichs Jung-Nationalspieler Warren Zaïre-Emery blieb kein Sitzplatz frei. Franck Fife/AFPAber so begab es sich nun, dass die zwei Jüngsten am Tag vor dem großen Spiel zu den Repräsentanten ihrer Mannschaften wurden. Kurz darauf betrat nämlich Lamine Yamal den Saal, und vermutlich wurde noch selten einem Fußballer in so kurzer Zeit so viele Fragen gestellt, die mit der Vorbemerkung „Happy Birthday“ begannen. Stolze acht Mal, wenn man richtig mitgezählt hat. Lamine Yamal wurde am Montag 19 Jahre alt. Sein schönstes Geschenk? „Eigentlich habe ich noch gar nicht so viele Geschenke bekommen …“Seine Volljährigkeit hatte Lamine Yamal vor einem Jahr noch mit einer weltweit kontrovers diskutierten Mega-Party gefeiert, diesmal, bei der Mega-WM in Nordamerika, sagte er, nur auf den ersten Blick bescheidener: Er wünsche sich eine Reise nach New York. Da findet am 19. Juni das WM-Finale statt, welches der nun 19-Jährige mit der Rückennummer 19 … ja, man kann es sich denken.Spaniens Auftakt gegen Kapverden:„Lamine ist 18! Meine Güte! Natürlich feiert er!“Spaniens Coach Luis de la Fuente spricht über den großen Reiz der WM in Nordamerika, die Herausforderungen für Lamine Yamal – und erklärt, warum Julian Nagelsmann in zehn Jahren ein besserer Trainer sein wird.Den Satz zum Spiel hatte Lamine Yamal den Journalisten ohnehin schon vor einigen Tagen geschenkt, als er gefragt wurde, ob den Spaniern nicht angst und bange werden müsse angesichts der französischen Offensive: Mbappé, Dembélé, Olise und so weiter. Da hatte er frech entgegnet, die Franzosen müssten Angst vor den Spaniern haben, die seien nämlich Europameister. Eine Ansage, die man nun wunderbar Zaïre-Emery vorhalten konnte, verbunden mit der Frage: Wer hat hier Angst vor wem?„Wir versuchen, uns auf uns selbst zu konzentrieren. Das Spiel wird nicht in den Medien gespielt.“Der französische Mittelfeldspieler war aber erkennbar nicht bereit, auf dieses kleine Duell neben dem Rasen einzusteigen. Solche Dinge würden halt gesagt, relativierte er. „Danach muss man auf dem Platz dafür geradestehen. Wir versuchen, uns auf uns selbst zu konzentrieren und diese Äußerungen nicht zu beachten. Das Spiel wird nicht in den Medien gespielt.“ So viel dann allerdings schon: „Wir sind die französische Nationalmannschaft, wir haben vor niemandem Angst.“Tatsächlich hatten die Franzosen die vergangenen beiden Aufeinandertreffen verloren: 2024 im EM-Halbfinale von München mit 1:2, und 2025 im Halbfinale der Nations League in Stuttgart spektakulär mit 4:5. Wohlgemerkt: nicht im Elfmeterschießen. Aber insbesondere die Franzosen scheinen sich seither unter ihrem Langzeit-Trainer Deschamps, der nach der WM seinen Abschied nimmt, noch mal neu erfunden zu haben. Unter anderem bekennt sich Deschamps inzwischen dazu, die Offensivwucht konsequent auszunutzen, die sein Kader bereithält, und setzt gleich vier Offensivkräfte ein. Bisher waren Kylian Mbappé, Ousmane Dembélé und Michael Olise gesetzt, links wechselten sich Desiré Doué und Bradley Barcola ab. Insofern ist sich auch Warren Zaïre-Emery, der das Spektakel bisher überwiegend von der Bank aus verfolgt hat, sicher: „Das ist heute eine ganz andere Mannschaft, mit viel mehr Erfahrungen. Jedes Spiel bringt uns weiter. Wir sind bereit, Revanche zu nehmen.