PfadnavigationHomeGeschichte80 Jahre WELT2015„Was die Terroristen treffen wollten: Uns. Unsere Freiheit, unsere Werte“Stand: 08:51 UhrLesedauer: 5 MinutenSpezialkräfte der Pariser Polizei vor dem Bataclan-KlubQuelle: picture alliance/dpa/Yoan ValatDer islamistische Terror von Paris entsetzte 2015 Frankreich und die Welt. Es war ein Blutbad, das das Wort Bataclan für immer zu einer Chiffre für religiösen Wahn machte. Die neue Folge unserer Serie zu 80 Jahren WELT.Bis in den Herbst 2015 hinein war das Bataclan im 11. Arrondissement von Paris ein Ort, an dem die Einwohner der Stadt herausfinden konnten, wie alt sie sich fühlten. Der Club sah aus wie eine Mischung aus Lebkuchenhaus und kalifornischem Mission-Style, und man konnte dort Spiele des Fußballklubs PSG auf Großleinwand schauen. Jeden Abend hatte eine andere Band einen Gig. Am Eingang standen mal zottelige Heavy-Metal-Fans, mal Banlieue-Hip-Hopper – und eines Abends Hunderte von Vierzehnjährigen mit Neon-Bommeln im Haar. Es waren Fans einer koreanischen Boygroup namens Block B. Wer beim Anblick dieses Querschnitts durch alle Jugendkulturen nicht mitkam, der wusste: Ich bin schon lange nicht mehr jung. Der WELT-Korrespondent Sascha Lehnartz schrieb über den Klub: „Es gab in Paris wahrscheinlich keinen freieren, lebenslustigeren, offeneren Ort als das Bataclan.“ Doch am Abend des 13. November 2015 – es war ein Freitag, das Haus deshalb besonders gut besucht – richteten Terroristen genau dort und in mehreren Restaurants in der Umgebung ein Blutbad an, das das Wort Bataclan für immer zu einer Chiffre für religiösen Wahn machte. Lesen Sie auchAm Tag danach zählte man 130 Tote, dazu kamen 683 Verletzte. Der „Islamische Staat“ hatte sich bald zu den Anschlägen bekannt – ganz so, als dürften die Verantwortlichen stolz auf die Mordorgie sein. Im Bataclan hätten sich „Ungläubige“ zu einer „Feier der Perversität“ versammelt, hieß es in dem Schreiben, das in der Logik der Terroristen eine Begründung liefern sollte. Nach Lehnartz’ Einschätzung war es „ein typischer IS-Text – voller Hass, verblasener Ideologie und debiler Jenseitsfantasien“. Allein im Klub metzelten die Täter 80 Jugendliche mit Sturmgewehren nieder, dutzende andere erschossen die Killer im Vorbeifahren – diese Opfer saßen fröhlich auf Restaurantterrassen. Nur 200 Meter entfernt lag das Bataclan von der „Charlie Hebdo“-Redaktion: Beim Anschlag auf die Satire-Zeitschrift hatten die Brüder Kouachi den verletzten Polizisten Ahmed Merabet zehn Monate zuvor mit einem Kopfschuss aus nächster Nähe ermordet, als der sich ihnen entgegengestellt hatte. Verblichene Blumen auf dem Boulevard Richard-Lenoir erinnerten wochenlang an die zwölf Todesopfer dieser Tat.Mehr von WELT in der Google-Suche: WELT als Medium bevorzugenDoch der Anschlag im Herbst hatte eine noch größere Dimension: Einige Kilometer weiter hörten 80.000 Fußballfans auf der Tribüne des Stade de France die Detonationen von Sprengsätzen im Zentrum der Stadt. Frankreich trug gegen Deutschland ein Fußball-Testspiel aus. Diesmal entgingen Fans und Spieler nur knapp Selbstmordanschlägen. Die Stunden der Ungewissheit auf den Rängen und in der Mannschaftskabine wird niemand vergessen, der dabei war. Deutschlands damaliger Kapitän Bastian Schweinsteiger sagte später: „Du denkst, du gehst zum Fußballspiel – und am Ende war das der schwärzeste Tag.