Europäer klatschen begeistert – aber auf den falschen Beat. Melvin Gibbs erklärt, wie Black Music die Pop-Kultur eroberteDer Musiker und Musikologe Melvin Gibbs hat ein spannendes und kontroverses Buch über Black Music geschrieben. Er will zeigen, wie sich die afrikanische Musikalität von der westlichen unterscheidet.16.07.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenMelvin Gibbs provoziert: Nur Schwarze sängen den Blues authentisch.Galen Fletcher / Redux via LaifMelvin Gibbs hat sein Buch mit einem euphorischen Titel gekrönt: «How Black Music Took Over the World» – wie die Black Music die Welt eroberte. Der triumphale Tonfall scheint angemessen: Von Rock, Hip-Hop, House und R’n’B über Reggae und Reggaeton bis hin zu Latin- und Afrobeats oder K-Pop aus Südkorea ist die internationale Pop-Musik getönt und geprägt durch ein gemeinsames musikalisches Erbe.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der weltweiten Dominanz ist eine lange, katastrophische Geschichte vorausgegangen. Versklavte Afrikaner brachten ihre Musikalität überall mit in die afrikanische Diaspora, nach Süd- und Nordamerika zumal, wo sie diese unter Bedingungen des Zwangs und der Verzweiflung auslebten. Später mischten sich afrikanische Traditionen allenthalben mit Einflüssen aus aller Welt.Unterdessen zeichnet sich die Black Music durch Allgegenwart, aber auch durch eine Diversität aus, welche den Begriff selbst zu sprengen droht: Kann dieser der afrikanischen, karibischen und amerikanischen Vielfalt gerecht werden? Zweifel scheinen angebracht. Und doch ist gerade dies die feste Überzeugung des Musikers und Musikologen Melvin Gibbs.Fakten und RessentimentsWissenschaft habe viel mit guten Fragen zu tun, schreibt Gibbs in seinem ungewöhnlich heterogenen Buch, in dem sich biografische Erfahrung mit eigener Musiktheorie und Anleihen an verschiedene Wissenschaften abwechseln. Die am nächsten liegende Frage stellt er selber aber nicht explizit: Wie erklärt sich der globale Erfolg der Black Music? Gibbs beschreibt einen Zustand, ohne diesen schlüssig zu ergründen. Seite für Seite aber finden sich Anhaltspunkte für die Erklärung des Phänomens.Um wertfreie Wissenschaft handelt es sich bei Melvin Gibbs nicht. Er wirkt nicht frei von ideologischen Ressentiments. In seinen Ausführungen geht es immer wieder um eine Abrechnung mit dem westlichen Musikverständnis, dem er nicht bloss kolonialistische Arroganz vorwirft, immer wieder verweist er auch auf konkrete Missverständnisse.Das gilt etwa für den Begriff der «Synkope». Westliche Theoretiker sähen darin abweichende Akzente in regelmässigen Beats. Gibbs hingegen erklärt, dass die scheinbare Unregelmässigkeit durchaus eingebettet sei in eine organische – genauer: körperliche – Rhythmik, die auf die musikalische Praxis der Sklaven zurückgehe. Weil es ihnen an Instrumenten mangelte oder weil es ihnen verboten war, auf Trommeln zu spielen, schlugen sie rhythmische Patterns, während sie sangen und tanzten, auf den eigenen Körper. So ergaben sich charakteristische Grooves mit wechselnden Akzenten (zum Beispiel den «Juba Pattin'»).Gibbs hat ein eigenes Notationssystem entwickelt, in dem er Rhythmen in kreisrunden Uhrendiagrammen aufzeichnet. Er mutet damit den Lesern einiges an Vorwissen zu. Klar wird dabei, dass einige Grundrhythmen afrikanisch geprägter Musik – etwa «Clave», ein Muster, das Stile wie Salsa und Reggaeton prägt – durch Variation und Rotation stets weiterentwickelt wurden. Und nebenbei wird deutlich, dass in der Black Music das Tempo – im Unterschied zur europäischen Klassik – selten variiert. Zeitliche Spannung erzeugt vielmehr das Auslassen, Verdoppeln und Umspielen der Beats.Dominanz auf zwei und vierMelvin Gibbs reisst in der Musikszene alte Wunden auf, wenn er glaubt, Black Music sei die Sache schwarzer Musiker. Jedenfalls spricht er hellhäutigen Künstlern die Fähigkeit ab, schwarze Musik authentisch zu intonieren. Nur wer tief vertraut sei mit afrikanischen oder afroamerikanischen Traditionen und Kulturen, schaffe es, Blues oder Gospel die passende Emphase zu verleihen.Das mag zunächst irritieren. Aber man wird dabei auch an jene europäischen Pedanten erinnert, denen asiatische oder amerikanische