“Geburtstag, gute Laune und gleich vier Goldketten um den Hals: Lamine Yamal, 19, betritt das Podium. Hannah McKay/ReutersEin Thema, das man keinem der beiden Youngsters ersparen konnte, lag am Montag in Dallas auf der Hand: der Rassismus-Eklat, den Spaniens ehemaliger Ministerpräsident Mariano Rajoy mit der Bemerkung ausgelöst hatte, Frankreich verfüge über einen Kader von höchstem Niveau, aber „ohne Franzosen“. In der Empörung über derart plumpen Rassismus war man in beiden Ländern vereint. „Spanien gehört denen, die es lieben und mit Leben erfüllen. Nicht denen, die es mit fremdenfeindlichen Äußerungen in Verruf bringen“, hatte Spaniens aktueller Ministerpräsident Pedro Sánchez am Sonntag bei X geschrieben. „Frankreich, wir sehen uns im Halbfinale. Möge der Bessere gewinnen und der Rassismus verlieren.“Am Tag vor dem bislang größten Spiel ihrer Karriere ist das eigentlich nichts, womit man einen 19- und einen 20-Jährigen behelligen möchte. Aber Lamine Yamal, der Wurzeln in Marokko und Äquatorialguinea hat, und Zaïre-Emery, dessen Mutter von der französischen Überseeinsel Martinique stammt, hatten doch etwas dazu zu sagen. „Der Fußball ist dazu da, Menschen zusammenzubringen, darüber sollten wir sprechen“, sagte Lamine Yamal. Und Zaïre-Emery: „Frankreich hat Spieler aus allen Horizonten, allen Rassen. Das macht uns aus. Wir sind alle sehr eng verbunden, alle gemeinsam. Das ist alles, was man sich merken muss.“Als dann kurz nach Zaïre-Emery der Trainer Deschamps das Podium betrat, wurde auch er zügig zu Lamine Yamals Empfehlung befragt, die Franzosen sollten die Spanier fürchten. Aber einem, der schon als Spieler und als Trainer den WM-Pokal gewonnen hat, muss man mit so etwas wie Angst natürlich nicht kommen. Ebenso wenig wie mit Niederlagen vor einem oder zwei Jahren. „Was vorbei ist, ist vorbei“, sagte Deschamps. „Sie haben gewonnen. Bravo! Aber mich interessiert, was heute ist.“Und heute, das wurde rasch klar, ist da jede Menge Respekt. Das 0:0 der Spanier zum Auftakt gegen die Kapverden müsse man „beiseitelassen“, sagte Deschamps, und vielmehr zur Kenntnis nehmen, dass sie bis zum 2:1 im Viertelfinale gegen Belgien ohne jedes Gegentor durch dieses Turnier marschiert seien. Er erwarte ein intensives, „spektakuläres Spiel“. Und ja: „Spanien ist der Favorit? Ich will keinen Druck auf Luis ausüben“, sagte Deschamps grinsend, aber „das bestätige ich.“Spaniens Nationaltrainer Luis de la Fuente zitierte in Dallas sogar Julius Caesar. Mauro Pimtel/AFPDer Angesprochene, Luis de la Fuente, quittierte das allerdings seinerseits mit einem Lächeln. „Angeblich der Favorit zu sein“, sagte Spaniens Nationaltrainer, „bedeutet nichts“. Er nehme hier eine französische Mannschaft wahr, die seit 2025 „viel dazugelernt hat“. Man habe ganz unterschiedliche Spielstile. Entscheidend werde sein, wer seine Stärken besser zur Geltung bringen und die Schwächen des Gegners wirkungsvoller ausnutzen könne.Und dann zitierte De la Fuente, der ein Faible für die Geschichte des Römischen Reichs hat, auf eine entsprechende Nachfrage noch einen alten Kaiser. Julius Caesar wird die Aussage zugeschrieben, wonach es „keine großen Errungenschaften gibt ohne Leiden“. Das sei seine Botschaft für dieses Halbfinale: Um zu gewinnen, müsse man bereit sein zu leiden.
Frankreichs Nationaltrainer Deschamps vor dem WM-Halbfinale: Spanien ist Favorit
Deschamps und De la Fuente erwarten ein intensives Spektakel zwischen Frankreich und Spanien. Reaktionen zum Rassismus-Eklat um Rajoy.










