Aus Nordafrika gelangt heute mehr Wüstenstaub nach Europa als früherEisbohrkerne von einem Gletscher am Monte Rosa halfen einem Forscherteam bei der Rekonstruktion der Staubtransporte aus Nordafrika. Deren Zunahme hat theoretisch Folgen für die Gesundheit. Doch andere Forscher sehen die Studie kritisch.16.07.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenIm März 2026 war der Himmel über dem Vierwaldstättersee in Ockertöne getaucht, weil Saharastaub in der Luft schwebte.Urs Flüeler / KeystoneDringt Staub aus der Sahara bis nach Mitteleuropa vor, färbt sich der Himmel manchmal orange oder ocker. Auf Schneeflächen oder auf Fensterscheiben hinterlässt er rötliche Spuren.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der Staubtransport aus Nordafrika nach Europa habe seit dem 19. Jahrhundert deutlich zugenommen, berichtet jetzt ein internationales Forscherteam um Kaspar Dällenbach vom Paul-Scherrer-Institut im Wissenschaftsmagazin «Nature». Die neue Arbeit stütze frühere Studien zu diesem Thema.Die Forscher nennen zwei Ursachen für die Staubzunahme: Zum einen hätten Luftströmungen aus südlicher Richtung zugenommen, zum anderen seien bestimmte Gebiete in Marokko ausgetrocknet, so dass dort heute mehr Staub aufgewirbelt werde. Bei beiden Ursachen könnte der menschengemachte Klimawandel eine Rolle gespielt haben. Noch lässt sich sein Einfluss nicht gut quantifizieren. In mehreren früheren Studien wurde nachgewiesen, dass die Wüstenbildung in Marokko auch auf Fehler bei der landwirtschaftlichen Nutzung und auf übermässige Wasserentnahme zurückzuführen ist.Rekonstruktion von Staubtransporten dank GletschereisDas Team um Dällenbach kombinierte verschiedene Methoden. Eine wichtige Grundlage der Studie sind drei Eisbohrkerne von einem Gletscher am Monte Rosa, die in den Jahren 2003 und 2021 aus dem 4450 Meter hohen Gletschersattel Colle Gnifetti extrahiert wurden. Das Eis ist dort bis zu 80 Meter dick. Die Schichten gefrorenen Wassers speichern Informationen über den historischen Transport von Wüstenstaub nach Europa.Staub aus Nordafrika enthält typischerweise Aluminium und Kalzium. Spuren dieser Metalle finden sich auch in den Schichten des Eisbohrkerns. Anhand dieser Metallspuren rekonstruierten die Forscher, wie häufig und wie stark Staubtransporte nach Europa seit Mitte des 18. Jahrhunderts waren. Für die Rekonstruktion nutzten sie aber auch etliche Staubmessungen an rund hundert europäischen Bodenstationen sowie Berechnungen mit Wettermodellen.Laut der Studie lagerte sich in den Alpen in den vergangenen Jahrzehnten ungefähr doppelt so viel Staub ab wie vor Beginn der Industrialisierung. Die am stärksten von den erhöhten Staubtransporten betroffene Zone reicht von der iberischen Halbinsel über Frankreich und Italien bis nach Griechenland.Die Staubemissionen schwanken starkBernd Heinold arbeitet am Leibniz-Institut für Troposphärenforschung in Leipzig und war nicht an der Studie beteiligt. Er kritisiert, dass die aus der Rekonstruktion abgeleitete starke Zunahme des nach Europa transportierten nordafrikanischen Staubs als langfristiger Trend seit vorindustrieller Zeit dargestellt wird.Andere Studien zeigen für die vergangenen zwanzig bis vierzig Jahre kein einheitliches Bild eines zunehmenden Staubtrends. Vielmehr schwankten die Staubtransporte räumlich und zeitlich stark.Auch dass die Autoren die Staubtransporte eindeutig mit einer wachsenden Verödung der nordafrikanischen Trockengebiete in Verbindung bringen, sieht Heinold kritisch. Dass die Staubproduktion systematisch zugenommen habe, könnten die Autoren nicht belegen.Daher lässt sich laut Heinold nicht einfach mit Ja oder Nein beantworten, ob die Staubquellen in Nordafrika seit vorindustrieller Zeit systematisch durch Wüstenbildung zugenommen haben. Die Veränderungen dieser Gebiete liefen räumlich und zeitlich sehr unterschiedlich ab. Staubemissionen hingen zudem von mehreren Faktoren ab, darunter Bodenfeuchte, Vegetationsbedeckung, Landnutzung, Windverhältnisse, die Lage aktiver Staubquellen und die atmosphärische Zirkulation.Trotz diesen Unsicherheiten ziehen die Autoren der Studie aus ihren Resultaten auch Folgerungen für die Gesundheit. Der empfohlene Grenzwert für gesundheitliche Gefährdung durch Feinstaub liegt laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) bei 15 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft. Gemeint sind Staubkörnchen mit einem Durchmesser bis 10 Mikrometer. Zwischen 2012 und 2021 habe die durchschnittliche Konzentration von Feinstaub in Südeuropa schon bei 5,3 Mikrogramm pro Kubikmeter gelegen – Tendenz steigend, schreiben die Autoren. Bei besonders staubreichen Episoden liege die Konzentration aber viel höher. Der WHO-Grenzwert werde darum heute leichter überschritten als in der Vergangenheit.Passend zum Artikel
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Eisbohrkerne von einem Gletscher am Monte Rosa halfen einem Forscherteam bei der Rekonstruktion der Staubtransporte aus Nordafrika. Deren Zunahme hat theoretisch Folgen für die Gesundheit. Doch andere Forscher sehen die Studie kritisch.