Interpretationen klassischer Werke stets «zu oberflächlich» oder «zu naiv» erscheinen. Und wenn die Pedanten doch recht hätten? Eine gewisse Vertrautheit mit einer Tradition ist stets Voraussetzung für authentisches Musizieren – ganz gleich aber, ob sie einem quasi in die Wiege gelegt wird oder ob man sie sich erarbeitet.Wer afroamerikanische Musik spielt, muss einen Sinn für den «Backbeat» entwickeln. Wenn man von einem Viervierteltakt ausgeht, so werden in der Black Music meist die Schläge zwei und vier betont – dagegen akzentuiert die westliche Musik die Eins und die Drei. Dass dies zu rhythmischen Missverständnissen führen kann, ist regelmässig an Konzerten von Funk- oder Soulbands zu erleben: Das europäische Publikum bekundet seine Begeisterung dann oft durch «falsches» Mitklatschen auf den ersten und den dritten Schlag.Ein Kapitel widmet Melvin Gibbs dem Blues. Selbst ein gesuchter E-Bassist, zieht er seine Schlüsse aus der eigenen Spielpraxis. Auch wenn er von der sogenannten Blues-Tonleiter spricht – einer fünfstufigen Skala mit einem zusätzlichen Halbton zwischen Stufe drei und vier –, geht er von eigenen Erfahrungen aus. Diese Tonleiter habe ihm selber nie geholfen, das eigene Blues-Spiel zu beleben. Es handle sich bloss um ein Konstrukt im westlichen Notensystem, um die schwebenden Blue Notes im Sound alter Blues-Meister festzuhalten.Gibbs muss zwar anerkennend feststellen, dass die Blues-Tonleiter in der Rockmusik sehr fruchtbar war und eine Reihe charakteristischer Riffs zeitigte – etwa in «Sunshine of Your Love» von Cream. Aber diese Art von Aneignung ist ihm ein Dorn im Auge. Immer wieder sei schwarze Musik durch weisse Appropriationen verdrängt und verschattet worden.Dies aber scheint ein Klischee, eine alte ideologische Leier zu sein, die sich in Einzelfällen rechtfertigen lässt, grundsätzlich aber dem Titel des Buchs widerspricht. Tatsächlich darf sich gerade die afroamerikanische Minderheit heute dafür feiern, dass sie die globale Pop-Musik dominiert. Und die Begeisterung des weissen Publikums für Jazz, Soul, Rock und Hip-Hop festigt nicht nur die Soft Power der Black Music, sie sorgt nicht zuletzt auch für ein Einkommen.Musikalische BastlerIn diesem Punkt also dürfte der Autor durchaus euphorischer sein als schwarzer Musiker. Melvin Gibbs aber interessiert sich eben weniger für die Rezeption der Black Music als für ihre Produktion. Er blickt tief in die Geschichte und findet in der musikalischen Praxis immer wieder Analogien: Von den Sklaven, die ihre Musik den neuen Gegebenheiten anpassen mussten, bis hin zu den amerikanischen DJ und Rappern, die in Ermangelung herkömmlicher Instrumente auf Kassettengeräten und Plattenspielern musikalische Praktiken entwickelten – immer basierte die Musik auf Improvisation, Spontaneität und Bastelarbeiten.In Anlehnung an die Terminologie von Claude Lévi-Strauss bezeichnet Gibbs die Künstler der Black Music als «Bricoleurs», als Bastler – in Abgrenzung zu den «Ingenieuren» der klassischen Musik, die aus einer institutionalisierten Bildungskarriere heraustreten, passten sie ihre Musik den neuen Umständen und den vorhandenen Mitteln an. Aber auch aus der Bricolage ergeben sich schliesslich komplexe Kulturen – von der Jazzimprovisation über die kubanische Rhythmik von Son und Salsa bis hin zur Sample- und Beat-Wissenschaft des Hip-Hop.Dieses «Bricoleur»-Selbstverständnis aber – ist es nicht typisch für Migranten aller Couleur? Allenthalben müssen sie eine Identität zwischen Herkunft und Gegenwart, zwischen Tradition und neuen kulturellen Einflüssen herausbilden. Melvin Gibbs sagt das zwar nicht direkt. Vieles spricht in «How Black Music Took Over the World» aber dafür, dass die exemplarischen Erfahrungen schwarzer Musiker migrantische Gesellschaften überall inspirieren. Auch dies erklärt den weltweiten Erfolg.Melvin Gibbs: How Black Music Took Over the World. Bloomsbury, 2026. 304 S., Fr. 42.–.Passend zum Artikel
Die Geschichte der Black Music: von Sklaven-Rhythmen zu globaler Dominanz
Der Musiker und Musikologe Melvin Gibbs hat ein spannendes und kontroverses Buch über Black Music geschrieben. Er will zeigen, wie sich die afrikanische Musikalität von der westlichen unterscheidet.