“ Damit erreichte der Terror in Westeuropa eine neue Dimension. Hier ging es den Extremisten nicht mehr darum, durch eine Aktion an einem genau definierten Ort das Gefühl auszulösen, nirgends vor ihnen sicher zu sein. Lehnartz hatte das augenblicklich erkannt, als er schrieb: „Es gibt keinen Zweifel, was die Terroristen treffen wollten: Uns. Unsere Freiheit, unsere Werte. Unsere Lust an diesem Leben hier.“ Es war die Deutung, auf die sich beinahe alle seriösen Medien in Europa und den USA ohne Absprache einigten. Selbstverständlich entstanden auch nach diesem Anschlag rasch Fake News und Verschwörungstheorien, aber die freien Medien taten ihren Dienst. Frankreichs Präsident François Hollande, sonst als Zauderer bekannt, handelte entschieden. Noch während der Geiselnahme im Bataclan rief der Sozialist den landesweiten Ausnahmezustand aus. Ausgangssperren, weitgehende Hausdurchsuchungen ohne richterlichen Beschluss und Reisebeschränkungen waren damit erlaubt. Rasch folgte eine Solidaritätsadresse aus dem Weißen Haus. US-Präsident Barack Obama sagte, es handele sich um einen Anschlag auf die gesamte Menschheit und universelle Werte. Er sicherte Frankreich als ältestem Verbündeten der USA jegliche Unterstützung zu. Jenseits des Atlantiks gebar die Wut darüber hinaus eine Sternstunde im Fernsehen, die vorführte, wie Sarkasmus einen im Moment der Katastrophe erleichtern kann. Er wolle gar nicht lange bei dem Thema verweilen, sagte John Oliver in seiner Show „Last Week Tonight“, dafür sei es in seiner Grausamkeit zu komplex. An die Terroristen gewandt fuhr er fort: „Ihr befindet euch nun in einem Krieg mit Frankreich, bei dem es um Kultur und Lebensstil geht. Da kann ich nur sagen: Good f***in luck, Freunde! Kommt doch her mit eurer bankrotten Ideologie, ihr könnt nicht gewinnen.“ Doch die Briten vollbrachten die symbolisch größte Tat: Sie ließen die Tower Bridge in London – für die Insulaner eines der wichtigsten Wahrzeichen – in den französischen Nationalfarben Blau-Weiß-Rot erstrahlen. In Deutschland hatte der Terror von Paris einen Nachklang, der zeigte, dass die Bundesregierung in einem schwierigen Moment wenig souverän war. Vier Tage nach den Morden von Paris waren die Niederlande zu einem Fußballspiel nach Hannover eingeladen. Es sollte das Zeichen setzen, sich von dem Terror nicht einschüchtern zu lassen. Kurz vor dem Anpfiff allerdings wurde das Match aufgrund einer akuten Terrorwarnung abgesagt.Die Polizisten, die schwer bewaffnet in der niedersächsischen Landeshauptstadt unterwegs waren, erhielten lange keine präzisen Instruktionen. Bei der Pressekonferenz zu dem Thema baten mehrere Journalisten Innenminister Thomas de Maizière (CDU) um konkrete Informationen. Der antwortete, das könne er nicht sagen: „Ein Teil dieser Antworten würde die Bevölkerung verunsichern.“ Damit verunsicherte er die Deutschen mehr als mit jedem offenen Wort. Der Terror ging 2016 weiter – unter anderem in Nizza und auf dem Berliner Weihnachtsmarkt. Doch ihr Ziel, offene Gesellschaften zu zerstören, haben die Mörder von Paris nicht erreicht. Wer an einem Sommerabend in der französischen Hauptstadt durch die Straßen streift, kann sich davon überzeugen.Eigentlich hatte Philip Cassier frei – aber am Morgen nach den Anschlägen fuhr er in die Redaktion und arbeitete aktuell an der Ausgabe der WELT AM SONNTAG mit. Ehrensache.